Asyldebatte

Afghanische Kinder: Ausreise ins Ungewisse

Johanna Schmeller16. Oktober 2018
Traumatisiert, vernachlässigt, geschlagen: Nach einer Studie der Kinderrechtsorganisation „Save the Children“ werden bei Rückführungen von Kindern aus europäischen Staaten nach Afghanistan fundamentale Kinderrechte nicht gewährleistet – auch nicht, solange sie noch unter Aufsicht der Ausreisestaaten stehen.

57 Kinder, die aus Europa nach Afghanistan zurückkehrten, hat die Kinderrechtsorganisation „Save the Children“ für einen Bericht über die Dauer eines Jahres befragt. Neun von ihnen kamen aus Deutschland.

Das Zeugnis, das sie nun den Regierungen in Deutschland und anderen europäischen Staaten ausstellt, ist beschämend: Rund drei Viertel der Kinder fühlten sich während der Abschiebung oder Rückführung verängstigt, mehr als die Hälfte hat Gewalterfahrungen gemacht, während sie noch formal unter Aufsicht und Schutzpflicht westlicher Behörden standen. Einigen der Minderjährigen seien im Flugzeug Handschellen angelegt worden. Andere seien durch Polizei eskortiert oder am Flughafen von ihren Familien getrennt worden.

Versuche von Zwangsrekrutierungen durch Terroristen

Laut der Studie seien viele jener afghanischen Kinder, die zusammen mit Partnerorganisationen aus Norwegen und Schweden identifiziert und neben ihren Familien und NGO-Vertretern befragt worden waren, von Gewalt und Zwangsrekrutierungen durch Terroristen bedroht gewesen (rund 20 Prozent).

Drei Viertel der Kinder erklärten, aus Angst vor Terror, Gefechten und wegen mangelnder Zukunftsperspektiven erneut flüchten zu wollen. Nur drei der 57 hätten einen Reintegrationsplan bekommen – also Informationen, wie sie sich nach der Landung in Kabul weiter verhalten könnten. Zwei Drittel der Kinder wiesen psychosoziale Belastungssyndrome wie starke Angst, Wut oder Ohnmachtsgefühle auf. In einer familiengeprägten Gesellschaftsstruktur wie Afghanistan fehle es allerdings an psychosozialen Betreuungsstrukturen. Auch zur Schule könnten sie dort nicht weiter gehen.

Stigma Fluchterfahrung

Die Abschiebung – oder Rückführung im Rahmen freiwilliger Rückkehrprogramme, die mit finanziellen Anreizen arbeiteten – bedeute eine Fahrt „ins Ungewisse“. Einige der Kinder seien gar nicht in Afghanistan, sondern auf der Flucht geboren und daher völlig fremd im Land.

Zudem gelte es als Stigma, im Westen gelebt zu haben: „Manche Leute sagen, dass die Kinder, die in Europa waren, zu Ungläubigen geworden und keine echten Moslems mehr sind“, wird ein 19-Jähriger zitiert, der mit 16 aus Österreich zurückgeführt worden war. 

„Eins der gefährlichsten Länder der Welt“

Die Sicherheitslage, die die Flucht ursprünglich auslöste, habe sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert. Afghanistan sei heute „eines der gefährlichsten Länder der Welt“, so Meike Riebau, Rechtsexpertin der Organisation und Studienverantwortliche.  Pro Woche stirbt nach UN-Angaben derzeit ein Mensch in Afghanistan bei einem Anschlag. Im Jahr 2017 wurden 2300 Tote verzeichnet – ein neuer Rekord. Im ersten Halbjahr 2018 sind bereits 1700 Zivilisten gewaltsam zu Tode gekommen. Das ist die höchste Zahl seit einer knappen Dekade. Laut einem UN-Bericht wurden seit Januar mindestens 653 Kinder im Konflikt in Afghanistan getötet und 1483 weitere verletzt. „Save the children“ mahnt europäische Regierungen daher – zusammen mit UN und Pro Asyl – von Abschiebungen nach Afghanistan abzusehen.

Deutschland schickt seit Ende 2016 wieder abgelehnte Asylbewerber zurück nach Afghanistan, bisher allerdings keine Minderjährigen. Nur das Bundesland Bayern führt laut „Save the children“ unbeschränkte Abschiebungen nach Afghanistan durch.

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Kommentare

Abschiebungen

Das ist eben die Politik der EU. Genau die EU die von der offiziellen SPD als so großes friedliches und humanitäres Projekt hingestellt wird.
Haben die Spezialdemokraten nicht dem Krieg in Afghanistan zugestimmt ? was ist mit Mali ? Resourcen zählen - Menschen nicht ! Das ist hat (auch) SPD Politik.
Es wäre mal an der Zeit ein paar saudische Diplomaten auszuweisen - bei russischen brauchen sie nur den Befehl von Trump und May.

Seit 2001 führt der Westen

Seit 2001 führt der Westen Krieg in Afghanistan. Was wurde dort erreicht außer Tote, Leid und Elend? Absolut nichts. Ja die Rohopium-Produktion wurde auf Rekordhöhen getrieben, das ist aber auch alles. Die Fluchtursachen hat der Westen in Afghanistan und in vielen anderen Ländern durch völkerrechtswidrige Angriffskriege selbst erzeugt. Darüber wird nicht berichtet.

Haben die Spezialdemokraten... Krieg in Afghanistan zugestimmt?

Sie haben nur billigste Polemik zu bieten in einem Tenor, wie er auch auf Putins RT zu finden ist. Sozialdemokraten haben dem Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zugestimmt um dort nach dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen und dem folgenden Bürgerkrieg eine stabile, demokratisch gewählte Regierung zu etablieren. Leider hat das nicht geklappt wobei leider auch Fehler und Fehleinschätzungen eine rolle spielten. Sie verbindet mit der SPD, die Sie als "Spezialdemokraten" verunglimpfen, nichts, Desinformation in Putins Sinne (Fake News) ist der Zweck Ihrer Beiträge, das ist nicht zu übersehen.

enfants soldats versus soldats d'infanterie

Das Dilemma des parlamentarischen Engagements in Afghanistans ist, dass soviel Einsatz gezeigt werden muss, um das moralische Empfinden der eigenen Bevölkerung bzw. die eigene Staatsräson zu befolgen, aber nicht mehr Engagement gezeigt werden soll, die dazu führen könnte, durch langjährigen zivilgesellschaftlichen Verpflichtungen die eigene Wiederwahl zu gefährden. Dabei haben Abgeordnete hier eine Wahl. Anders ist dies bei den mitunter Schwächsten der afghanischen Gesellschaft. Diese Kinder haben keine wirkliche existentielle Wahl. Sie werden instinktiv die Strategie wählen, die sie am Leben erhält. Sie besitzen hierfür nicht den vollständigen Überblick. Deutsche Politiker[innen] schon.

Der Begriff "Infanterie" entstammt den minderjährigen Begleittruppen berittener Soldaten [siehe Knappen und Knaben]. Kinder mussten also schon immer für die Dummheit von Erwachsenen herhalten. Der einzige Weg Kindersoldaten zu vermeiden, ist mit einer angemessenen Anzahl von Militär- und Zivilkräften die afghanische Gesellschaft zu befrieden. Wir haben die Wahl. Entweder engagieren wir uns entsprechend und schicken afghanische Kinder derzeit nicht in den sicheren Tod, oder diese werden sterben.

Afghanische Kinder: Ausreise ins Ungewisse

Als ehrenamtlicher Asyl- und Integrationsbegleiter in meiner Stadt habe ich mehrfach afghanische Familien mit Kindern betreut. Mit Kindern, die hier die Schule besuchen, sich sehr anstrengen um die deutsche Sprache zu erlernen und für die dieses Land Heimat geworden ist. Die ständige Unsicherheit und die Angst vor Abschiebung belastet diese Kinder und verwehrt ihnen eine unbeschwerte Kindheit, wie sie meinen Enkelkinder vergönnt ist. Hier ist eine Stichtagsregelung dringend erforderlich, die Familien mit Kindern, die sich schon längere Zeit in Deutschland aufhalten und sich integrieren wollen, die Chance auf ein dauerhaftes Bleiberecht gibt und sie vor Abschiebung schützt.