"Das Titanic-Syndrom"

Die Angst des Monsieur Hulot vor der Klimakatastrophe

Lutz Hermann13. Oktober 2009

Betäubt, erschlagen und sprachlos reagieren die Zuschauer auf die Schreckensbilder vom Zustand in allen Teilen der Erde. Viele in den Sälen klatschen spontan Beifall. Die Pariser Medien
berichten ausführlich. Seit 20 Jahren versucht Nicolas Hulot, die Staaten anzuhalten, entschiedener zu reagieren. Zwei Drittel der Franzosen sagten in einer Umfrage der Sonntagszeitung "Journal
de Dimanche", Hulot sei der beste Anwalt für einen Aufbruch zur Rettung des bedrohten Planten. In Meinungsumfragen über beliebte Persönlichkeiten rangiert er ganz oben. 43 Prozent wollten, dass
er in der letzten Präsidentschaftswahl 2007 als Kandidat auftrete. Der beliebte Grüne hat abgewunken nach dem Motto, Schuster bleibe bei deinem Leisten.

Die Natur wird geschändet

Früher hat Hulot schöne Fernsehreportagen über die letzten Paradiese der Erde gedreht, heute muss er, zwei Jahrzehnte nach Gründung seiner Stiftng, entsetzt, erschrocken und schockiert die
einstigen Bilderbuchlandschaften zeigen. "Ich habe Angst um meine Kinder. Die Natur wird geschändet. Wir sind alle in einem Hühnerkäfig gefangen!"

Sein Ko-Regisseur, der bekannte Dokumentarist Jean-Albert Lievre, hat sich zwar den Konkurrenzstreifen "Eine unbequeme Wahrheit" des früheren US-Vizepräsidenten Al Gore genau angesehen, aber
er fand auf seinen Reisen neue, erschreckende Zustände: Alte Männer., die in Käfigen in Shanghai leben und auf ihren Tod warten, Bettlerheere neben Luxushotels in Los Angeles, schmutzige
Barackenviertel in Lagos so gross wie Berlin, Elendsquartiere zwischen Wolkenkratzerleuchtreklame in Tokio. Hier wird die ökologische Misere als soziales Problem dargestellt. Wirtschaftswachstum
also ohne Ende? wird im Film gefragt. Grenzenlose Ausbeutung der Rohstoffe, zu welchem Preis? Drei Milliarden Menschen müssten wöchentlich mit 20 Euro auskommen.und 20 Prozent der
Weltbevölkerung teile sich 80 Prozent der Energie - "eine schreiende für jedermann erkennbare Ungerechtigkeit!"

Ende der Anbetung des Kapitalismus

Aufrütteln und alarmieren will Nicolas Hulot, der vor drei Jahren einen "Umweltschutz-Pakt" für die Wende im Energieverbrauch vorschlug. Staatspräsident Nicolas Sarkozy ließ sich beeinflussen
und arbeitete einen grünen Reformplan ("Die Vereinbarungen von Grenelle") aus. Er zieht den Ökopapst immer wieder zur Beratung heran. Doch Hulot will nicht mehr freundlich und verständnisvoll
auftreten .Es gehe nicht mehr nur um Umweltschutz oder Einführung einer Klimasteuer im EU-Raum, sagt er, es gehe heute um Konsumdrosselung, um eine Wachstumsbremse, um ein Ende der "Anbetung des
Kapitalismus". Hulot beschwört die Kinogänger: Noch können wir auf der Titanic die Fahrtrichtung ändern. Der Zusammenprall mit dem Eisberg, der uns mächtig entgegendümpele, sei nur noch eine
Frage der Zeit.

"Wir leiden", sagt er am Ende, "und wer jetzt noch nicht leidet, wird es später tun!" Eine Milliarde Menschen seien vor Hunger, Hochwasser und Hurrikans auf der Flucht. Die Hälfte der
Menschheit lebe in Megametropolen. "Der Wahnsinn ist doch, immer mehr produzieren und haben zu wollen!" Die Klimakrise könne nicht ohne Lösung der Hungerkrise gelöst werden. Eine weltweit
operierende Organisation müsse her, die einflußreiche "Lobbyisten für den Umweltschutz" leiten müßten. "Wohin reisen wir?" fragt Humot in seinem Film. "Keiner weiss es, oder letzten Endes doch?"
Hulot will seine Zuschauer nicht mit einem total pessimistischen Ausblick entlassen: "Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben!"