„Plötzlich waren wir mit der Welt verbunden“

30 Jahre Mauerfall: So unterstützten die SPD-Genossen neue Ortsvereine im Osten

Kerstin Wintermeyer17. Oktober 2019
Fröhliches Jubiläum: Zum 25. Jahrestag der Partnerschaft besuchten 2014 die Genossen aus dem Münchner Norden die Parteifreunde in Naumburg, darunter einer der Gastgeber, Thomas Postleb (4.v.r.).
Die SPD-Ortsvereine Naumburg/Saale und Feldmoching-Hasenbergl im Münchner Norden arbeiten seit 30 Jahren zusammen. Eine Partnerschaft, die schon wenige Monate nach dem Mauerfall begann und bis heute anhält. Den Anfang machte ein Fax-Gerät.

Diese Autofahrt hat ihr Leben verändert. Im Februar 1990 machten sich Max Weber und zwei Genossen aus Münchens Norden auf den Weg in das gut 390 Kilometer entfernte Naumburg/Saale, fuhren über die Grenze in die damalige DDR. Die beiden Autos vollgeladen mit Anrufbeantworter, Fax-Gerät, Lautsprecheranlage, Kopierpapier, Kaffeemaschine – und reichlich Info-Broschüren für die Parteiarbeit. Bestimmt waren Büroaustattung und Material für den SPD-Ortsverein, der kurz nach dem Mauerfall in der Wenzelskirche neu gegründet worden war.

Der heute 88-jährige Weber, viele Jahre Landtagsabgeordneter und als Gewerkschafter sozialpolitisches Urgestein in der bayrischen SPD, erinnert sich: „Für mich war das der erste Kontakt mit der DDR überhaupt. Ich war neugierig auf die Menschen, was sie nach der Friedlichen Revolution erzählen würden. Und ich wollte ganz handfeste Aufbauhilfe leisten.“

In Naumburg wartete damals Ulrich Stockmann, der als Ortsvereins-Vorsitzender auf einem Parteitag in Berlin Kontakte zu den Münchnern geknüpft hatte, sehnsüchtig auf die Ankunft der Genossen. Denn die Zeit drängte. Für die Volkskammerwahlen am 18. März 1990 mussten Plakate gestaltet und geklebt, Einladungen zu Veranstaltungen gedruckt werden. Viele packten mit an, schon in den ersten eigenen Parteiräumen im „Haus des Volkes“ – wo auch die SED saß. Unter ihnen auch der heutige OV-Vorsitzende, Thomas Postleb: „Das Fax-Gerät war der absolute Hit. Schwer zu bekommen in der DDR. Auch wenn man sich das in Zeiten von Facebook und Twitter heute kaum vorstellen kann: Plötzlich waren wir mit der Welt verbunden.“

Parteiaufbau mit Begeisterung

Mit der Unterstützung aus München machten sich die Naumburger Genossen voller Begeisterung an die Wahlkämpfe und den Parteiaufbau. Der Zuspruch war enorm: 70 Mitglieder verzeichnete der Ortsverein innerhalb weniger Wochen. Es gab auch Rückschläge. „Schon die Ergebnisse der Wahlen 1990 waren enttäuschend. Es wurde deutlich, wie hart der politische Alltag sein kann, wenn unser Engagement durch die Wählerinnen und Wähler nicht honoriert wird. Aber wir haben uns nie entmutigen lassen,“ sagt der 55-jährige Postleb. Gerade in der Aufbauphase, als der Idealismus des Neubeginns erschüttert wurde, waren die intensiven Kon- takte und häufigen gegenseitigen Besu- che, die aufkeimenden Freundschaften zwischen Ost und West, so auch Stützpfeiler für die Naumburger.

Die Münchner haben mitgeholfen, dass die Genossen in Naumburg die „kommunalpolitische Arbeit von der Pike auf gelernt haben“, sagt Weber, auch Ehrenmitglied des aktuell 55 Mitglieder starken Ortsvereins. Waren die Naumburger bei Wahlen erfolgreich oder stellten mit Ulrich Stockmann einen Europaabgeordneten, sorgte das auch in München immer für besondere Freude.

Der kurze Draht reißt nicht ab

Über fast drei Jahrzehnte ist ein beständiges Netzwerk zwischen Parteifreunden aus dem Süden Sachsen-Anhalts und dem nördlichsten Münchner Stadtbezirk Feldmoching-Hasenbergl gewachsen. Der kurze Draht zwischen den Parteifreunden reißt nicht ab. Dazu gehört der Austausch über Projekte – statt via Fax längst auch ganz zeitgemäß per Sprachnachricht.

„Wenn wir uns übers Wochenende besuchen, reden wir natürlich auch viel über Politik, über aktuelle Themen wie Klimawandel, Kampf gegen Rechts, Integration, und selbstverständlich über die Lage der SPD“, beschreibt Postleb. „Bei einer Stadtführung zeigen wir den Münchnern immer, wie es vorangeht, wie sich Naumburg weiter verändert. Außerdem setzen wir einen Schwerpunkt auf politische Bildungsarbeit, etwa mit einer Exkursion ins Stasi-Museum Leipzig. Und auch der gesellige Teil kommt nicht zu kurz – gerne verbunden mit einer Verkostung von Saale-Unstrut-Weinen.“

Für November plant der Naumburger OV etwas Besonderes: Gemeinsam mit den Münchner Freunden wollen sie 30 Jahre Ortsverein und 30 Jahre Friedliche Revolution feiern. „Das historisch-politische Programm steht schon“, so Thomas Postleb: Ausflug ins nahe Weimar mit Stadtführung zu Orten der Weimarer Republik und Besuch im neuen Haus der Weimarer Republik.

Dieser Artikel erschein zuerst im „vorwärts“-Extra „30 Jahre Friedliche Revolution“