Feminismus-Kongress der Jusos

30 Jahre Quote: Ein bisschen Gleichstellung reicht nicht

Sabrina Simmons06. September 2018
Diskussion auf dem Feminismuskongress der Jusos
Die Jusos diskutierten auf ihrem Feminismuskongress unter anderem zu 30 Jahren Quote und 100 Jahren Frauenwahlrecht.
Am Wochenende haben auf dem Feminismuskongress der Jusos in Hannover etwa 200 engagierte junge Sozialdemokraten intensiv über Gleichstellungspolitik und deren gesellschaftliche Dimensionen diskutiert. Sabrina Simmons war dabei – als Workshopleiterin und Teilnehmerin. Für den „vorwärts“ berichtet sie von ihren persönlichen Eindrücken.

Ein Feminismuskongress bei den Jusos. Völliger Konsens, sollte man meinen. Alles nur selbstreferenzielle Wohlfühl-Workshops. Nicht ganz so einig und trotzdem zum Wohlfühlen war es am Wochenende auf dem Kongress, den die Jusos in der SPD in Hannover mit etwa 200 Gästen veranstaltet haben.

Diskussion über sexuelle Selbstbestimmung auf dem Feminismuskongress der Jusos

Die aktuelle Debatte um den Paragrafen 219a und insbesondere die sexuelle Selbstbestimmung läutete am Freitag das Programm ein. Die Podiumsdiskussion mit Referentinnen wie Johanna Warth vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, Alicia Baier von den Medical Students for Choice und der Gynäkologin Dr. Christiane Tennhardt aus Berlin, die auch im Rechtsausschuss des Bundestages als Expertin angehört wurde, machte deutlich, dass der Parteivorstand gut daran tun würde, seinen Beschluss, in dieser Frage bis Herbst einen Kompromiss mit der Union zu finden, umzusetzen. Während der Diskussionsrunde schien es, als würden die Aktivistinnen in dieser Sache nur noch die Jusos als Verbündete sehen. 

Ohne Hermine wäre Harry Potter tot

Am Samstag ging es in zwei Workshop-Phasen unter anderem um Selbstverteidigung, Queer*feminismus, feministische Gesellschaftskritik und Frauen in der Literatur. Gestritten wurde beispielsweise darüber, wie feministisch die Charaktere in „Harry Potter“ sind und warum das Buch nicht „Hermine Granger und der Stein der Weisen“ heißt. Denn lasst uns ehrlich sein: Ohne Hermine wären Ron und Harry schon im ersten Buch der siebenteiligen Serie gestorben.

Kevin Kühnert
Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert spricht auf dem Feminismuskongress.

Der Festakt am Abend zu 30 Jahren Quote und 100 Jahren Frauenwahlrecht begann mit einem Grußwort des Juso-Bundesvorsitzenden Kevin Kühnert. Nach ihrer Rede diskutierte die frühere Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) Inge Wettig-Danielmeier mit Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der heutigen ASF-Vorsitzenden Maria Noichl und Johanna Uekermann, die früher Juso-Vorsitzende war und inzwischen Mitglied des SPD-Bundesvorstands ist. Vor allem über die Quote, denn sie seien es leid, nach 30 Jahren immer noch Quotenfrauen zu sein. 

Johanna Uekermann auf dem Feminismuskongress der Jusos.

Warum nicht auch mal 60 Prozent?

Es ist gewaltig ungerecht, dass es nach 30 Jahren immer noch um den Wert von 50 Prozent geht. Obwohl 60 Prozent Frauen in Gremien und auf Listen nach geltendem SPD-Statut erlaubt sind, ist das Geschrei groß, wenn Frauen mehr als 50 Prozent der Plätze für sich beanspruchen wollen. Andersherum war das noch nie ein Problem. Listen mit der Reihenfolge Mann – Frau – Mann – Mann zu besetzen, weil mal wieder keine Frauen gefunden werden konnten – Überraschung! – das stört meistens wenige bis niemanden. Ein Hinweis dazu: Wer Gleichstellung ernst meint, fängt nicht erst zwei Wochen vor Gremien und Listenwahlen an, Frauen zu fördern. Unsere Partei weiblicher zu machen, ist ein Job für jeden Tag. 

Annika Klose auf dem Feminismuskongress der Jusos

Am letzten Tag konnten die Gäste des Kongresses, nachdem wir am Abend zuvor auf unserer Verbandsparty Räume für den Feminismus zurückerobern konnten – wir haben in der Stammkneipe von Hannover 96, der Nordkurve, gefeiert – in einem Barcamp eigene Sessions anbieten. 

Wir nehmen die ganze Bäckerei!

Der Workshop von Patricia Seelig und mir zum Umgang mit männlich-dominantem Redeverhalten und wie man dem begegnen kann, rundeten das vom Bundesvorstand und insbesondere Katharina Andres organisierte Wochenende ab. Mein Fazit des Workshops ist, sich nicht in die Schranken weisen zu lassen. Denn das Verhalten von anderen Menschen kann noch Wochen später traumatisieren.

Und vor allem – egal, was man macht als Frau – man ist sowieso immer die Dumme. Wer Kinder hat und zu Hause bleibt, wird zur „dummen Hausfrau“. Wer Kinder hat und arbeiten geht, wird als „Rabenmutter“ abgestempelt und wer keine keine Kinder hat, gilt als „karrieregeil“.  Ich denke mir stattdessen: Seid laut, wild, wunderbar! Statt einem Stück vom Kuchen nehmen wir die ganze Bäckerei!

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Kommentare

Weißer statt Schwarzer-Feminismus

Was den Nationalsozialisten leider wirklich gut gelungen ist, ist die Allianz von sozialistischen, bürgerlichen und kirchlichen Frauenvereinen, Frauenrechtler[inne]n (ja es gibt Frauenrechtler, auch wenn mich das Rechtschreibprogramm eben nur von der weiblichen Version überzeugen wollte) und Feminist[inn]en anhaltend zu zerschlagen. Der deutsche Frauenrat wirkt hier nur als Schatten seiner selbst.

Heute dümpelt die Szene dispart und disparat auch in digitaler Form vor sich her. Ab und zu von Hashtags durchzogen und im Schattenfeld des Schwarzer-Feminismus. Die unbestreitbaren Erfolge und bis heute unangenehmen Fragen von Alice Schwarzer überdecken immer weniger die zunehmende Empörisierung und Fabulierung mit sematischen Glasperlenspielen.

Damit wird sogar die gesetzliche Pflicht zum Gender Mainstreaming unterlaufen und dem Autoritarismus, geschlechterübergreifenden Chauvinismus, Rechtskonservatismus und Nationalismus weitem Raum geschenkt. Auch die Jusos haben hier die Gelegenheit vertan und die Zeit verschenkt, für ein Forum eines partei- und strömungsübergreifen weißen Feminismus Patin zu sein. Das Verharren in adulenten Strukturen aber ist für niemanden zukunftsweisend.