Buchtipp für den Sommer

Wie es sich anfühlt, Willy Brandt als Vater zu haben

Ralf Stegner10. August 2017
In unserer dreiteiligen Mini-Serie stellen SPD-Politiker Lesetipps für den Sommer vor. Dieses Mal: Ralf Stegner. Er empfiehlt das Buch „Raumpatrouille“ von Matthias Brandt. Der Schauspieler und Buchautor erzählt darin von seiner Kindheit und seinem berühmten Vater Willy Brandt.

Wenn am Sonntagabend das Gesicht von Schauspieler Matthias Brandt den Bildschirm füllt, bin ich jedes Mal sicher: Das wird ein guter "Polizeiruf 110". Nicht, weil der Plot so spannend ist oder die Dramaturgie außergewöhnlich. Es ist das Spiel von Matthias Brandt, das seine Filme zum Genuss werden lassen. In aller Zurückhaltung, wortarm, fast lakonisch füllt Brandt den Charakter des aus alter Familie abstammenden Hanns von Meuffels aus.

Das Große im Kleinen

Matthias Brandt: Raumpatrouille

Wie von Meuffels entstammt auch Brandt einer an Geschichten und Geschichte reichen Familie. Und wie der Schauspieler beherrscht auch der Schriftsteller die Kunst des pars pro toto, des Erzählens des ganz Großen im ganz Kleinen. „Raumpatrouille“ ist ein schmaler Band, angefüllt mit kurzen und dabei keineswegs kleinen Geschichten. Wer es liest, entdeckt tausende Novellen darin: Von einer Kindheit im Nachkriegsdeutschland, in der man für Beinamputierte den Platz in der Straßenbahn räumen musste. Von einem Jungen, der seinen Hund Gabor liebt und davon träumt, Raumfahrer zu werden. Von missglückten Fahrradausflügen mit schwierigen Kollegen des Vaters.
 
Über all diesen Geschichten blitzt sie auf, die unerhörte Begebenheit. Die Geschichte davon, wie es ist, als Sohn einer Lichtgestalt aufzuwachsen, als Sohn von Willy Brandt. Und der Leser erkennt: Gar nicht so besonders, gar nicht so anders, so scheint es. Abwesende Väter gab es in der Bonner Republik allerorten. Der Blick auf den Vater ist ein gleichmütiger, aber nicht schulterzuckender, ein liebevoller, aber kein bewundernder. Und doch war Willy Brandt eben nicht irgendein Mensch.

Nicht nur für SPD-Anhänger

Das Bändchen schließt mit einer Szene zwischen Vater und Sohn, die das Unaussprechliche in Bilder fasst und dem Vater so doch noch seinen besonderen Platz einräumt: „Vorsichtig rutschte ich näher. Den Kopf schließlich, nach kurzem Zögern, erst auf seiner Schulter, dann in seinem Schoß, schaute ich nach oben, sah die ledrigen Wangen mit dunklen und grauen Bartstoppeln und war kurz versucht, sie zu berühren. Aber keinesfalls wollte ich den Moment zerstören.“ Matthias Brandts Raumpatrouille ist ein Muss im Reisegepäck - nicht nur von Sozialdemokraten.

Matthias Brandt: Raumpatrouille; Verlag Kiepenheuer&Witsch; ISBN: 9783462045673; 18,00 EUR

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