Neue Ausstellung widmet sich SPD-Ikone

50 Jahre Kanzlerschaft: Mit Willy Brandt auf Deutschland-Tour

Benedikt Dittrich02. Oktober 2019
Willy Brandt im März 1972 in Bonn – der ehemalige Bundeskanzler ist noch heute eine SPD-Lichgestalt.
Willy Brandt gehört zu den Lichtgestalten der Sozialdemokratie. Berühmt wurde er durch seine Ostpolitik. Doch Frieden, Demokratie und Klimaschutz waren ebenso Herzensthemen des ehemaligen Kanzlers, wie eine neue Ausstellung der Bundeskanzler Willy-Brandt-Stiftung zeigt.

Er sei schon ein wenig entsetzt, sagt Kurator Stefan Paul-Jacobs, wenn er Schüler frage, wer denn Willy Brandt war. „Wenn da als Antwort Bundeskanzler kommt, kann man noch froh sein.“ Dass der ehemalige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland aber viel, viel mehr als nur Regierungschef war, daran will die Bundeskanzler Willy-Brandt-Stiftung mit einer neuen Wanderausstellung erinnern.

Startpunkt ist dabei trotzdem zunächst die Kanzlerschaft des Sozialdemokraten: Am 21. Oktober 1969 wurde Willy Brandt erstmals zum Regierungschef gewählt. Was heute nahezu unvorstellbar scheint, machte Brandt möglich: Er schmiedete eine Koalition mit den Liberalen, FDP und SPD bildeten erstmals eine sozialliberale Koalition – aus einer ehemaligen großen Koalition heraus.

Heute, 50 Jahre später, stellt sich die Frage, was von Willy Brandt in Erinnerung bleibt. Dem ist die neue Ausstellung der Stiftung auf der Spur. „Man erreicht die Schüler vor allem über Themen“, sagt Stefan Paul-Jacobs im Gespräch mit dem „vorwärts“, „anders geht es gar nicht.“ Denn dass der Sozialdemokrat Brandt viel mehr als nur der Politiker war, der die Wende in der Ostpolitik einläutete und damit die friedliche Revolution sowie den Mauerfall vor 30 Jahren erst ermöglichte, ist nur ein Aspekt. Eine Politik, für die Brandt 1971 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Genau diese Entspannungspolitik traf zu Brandts Zeiten aber noch auf erbitterten Widerstand vor allem von den Konservativen.

Umweltschutz als Herzensthema

„Der Himmel über der Ruhr muss wieder blau werden“, zitiert Paul-Jacobs Willy Brandt und zeigt damit, dass selbst Unweltschutz und Ökologie zu seinen Herzensangelegenheiten gehörten. Es ist eines der Themen, über das Paul-Jacobs sagt: „Das ist heute aktueller denn je.“ Das Zitat allerdings stammt schon aus dem Jahr 1961, damals trat Brandt noch gegen Konrad Adenauer im Wahlkampf an.

Selbst der Austritt Großbritanniens aus der EU: Ohne Brandt wäre die heutige Debatte über den Brexit gar nicht denkbar, erklärt Jacobs: „Brandt war derjenige, der sich maßgeblich dafür eingesetzt hat, dass Großbritannien in die EU eingetreten ist.“ Der damalige Außenminister Großbritanniens, George Brown, soll 1967 zu seinem damaligen Amtskollegen Brandt gesagt haben: „Willy, you must get us in, so we can take the lead“, zitiert unter anderem der Historiker Bernd Rother, der die Ausstellung mit ausgearbeitet hat, in seinen Büchern. Fünf Jahre später wurden die Beitrittsurkunden in Großbritannien unterzeichnet, Brandt war unterdessen zum Kanzler gewählt worden.

Kurator Stefan Paul-Jacobs von der Bundeskanzler Willy-Brandt-Stiftung erklärt Besuchern der Vernissage das Konzept hinter der Wanderausstellung „Willy Brandt – Freiheitskämpfer, Friedenskanzler, Brückenbauer“.

In der Wahrnehmung von Bernd Rother ist Brandt auf globaler Ebene sogar bekannter als Konrad Adenauer und Helmut Kohl. „Er überragt alle anderen“, erklärt er. Auch innerhalb der Partei ist die Erinnerung an die SPD-Ikone weiterhin lebendig. Rother erinnert mit einem Augenzwinkern an den Wahlkampf von 1972: „Damals lag die SPD im Wahlkampf zunächst weit hinten.“ Doch die Sozialdemokraten unter Brandt schafften die Wende, die sozialliberale Koalition konnte weiterregieren, ging sogar gestärkt aus der Wahl hervor.

Egal ob Klima-, Friedens- oder Europapolitik – über all diese Themen zerbrach sich Brandt schon den Kopf. Um die Erinnerung an den Friedensnobelpreisträger wach zu halten, müsste das stärker betont werden, erklärt Jacobs bei der Ausstellungseröffnung. „Die haben Willy Brandt sein Leben lang beschäftigt“, betont er. Gerade für die jüngeren Generationen sei das notwendig die Brandt als Person nur noch aus Geschichtsbüchern kennen.

Austellung in Bonn, Kassel, Erfurt, Köln und Heidelberg zu Gast

Die neue Wanderausstellung zu Willy Brandt ist derzeit am Interimsstandort der Stiftung in Berlin zu sehen. Die Räume an der Behrenstraße sind unter der Woche für den Publikumsverkehr geöffnet. Der ursprüngliche Standort Unter den Linden wird derzeit abgerissen und neu aufgebaut.

Während das Programm in dem Berliner Forum wechselt, gehen die Brandt-Exponate auf Wanderschaft: Ab dem 22. Oktober sind sie bis Mitte November im Paul-Löbe-Haus des Bundestags zu sehen, bevor sie dann deutschlandweit ausgestellt werden. Die Ausstellungsorte sind ebenfalls historisch mit Brandt verknüpft: Neben der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn (ab dem 12. November) sind auch Kassel und Erfurt vertreten – die Orte, an denen sich die damaligen Regierungschefs der DDR und der BRD erstmals gegenseitig besuchten. Weitere Stationen der Ausstellung „Willy Brandt – Freiheitskämpfer, Friedenskanzler, Brückenbauer“ sind Köln und Heidelberg.

Geplant ist außerdem eine internationale Ausstellungsreihe, erklärt Jacobs. Moskau steht als ein Ort bereits fest, Gespräche gebe es aber auch mit Südkorea, lässt der Kurator schon durchblicken. Es ist auch ein Zeichen dafür, wie berühmt der deutsche Kanzler auch über die deutschen und europäischen Grenzen hinaus immer noch ist.

Das Jubiläum der Kanzlerschaft von Willy Brandt wird darüber hinaus mit weiteren Vorträgen und Debatten in diesem und den folgenden Jahren begleitet. Das gesamte Programm der Willy-Brandt-Stiftung ist auf der Homepage der Stiftung einsehbar.

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Kommentare

Willy Brandt

Schade, dass die Politik Willy Brandts heute so wenig Beachtung findet. So war ich schockiert, zu lesen, dass Außenminister Heiko Maas die Ostpolitik von Willy Brandt als überholt empfindet. Dabei war sie wichtig für die Friedenspolitik in Europa wie auch in der restlichen Welt sowie auch Grundstein für die deutsche Einigung, deren 30. Jahrestag m.E. mit etwas Übertreibung morgen wieder gefeiert wird.

Besonders stolz bin ich auch darauf, dass Willy Brandt gerade an meinem Geburtstag zum Kanzler gewählt wurde, während dieser Kalendertag ansonsten für die Sozialdemokratie nicht so erfreulich war, weil an diesem Tag im Jahre 1878 das Sozialistengesetz in Kraft trat.

Umso mehr tut es gut, dass die Partei dieses Verbot wie auch das Verbot in der Nazi-Diktatur überstanden hat und mit Willy Brandt und Helmut Schmidt hervorragende Bundeskanzler stellte. Bleibt zu hoffen, dass die SPD sich auf ihre Grundwerte besinnt und sich nicht durch Anbiederei an neoliberale Politik selbst überflüssig macht.

Die Generation "Klima-Kids"

Die Generation "Klima-Kids" will die Welt retten, weiß aber rein gar nichts über Willy Brandt. Was soll man dazu sagen? Allerdings sollte man Willy Brandt heute nun auch nicht einfach zu einem Klima-Kanzler machen, nur weil er den Himmel über der Ruhr in den Sechzigern wieder blau machen wollte. Das war damals notwendig realistische Politik, aber keine großspurige Flausen, die ganze Welt zu retten.

Die Generation "Klima-Kids"

Es war damals auch eine andere Generation, die weniger weltweit durch gemeinsame Proteste vernetzt war. Erst die Demos gegen den Vietnam-Krieg haben später eine Protestbewegung über mehrere Kontinente hinweg ins Leben gerufen.

Ich bin überzeugt, dass Willy Brandt Fridays for future eine wesentlich größere Zustimmung entgegen bringen würde als AKK's klimaschädlichen und bedrohlichen Aufrüstungsplänen!