Öffentlicher Nahverkehr

9-Euro-Ticket: Zehn sozialdemokratische Ausflugsziele mit Bus und Bahn

Benedikt DittrichKai DoeringKlaus Wettig11. Mai 2022
Beliebter Ausflugsort: Das Karl-Marx-Haus in Trier.
Beliebter Ausflugsort: Das Karl-Marx-Haus in Trier.
In den Sommermonaten soll es das 9-Euro Ticket für den Nahverkehr geben. Damit werden bundesweit günstige Ausflüge mit Bus und Bahn möglich. Wir haben einige sozialdemokratische Orte rausgesucht – und wie sie mit den Öffentlichen erreichbar sind.

Ein Ausflug in die nächste Großstadt, ein Wochenende am Meer, ein kurzer Wanderurlaub in den Bergen – das sind die klassischen Tipps für Kurzurlaube. Mit dem 9-Euro-Ticket werden solche Ausflüge mit dem Nahverkehr für viele möglich und günstig – denn das Ticket soll bundesweit gelten.

Wir stellen zehn Orte in Deutschland vor, an denen sozialdemokratische Geschichte geschrieben wurde, die historische Bedeutung für die Identität der Sozialdemokrat*innen haben – und die vielleicht nicht jede*r auf dem Zettel hat. Wie ihr mit dem öffentlichen Nahverkehr dorthin gelangt, haben wir auch mit dazugeschrieben.

Baden-Württemberg: Freiheitsmuseum in Rastatt

Das 1974 auf Anregung von Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD) eingerichtete Freiheitsmuseum präsentiert in einer überarbeiteten Ausstellung die Geschichte der deutschen Freiheitsbewegungen. Das Rastatter Schloss ist der richtige Ort für diese Ausstellung, denn in Rastatt endete 1849 die demokratische Revolution von 1848. Daran erinnert auch das Denkmal auf dem alten Friedhof, nur wenige Minuten vom Schloss entfernt. Erst 1899 konnte an die standrechtlich erschossenen Demokraten mit einem Findling erinnert werden.

Da geht’s lang: Rastatt ist von Karlsruhe aus mit Regionalzügen (Richtung Offenburg) und S-Bahnen gut zu erreichen, die Fahrt dauert etwa 20 Minuten. Wer erst nach Karlsruhe kommen muss: Von Stuttgart oder Heidelberg dauert die Fahrt mit Regionalzügen rund eine Stunde. Das Schloss liegt in direkter Nähe zum Rastatter Bahnhof in der Lyzeumstraße.

Bayern: Wilhelm-Leuschner-Haus in Bayreuth

Der Gewerkschaftsführer Wilhelm Leuschner gehörte zu den Widerständlern, die in letzter Minute Adolf Hitler durch ein Attentat am 20. Juli 1944 beseitigen wollten. Seine Beteiligung bezahlte er mit dem Tod.

Die Gedenkstätte erinnert an seine politische Arbeit.

Da geht’s lang: Bayreuth ist gut über Nürnberg zu erreichen – der Regionalexpress nach Oberfranken braucht etwa eine Stunde bis zum Hauptbahnhof. Zur Gedenkstätte in den Moritzhöfen muss man die Innenstadt durchqueren – das dauert zu Fuß etwa eine halbe Stunde oder man verkürzt die Fahrt mit dem Bus.

Berlin: Gedenkstätte der Sozialisten und Willy-Brandt-Haus

Auf dem ehemaligen Friedhof der Berliner Arbeiterschaft, der auch zu einem Begräbnisort führender Sozialdemokrat*innen wurde, entstand nach dem Willen der DDR-Führung eine gemeinsame Gedenkstätte für Sozialdemokrat*innen und Kommunist*innen, um die Parteieinheit in der Neugründung SED zu demonstrieren. Dafür wurden zahlreiche Sozialdemokrat*innen umgebettet: Wilhelm Liebknecht, Ignaz Auer, Paul Singer und andere.

Nach der Wende wurde die Anlage saniert, auch erläuternde Texte wurden neu verfasst. Der Friedhof Friedrichsfelde gehört zu den bedeutenden Kulturdenkmälern des 20. Jahrhunderts.

Die erste Partei, die nach dem Fall der Mauer ihre Zentrale nach Berlin verlegte, war übrigens die SPD. Das Willy-Brandt-Haus wurde in Kreuzberg errichtet, an der Spitze zwischen Stresemann- und Wilhelmstraße. Heute ist die Parteizentrale nicht nur Heimat der Sozialdemokratie sondern auch Veranstaltungsort für Kunst und Kultur. Ausstellungen im Atrium sorgen für Abwechslung.

Da geht’s lang: In Berlin gibt es zahlreiche öffentliche Verkehrsmittel, je nach Ziel bieten sich Bus, U-Bahn, S-Bahn oder Tram an. Wir nehmen als Startpunkt den Berliner Hauptbahnhof.

Zur Gedenkstätte der Sozialisten: Es fahren mehrere S-Bahnen nach Ostberlin zum Bahnhof in Lichtenberg. Von dort sind es nur noch wenige Minuten zu Fuß bis zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde.

Zum Willy-Brandt-Haus: Auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs fährt der Bus 41 in Richtung Neukölln an der SPD-Zentrale vorbei, wer lieber auf der Schiene unterwegs ist, kann am U-Bahnhof Hallesches Tor aussteigen. Fahrtzeit: Rund 15 Minuten

Niedersachsen: Konzentrationslager in Moringen, Northeim

Das Konzentrationslager Moringen gehörte 1933 zur ersten Generation der von der SA eingerichteten wilden Konzentrationslager, in das die SPD- und KPD-Funktionär*innen des Südens der preußischen Provinz Hannover eingeliefert wurden. Später war Moringen ein Frauen-KZ und danach ein Jugend-KZ. Erst spät – 1993 – wurde eine Gedenkstätte eingerichtet.

Da geht’s lang: Am besten erreichbar ist Moringen per Bus, der von Northeim oder Göttingen aus zehn Minuten braucht. Beide Orte haben Bahnhöfe und sind mit dem „Metronom“ zu erreichen, der von Hannover bis nach Göttingen fährt – von Hannover dauert die Zugfahrt etwa eine Stunde.

Nordrhein-Westfalen: Auf den Spuren der Bonner Republik

Wer den Spuren der Bonner Republik nachgehen will, kann in der westdeutschen Stadt ein bis zwei Tage einplanen. Eine Station: Das Palais Schaumburg (Bundeskanzleramt) mit der Adenauerbüste. Dort regierten die Kanzler von Adenauer bis Gerhard Schröder. Eine weitere Station: Der Park mit dem Kanzlerbungalow. Die Skulptur von Henry Moore (Large Two Forms) im Park wurde auf Wunsch von Helmut Schmidt angeschafft.

Außerdem lohnt sich ein Spaziergang durch das ehemalige Viertel um den Bundestag mit den zahlreichen historischen Gebäuden. Ebenso eine Möglichkeit: Adenauer- und Willy-Brandt-Allee, wo auch das Haus der Geschichte zu einem Besuch einlädt, das immer einen Besuch lohnt. Der Sitz der SPD, das Erich-Ollenhauer-Haus, kann ebenfalls besichtigt werden.

Da geht’s lang: Bonn hat als ehemalige Hauptstadt weiterhin eine gute Anbindung in Richtung Köln, die Fahrt mit dem Regionalzug dauert eine halbe Stunde. Von dort aus geht es südlich in Richtung Kaiserstraße zu den Regierungsgebäuden, entweder zu Fuß oder mit dem Bus.

Brandenburg: Pfarrhaus in Schwante, Oberhavel

43 mutige Frauen und Männer versammelten sich am 7. Oktober in einem Pfarrhaus im kleinen Örtchen Schwaten bei Berlin, um etwas Verbotenes zu tun: Sie gründeten die sozialdemokratische Partei in der DDR, die SDP. Einen Monat später fiel die Mauer, das DDR-Regime war am Ende. Die SDP nahm in den kommenden Monaten Einfluss auf die Umgestaltung und Demokratisierung der DDR bis zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990. Am Pfarrhaus in Schwante erinnert heute eine Gedenktafel an die historische Versammlung.

Da geht's lang: Schwante ist von Berlin eine Stunde Zugfahrt entfernt: Vom Bahnhof Gesundbrunnen geht's los im Regionalexpress Richtung Schwedt(Oder), Umsteigen in Hennigsdorf in die Regionalbahn nach Kremmen.

Niedersachsen: Calenberger Hof in Wennigsen, Region Hannover

Noch vor der Kapitulation des Deutschen Reichs im Mai 1945 gründete Kurt Schumacher die erste Partei-Zentrale der verbotenen SPD. Am 19. April 1945 scharte er im bereits befreiten Hannover alte Genossen um sich, obwohl Parteigründungen zu diesem Zeitpunkt noch illegal waren. Ein paar Kilometer weiter südlich in Wennigsen fand am 5. und 6. Oktober 1945 die erste überregionale politische Konferenz der sich in Gründung befindenden SPD zusammen. Das Bahnhofshotel, in dem das Treffen stattfand, ist 1977 abgebrannt, aber am kurz darauf errichteten Neubau gibt es seit 1979 eine Gedenktafel. Gegenüber vom Bahnhof wurde ein Gedenkstein mit einem Bronzerelief von Kurt Schumacher aufgestellt.

Da geht's lang: Der Calenberger Hof liegt direkt am Bahnhof in Wennigsen. Der Ort ist mit der S-Bahn 1 oder 2 vom Hauptbahnhof Hannover aus erreichbar – Fahrtzeit: eine halbe Stunde.

Thüringen: Tivoli in Gotha

Das Tivoli war einmal eine Gaststätte. Mai 1875 schlossen sich hier der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SAP) zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) zusammen. 115 Jahre später wurde im Tivoli erneut sozialdemokratische Geschichte geschrieben: Am 27. Januar 1990 wurde hier der Landesverband Thüringen der SPD gegründet, der erste in der DDR. Heute ist das Tivoli eine Gedenkstätte, die seit 1992 von einem Förderverein unterhalten wird.

Da geht's lang: Gotha ist gut von Erfurt aus zu erreichen – es fahren regelmäßig Regionalbahnen in die Kreisstadt. Fahrtzeit: 20 Minuten. Zur Gedänkstätte Tivoli sind es 15 Minuten Fußweg – quer durch den Schlosspark.

Rheinland-Pfalz: Karl-Marx-Haus in Trier

Karl Marx wurde 1818 in Trier geboren. Sein Geburtshaus in der Innenstadt hat die Zeiten überdauert. Heute gehört es der Friedrich-Ebert-Stiftung, die es zu einem Museum über Leben und Wirken Marx' gemacht hat. Zum 200. Geburtstag 2018 wurde die Ausstellung vollkommen neu konzipiert. Ein paar Straßen weiter in der Simeonstraße befindet sich das Wohnhaus, in das die Famlie Marx einige Jahre später zog. Eine Gedenkplakette erinnert daran.

Da geht's lang: Das Karl-Marx-Haus liegt am südlichen Ende der Innenstadt, an der Brückenstraße. Vom Trierer Bahnhof sind das rund 20 Minuten Fußweg. Die Stadt selbst ist zum Beispiel mit Regionalzügen aus Koblenz, Saarbrücken oder Kaiserslautern gut zu erreichen – oder per Fernverkehr.

Hamburg: Awo-Seniorentreff, Oldenfelde

Es ist ein kleiner technischer Fehler, der den Hamburger Ortsteil unter Sozialdemokrat*innen berühmt macht – und der tatsächlich dafür sorgte, dass im November 2021 Genoss*innen aus ganz Deutschland zu einer kleinen Abendveranstaltungen des SPD-Bezirksverbands nach Oldenfelde kamen. Wer den Ort besuchen will, an dem Geschichte geschrieben wurde: Oldenfelde ist ein Ortsteil des Hamburger Stadtteils Rahlstedt, die Wahl-Nachlese veranstaltete die SPD dort im AWO-Seniorentreff. Auch ein Besuch des Volksparkstadions bietet sich an, wohin die Veranstaltung zwischenzeitlich verlegt werden sollte.

Da geht's lang: Oldenfelde hat eine eigene U-Bahnstation, die mit der U1 vom Hamburger Hauptbahnhof gut zu erreichen ist. Fahrtzeit: rund eine halbe Stunde. Der schnellste Weg zum  Volksparkstadion ist hingegen mit der S-Bahn, 15 Minuten bis zur Haltestelle: Stellingen.

Weitere Orte zum Entdecken

Klaus Wettig: Orte der Sozialdemokratie. Ein Lesebuch, vorwärts buch Verlagsgesellschaft mbH 2012, ISBN 978-3-86602-921-7, 15 Euro

Klaus Wettig beschreibt mehr als 100 Erinnerungsorte der SPD in Deutschland und Europa. Auf informative und anschauliche Weise gewährt er Einblicke in die wechselhafte Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Es sind nicht nur Orte verzeichnet, an denen die Partei im 19. Jahrhundert entstanden ist, sondern auch jene, an denen die Soziale Demokratie als kulturelle und soziale Bewegung geprägt wurde: Treffpunkte, Wohnsiedlungen, Wirtschaftsbetriebe und Gewerkschaftshäuser. Orte, die mit Personen, Institutionen, Ereignissen und Exilzeiten in Europa verknüpft sind.

Auch an Konzentrationslager als Stätten der Verfolgung wird erinnert. Geschichte wird lebendig, wenn man sie erleben kann. Hinweise zu Anfahrtswegen und Öffnungszeiten sowie Empfehlungen für Spaziergänge zu den Plätzen, an denen sozialdemokratische Geschichte gemacht wurde und wird, ergänzen die Beschreibungen. Über 30 Abbildungen tragen dazu bei, sich ein erstes Bild zu machen.

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Kommentare

Zehn sozialdemokratische Ausflugsziele mit Bus und Bahn

Eine sehr gute Idee.

Einige Gedenkstätten sind mir bekannt, insbesondere das Karl-Marx-Haus in Trier. Aber auch der Sozialistenfriedhof in Berlin oder das Freiheitsmuseum in Rastatt sind einen Besuch wert.

Das Buch von Klaus Wettig "Orte der Sozialdemokratie" nehme ich gerne zur Hand, wenn ich in Deutschland unterwegs bin, um ggf. dort eine Gedenkstätte zu besuchen.