Filmtipp

Die andere Seite von allem: Intimer Blick auf Krisen und Kriege

Nils Michaelis16. November 2018
Tür zur Vergangenheit: die Wohnung der Turajlićs in Belgrad.
Tür zur Vergangenheit: die Wohnung der Turajlićs in Belgrad.
Was treibt Menschen an, sich gegen politischen Irrsinn zu stellen? Der serbische Dokumentarfilm „Die andere Seite von allem“ erzählt eine Familiengeschichte, in der sich das Chaos in Ex-Jugoslawien widerspiegelt, anhand einer Wohnung in Belgrad.

Etwa ein Fünftel der Bürger Serbiens will das Land verlassen. Die am häufigsten genannten Motive sind der Lebensstandard und die allgemein „schlechte Situation“ im Land, ergab eine Umfrage vom Think-Tank Srbija 21. Manch einer sieht die Wahl von Aleksandar Vučić, ehedem Informationsminister unter dem Autokraten Slobodan Milošević, als Rückschritt bei der demokratischen Entwicklung des Landes.

Freiheit als großes Scheitern

Anders gesagt: Die Demokratie muss sich in dem Richtung EU strebenden Land noch bewähren. Das sehen auch prominente Vertreter jener politischen Kräfte so, die nach Miloševićs Sturz vor 18 Jahren die freiheitliche Grundordnung mit aufgebaut haben. Eine davon ist Srbijanka Turajlić. Wenn ich tatsächlich eine Freiheitskämpferin bin, ist die Freiheit, die ich gewonnen habe, gleichzeitig das größte Scheitern meines Lebens“, sagt die frühere Mathematik-Professorin und zeitweilige Staatssekretärin im Bildungsministerium. Ihre Familiengeschichte ist eng mit der Historie Serbiens und Jugoslawiens verbunden. In den 90er-Jahren trug sie als Mitglied der Bewegung Otpor (Widerstand) mit scharfzüngigen Reden vor Tausenden Demonstranten dazu bei, dass die Belgrader Universität zu einem Bollwerk gegen Präsident Milošević wurde. Das kostete sie den Job.

Diktatur, politische Krisen und Bürgerkrieg haben tiefe Spuren bei der 72-Jährigen hinterlassen. Der Ort, wo all das erfahrbar wird, ist ihre Wohnung im Zentrum Belgrads. Diese ist der zentrale Schauplatz von „Die andere Seite von allem“. Erbaut wurde das Haus von Turajlićs Großvater. Dieser ist auf einem Gemälde im serbischen Parlament zu sehen, das den Gründungsakt des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen nach dem Ersten Weltkrieg zeigt. Als nach 1945 Titos Kommunisten die Macht in Jugoslawien übernahmen, erlebte die Familie eine Deklassierung: Sie musste die Hälfte ihrer Wohnung abgeben. Die Grenze markierte eine Tür im Wohnzimmer, die fast 70 Jahre verschlossen blieb.

Eine Wohnung als Brennglas von Staatskrisen

Selbst wenn alle wussten, wer dort wohnte: Was sich hinter dieser Tür abspielte, war Gegenstand wildester Spekulationen: vor allem, weil die Turajlićs lange Zeit im Visier der Sicherheitsbehörden blieben. Nicht nur wegen der großbürgerlichen Herkunft, sondern auch, weil bei ihnen regelmäßig Menschen zusammenkamen, die mit dem jeweiligen Belgrader Regime unzufrieden waren. So wurde die Wohnung zum Kristallisationspunkt all der Krisen und Zäsuren Jugoslawiens und Serbiens. Mila, eine von zwei Töchtern der Protagonistin, war seit ihrer Kindheit immer mittendrin.

Die Regisseurin des Films erlebte, wie ihre Familie und deren Freunde versuchten, an einer jugoslawischen Identität festzuhalten, während der großserbische Nationalismus das Ruder übernahm. „Je mehr ich auf die verschlossene Tür in unserem Wohnzimmer starrte, die ich mein ganzes Leben vor Augen hatte, umso klarer wurde mir, dass man vieles über Serbien verstehen kann, wenn man über getrennte Räume spricht. Räume zwischen denen, die die Vergangenheit neu schreiben wollen und denen, die sie anerkennen wollen“, sagt die 39-Jährige. „Es war auch eine Möglichkeit das Leben meiner Mutter zu verstehen, ihre Versuche, Brücken über die trennenden Gräben in unserem Land zu bauen.“

Der Dialog zwischen Mutter und Tochter

Turajlićs Film versucht, zum Kern des, wie sie sagt, bürgerlichen Aktivismus ihrer Mutter vorzudringen, „zum Engagement als intime Handlung“. Dabei geht es nicht darum, die frühere Aktivistin zu glorifizieren, sondern darum, Rechenschaft für einen selbst gewählten Weg abzulegen. Auch vor dem Hintergrund, dass auch heute gerade junge Menschen in Serbien vor der Herausforderung stehen, unter schwierigen Umständen eine eigene Richtung zu finden.

Grundlage für die filmische Erzählung ist der über Jahre dokumentierte Dialog zwischen Mutter und Tochter. Die Kamera fängt beiläufige Alltagssituationen ein, lässt uns aber auch an der aufgeheizten Stimmung teilhaben, die sich immer wieder vor der Haustür entlädt. Hinzu kommt Archivmaterial, unter anderem von den Kriegen jüngeren Datums. Mag dieser Rechenschaftsbericht mitunter etwas langatmig sein: So einen intimen, aber auch von lakonischem Humor geprägten Blick auf die Wirrnisse in Ex-Jugoslawien hat man selten erlebt. Es ist an uns, daraus Lehren für die Gegenwart zu ziehen.

Die andere Seite von allem (Serbien/Frankreich/Katar 2017), ein Dokumentarfilm von Mila Turajlić, mit Srbijanka Turajlić u.a., OmU, 104 Minuten.

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