Politisch aktiv im hohen Alter

Warum eine 90-Jährige wegen einer Straßenkurve in die SPD eintritt

Fabian Schweyher11. Juli 2017
Anna Kraiss
Neumitglied Anna Maria Kraiss erhält von SPD-Bundestagskandidat Christian Winklmeier einen Blumenstrauß überreicht.
Sie ist 90 Jahre alt und seit kurzem Parteimitglied: Anna Maria Kraiss engagiert sich in Bayern für die SPD. Gleichzeitig hadert sie mit der Politik in dem CSU-dominierten Bundesland. Als schlechtes Beispiel nennt sie Franz Josef Strauß, den sie einst als Journalistin selbst erlebt hat.

Wer in der Politik mitmischen möchte, für den gibt es keine Altersbeschränkung nach oben. Das beweist Anna Maria Kraiss mit ihren 90 Jahren. Ihr gesamtes Leben hat sie die SPD gewählt, doch eingetreten in die Partei ist sie erst im vergangenen Februar.

Das Motto: Taten statt Worte

Der Grund für ihr spätes politisches Engagement befindet sich an einer Straßenkurve in ihrer Heimatstadt Gauting, südwestlich von München. Dort, nicht weit von ihrer Wohnung entfernt, staut sich immer wieder der Verkehr, weil parkende Autos den Weg zum Nadelöhr machen. Ein Ärgernis für Kraiss. „Wenn ich etwas zu sagen hätte, dann gäbe es ein Parkverbot.“ Eines Tages erzählte sie ihrer Tochter von der Situation. Doch die antwortete nur: „Mach doch etwas anstatt nur zu reden.“ Kurzerhand trat Kraiss in den SPD-Ortsverein Gauting ein. Seitdem besucht sie dessen Treffen.

Die Verbundenheit zur Sozialdemokratie wurde Kraiss quasi in die Wiege gelegt. Im Jahr 1927 wurde sie in Recklinghausen geboren, mitten im Ruhrgebiet, der sogenannten Herzkammer der SPD. Ihre Eltern fühlten sich den sozialdemokratischen Werten verbunden und gaben sie an ihre vier Kinder weiter.

Der Gerucht der Phosphorbomben

Umso schlimmer war es für die Familie, als die Nazis 1933 an die Macht kamen. Bis heute hält Kraiss der SPD zugute, dass sie als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Im Dritten Reich versuchte der Vater, ein überzeugter Gegner der Nationalsozialisten, seine Kinder von dem Einfluss des Regimes zu schützen und schickte sie auf eine Klosterschule in Düsseldorf.

Im Jahr 1943 warfen alliierte Kampfflugzeuge Bomben über der Stadt ab. Die Schule wurde vollkommen zerstört, während Kraiss im Schlafanzug und in Pantoffeln im Keller kauerte. „Wenn ich heutzutage nach Düsseldorf fahre, kann ich die Phosphorbomben riechen“, sagt sie. Man könne sich nicht vorstellen, wie schlimm es gewesen sei. Sie habe damals gedacht, dass es nie mehr Krieg geben würde. Ein Irrtum. „Für mich ist das furchtbar, weil ich weiß, was Krieg bedeutet.“

Seit 50 Jahren in Bayern zuhause

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sie als Anzeigen- und Vertriebsleiterin für eine Wirtschaftszeitung in Düsseldorf. Schließlich wurde sie nach Stuttgart geschickt, wo ihr Chef sie fragte, ob sie nicht als Wirtschaftsjournalistin arbeiten wolle. Sie sagte zu. Später zog sie nach München, heiratete ihren Mann und berichtete bis zur Rente als Korrespondentin für die Stuttgarter Zeitung.

Seit 50 Jahren lebt sie in Bayern. Als SPD-Anhängerin befindet sie sich damit in der politischen Diaspora. Doch nicht deswegen hadert sie mit ihrer Wahlheimat. „In der Politik in Bayern wird zu viel vertuscht“, ist sie überzeugt. Es gebe zu viel Korruption. In diesem Zusammenhang nennt sie den Namen des CSU-Idols Franz Josef Strauß. Als sie noch als Journalistin gearbeitet habe, habe sie sein "Korruptionsverhalten" selbst erlebt. „Er wird hier wie ein Gott verehrt. Ich kann das nicht begreifen.“

Glühende Europäerin

Bei der kommenden Bundestagswahl hofft sie auf einen Sieg von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. „Ich bin guter Dinge“, sagt sie. Damit der Wahlsieg gelingt, solle die Partei ihre Erfolge in der großen Koalition mehr hervorheben. Als Beispiel nennt sie den Mindestlohn. Noch immer gebe es zu viele schlecht bezahlte und befristete Arbeitsplätze, kritisiert Kraiss. Als Juniorpartner in einer Regierung sei es eben schwierig, eigene Anliegen durchzusetzen.

Eine politische Herzensangelegenheit für die 90-Jährige ist die Europäische Union, um die sie sich Sorgen macht. Sie fürchtet um ihren Zusammenhalt. Ein Grund: „Deutschland hat große Fehler gemacht.“ Als Beispiel nennt sie die Spar- und Schuldenpolitik im Fall Griechenlands. Sie hofft trotzdem, dass das Projekt Europa ein Erfolg wird. „Wir müssen zusammenhalten“, erst recht angesichts der Konkurrenz aus China und den USA. Und nur auf Brüssel zu schimpfen, reiche nicht aus. Spätestens an dieser Stelle schließt sich der Kreis. Taten statt Worte – das ist schließlich der Grund, warum sich Anna Maria Kraiss als SPD-Neumitglied in der Politik engagiert.

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