Rezension; Josef Braml: "Der amerikanische Patient"

Wohin Amerika?

Peter Brinkmann04. Juni 2012

Amerika lahmt und leidet. Hohe Schulden, ökonomische Probleme, soziale Zerrissenheit. Aus den USA ist eine Weltmacht auf Pump geworden. Quo Vadis Amerika? Josef Braml. USA-Experte der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP) gibt in seinem Buch Antworten.

Amerika zerfällt: Die schlimmste Rezession seit den 1930er-Jahren, eine beängstigende Staatsverschuldung, dramatisch gestiegene Arbeitslosigkeit und wachsende soziale Ungleichheit und Armut bedrohen die gesellschaftliche Stabilität. Wie reagiert die Regierung? Kommt ein neuer Protektionismus, mehr Wettbewerb oder eher ein Kampf gegen China? Josef Braml liefert mit seinem Buch „Der amerikanische Patient. Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet“eine Art wirtschafts- und außenpolitisches Frühwarnsystem. Er erklärt, was das Wanken Amerikas für den Rest der Welt bedeutet und wie sich Deutschland am besten darauf einstellen kann.

Wege aus der Krise

Aber stehen die USA tatsächlich vor dem „Kollaps“, wie es der Untertitel suggeriert? „Ich hege die Hoffnung, dass die hier vorgelegte Diagnose vielleicht doch etwas zu pessimistisch ausgefallen ist und dass sich der „amerikanische Patient“ als ungeahnt vital erweist und sich schneller erholen wird, als erwartet“, schreibt Braml. Er analysiert die Lage in den USA und kommt zu dem Kernsatz: „Alles blockiert sich gegenseitig in der amerikanischen Politik“.

Dann kommen seine Vorschläge das zu ändern. Wie der SPD-Amerika-Experte Karsten Voigt bei der Vorstellung des Buches in der DGAP sagte: „Daraus müssen wir die Hoffnung schöpfen, dass es wieder einen Weg aus der Krise geben wird und kann.“ Und wer dieses Buch genau liest, sieht Wege.

Selbstblockade und Belastung

Braml weist sehr detailliert nach, warum politische Kräfte in den USA nicht so schnell Handlungsmacht gewinnen können. Er schreibt: „die politische Selbstblockade wird auch nach den Wahlen im November den nächsten Präsidenten daran hindern, die von der politischen Elite der USA gemeinhin beanspruchte Führungsrolle in der Welt zu behaupten. Der globale Hegemon kann künftig nicht mehr die erforderlichen Leistungen wie Sicherheit, freien Handel und eine stabile Leitwährung bieten, sondern wird vielmehr versuchen, die Last globaler Verantwortung auf seine Konkurrenten und Verbündeten abzuwälzen.“

Amerika, so Braml, werde in Zukunft mehr Gewicht darauf legen, seine vitalen Eigeninteressen rücksichtsloser durchzusetzen. Es werde versuchen Lasten abzuwälzen – und damit Konkurrenten, aber auch Verbündete in Europa und Asien massiv belasten.

Europa muss sich regenerieren

Das aber heißt: Andere müssen dieses Vakuum füllen, andere Polit-Player müssen die Rolle der Verantwortung in der Welt übernehmen. Wer könnte das sein? Zumal es nicht allein nur um Sicherheitsinteressen geht. Es geht auch um Energiepolitik im globalen Maßstab, es geht um offene, freie und faire Handelspolitik. Hier muss Europa, muss die EU ihre Interessen deutlicher als bisher formulieren und so eine größere und bedeutendere Rolle spielen. Und mehr eigene Ideen in die Politik der USA einbringen. Europa muss sich regenerieren.

Welche Rolle wird China künftig im Weltkonzert spielen? Josef Braml analysiert, dass die USA sich offenbar entschlossen habe, gegenüber China Macht zu demonstrieren – militärisch und wirtschaftlich. Die beiden Staaten müssten sich aber arrangieren, um nicht in einen großen Konflikt zu geraten, so Braml. Die USA müssten allerdings aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage sparen – auch beim Militär, wohingegen China massiv Geld in sein Militär pumpt.

Vor allem aber: „Man hängt gegenseitig voneinander ab. China kann nicht ganz aus den amerikanischen Staatsanleihen herausgehen, es würde sich damit selbst schaden, die massiven Anlagen gefährden. Amerika und China konkurrieren weltweit um immer knapper werdende Ölressourcen. Das ist ein Machtkampf, der nicht ganz ohne ist, aber in vielen Bereichen ist man nach wie vor gegenseitig voneinander abhängig. Deswegen diese Ambivalenz. Einerseits: China und Amerika sind gegenseitig abhängig, Amerika will China einbinden. Andererseits muss es sich aber darauf vorbereiten, dass die Wirtschaftskraft Chinas auch in militärische Macht umgemünzt wird, und will das eben hier auch eindämmen.“

BramlsBuch ist ein pessimistischer Blick auf Amerikas Lage. Und doch sollten all jene, die wissen wollen warum Amerika lahmt und wie es wieder flott werden kann, dieses Buch lesen. Nur erschrecken darf der Leser sich nicht über die Analysen. Der Kollaps scheint bedrohlich nahe, aber er ist auch abwendbar.

Josef Braml: "Der amerikanische Patient. Was der drohende Kollaps der USA für die Welt bedeutet", Siedler Verlag, München 2012,  224 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-88680-998-1