Pflegenotstand in Deutschland

175.000 neue Pflegekräfte braucht das Land

Jonas Jordan10. September 2018
Pflegenotstand
Bis zum Jahr 2035 könnten bis zu 175.000 zusätzliche Beschäftigte im Pflegebereich benötigt werden.
175.000 zusätzliche Pflegekräfte werden in Deutschland bis 2035 benötigt. Das hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) berechnet. IW-Direktor Michael Hüther fordert daher mehr Deregulierung im Pflegebereich.

Immer mehr Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Alleine zwischen 1999 und 2015 sei die Zahl von zwei Millionen auf mehr als drei Millionen Menschen gestiegen, referierte IW-Direktor Michael Hüther. Am Montagvormittag stellte er mit der Autorin Susanna Kochskämper eine Prognose seines Instituts zum Pflegenotstand in Deutschland vor. 

Knapp eine halbe Million Beschäftige arbeiten momentan in Deutschland im Pflegebereich, davon 244.000 Altenpfleger und 228.700 Altenpflegehelfer. Im vergangenen Jahr waren durchschnittlich pro Monat 14.220 offene Stellen für Altenpfleger und 8.000 für Altenpflegehelfer gemeldet. Zwar steigen auch die Ausbildungszahlen seit Jahren deutlich an. Doch dieser Trend reiche nicht aus, um den wachsenden Bedarf in der Altenpflege nicht kompensieren. Dadurch entstehe laut Hüther ein „deutlicher Engpass", der sich bis zum Jahr 2035 vergrößern könnte.

Hüther fordert Deregulierung

Das IW hat anhand der heutigen Zahlen und angesichts des demografischen Wandels den künftigen Bedarf an Pflegefachkräften errechnet. Demnach könnten in nicht einmal 20 Jahren bis zu 175.000 weitere Beschäftigte in der Pflege benötigt werden. Um diesem Fachkräftemangel zu begegnen schlägt Hüther vor, den Pflegebereich stärker zu deregulieren: „Die Regulierung sollte flexibilisiert werden. Sonst bleiben alle politischen Bemühungen stecken und der Effekt ist überschaubar."

Digitalisierung in der Pflege
IW-Direktor Michael Hüther fordert mehr Investitionen für Digitalisierung im Pflegebereich.

Hüther forderte insbesondere, dass Pflegeeinrichtungen auch gewinnorientiert wirtschaften sollten: „Bislang ist es ein System, das aus sich heraus keine Innovation zulässt." Die Regulierung verhindere, dass beispielsweise mehr in den Bereich Digitalisierung investiert werde. Sie führe außerdem dazu, dass Altenpfleger finanziell deutlich schlechter gestellt seien als Gesundheits- und Krankenpfleger, referierte der Direktor des arbeitgebernahen Wirtschaftsinstituts.

Politische Reformen reichen Hüther nicht aus

In den vergangenen Jahren hat die Bundesregierung das Pflegestärkungsgesetz auf den Weg gebracht, für eine neue Definition des Pflegebegriffs gesorgt und eine einheitliche Ausbildung in der Altenpflege, der Kranken- und Kinderkrankenpflege angestoßen. Maßnahmen, denen der IW-Direktor Positives abgewinnen kann. Doch diese Reformvorhaben reichten laut Hüther nicht aus. 

Er fordert, die Finanzierung der Pflege stärker in den Fokus der politischen Debatte zu nehmen. Außerdem sprach sich Hüther dafür aus, politisch zu diskutieren, inwiefern die Einführung einer Pflegevollversicherung sinnvoll sein könnte. In diesem Fall sprach er sich für „eine zweite Säule in Form eines kapitalgedeckten Systems" aus, da ansonsten die Kosten angesichts einer alternden Bevölkerung aus dem Ruder zu laufen drohten. Die finanzielle Mehrbelastung durch den höheren Bedarf an Beschäftigten im Pflegebereich bis 2035 ist allerdings nicht der Teil der Berechnungen des Instituts.

Baehrens sieht sich bestärkt

Heike Baehrens, die Pflegebeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, sieht sich durch die Prognose des IW in ihren pflegepolitischen Zielen und Vorhaben bestärkt: „Wir müssen verschiedene Maßnahmen ergreifen, um nachhaltige Verbesserungen in der Pflege zu erreichen. Nur so werden wir für die Zukunft gewappnet zu sein." Ein wichtiges Ziel sei es, mehr Pflegekräfte für die Ausbildung oder für eine Rückkehr in den Beruf zu gewinnen.

„Mit dem „Sofortprogramm für die Pflege" und der „Konzertierten Aktion Pflege" stellen wir dafür die richtigen Weichen", sagt Baehrens und fordert: “Wir brauchen verbindliche Tarifverträge mit guter Bezahlung und bessere Personalschlüssel in der direkten Pflege." Dieser doppelte Ansatz trage dazu bei, dass der Pflegeberuf anerkannt und honoriert werde.

Abschließend fordert Baehrens: „Für eine zukunftsfeste Pflege muss auch die Finanzierung langfristig tragfähig und solidarisch gestaltet werden. Dabei ist zu gewährleisten, dass Pflegebedürftige und ihre Angehörige nicht überlastet werden." 

 

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Kommentare

Hüther‘s Visionen

Deregulierung? Kennen wir zum Erbrechen! Konkret werden die Strukturen für Pflege in Konzernregie gelegt. Und damit die nun viel zu viel nur zeitlich begrenzt in der Pflege tätigen den „richtigen Motivationsschub“ erfahren, werden die viel zu niedrigen erzielbaren Einkommen deregulierend so gesenkt, dass jene voll arbeiten (müssen)! Zudem: Deregulation bewirkte in den letzten 30 Jahren NUR DAS EINE: Gewinnexplosionen ohne Arbeitnehmerbeteiligung! Oder gibt es auch nur ein einzig winziges Gegenbeispiel? Herausnahme aus der Sozialversicherungspflicht, Lohndumping im Dreiklang mit Gehaltsrückführungsorgien! Packen Sie Ihr schändliches Lobbyistenwirken ein und gehen Sie im IW nach Hause. Der Letzte macht das Licht aus! Wo stecken die Gewerkschaften? Ist der Kampfesliedsänger heiser und sind die Funktionäre schon auf dem Sprung in die Aufsichtsratsposten und Pflegedirektorenstellen? Zeigt die SPD mal wieder, dass sie die „besseren Kapitalisten“ sind? Sein wollen sie es ja, wenn man sie nur an ihren (Misse-)Taten misst!

Fortschritt mit alten Fehlern beheben ?

Zumindest in einem Punkt können wir dem Direktor des lobbygetriebenen IW, Michael Hüther, Recht geben: Das aktuelle Pflegestärkungsgesetz und die verstärkten Bemühungen in der Pflegeausbildung reichen bei Weitem nicht aus, um den bestehenden u. weiter stark wachsenden Bedarf an Pflegepersonal zu decken !!!
Seine Schlussfolgerungen nur eine gewinmaximierende Pflegeindustrie könne hier für Abhilfe sorgen ist absurd.
Die haben wir nämlich in großen Teilen schon ! Und demnach dürfte es Dank gigantischer Innovationssprünge gar keinen Pflegenotstand geben.
Die Realität ist dort aber nicht selten von Menschenrechtsverletzungen jedweder Art und unsäglichen Arbeitsbedingungen geprägt, sowie von beworbenen Gewinnaussichten von bis zu 15 % f.Aktionäre ! Tolle Innovationskraft !! Dann doch einfach mal dort hinschauen wo es laut Medienberichten besser funktioniert (bspw.bei 9 kommunalen Pflegeinrichtungen in Leipzig !). Dagegen wirbt der Vonovia-Konzern anscheinend, nachdem er für Milliardenbeträge Pflegeeinrichtungen eingekauft hat mit Renditen von bis zu 15 % ! Da passt doch etwas nicht zusammen !?

Hier weitere Absurditäten aus der Pflegeindustrielobby:

https://www.vorwaerts.de/artikel/arbeitgeber-fakten-gegen-fakenews-alten...

Wer Menscnenrechtsverletzungen in der Pflege endlich einen Riegel vorschieben will ist willkommen bei:
www.plattform.pro und www.aufstehen.de !!!

Vorhandene kommerzferne, kleinteilige Strukturen stärken !!!

Es wäre der völlig falsche Weg in der pflege weiterhin auf Strukturen zu setzen die Gewinnmaximierung als Unternehmensziel haben. Gerad das hat die Pflege in die Krise geführt, weil Kapital in hohem Masse aus dem System gezogen wurde und wird !
Der einzelne Mensch bleibt auf der Strecke ! Am meisten die Menschen die sich nicht mehr wehren können, oftmals auch die ohne kümmernde Angehörige !
Es gilt vorhandene kommerzferne Strukturen auszuweiten, zu vernetzen und zu stärken 1
Viel Bedarf gibt es bei häuslicher Pflege, Quartierskonzepten, Ehrenamt, kommunalen und genossenschaftlich organisierten Pflegeeinrichtungen. Kommunen müssen i die Lage versetzt werden ihrer Pflicht zur öffentlichen Daseinsvorsorge auch in der Pflege gerecht zu werden 1
Pflegekonzepte im Quartier und auf dem Land durch Synergien von Ehrenamt, Vereinen und professioneller Pflege (kleine Strukturen) sind der Beste Garant für menschenwürdige bezahlbare Pflege und sollten massiv durch staatliche Finanzhilfen und sinnvolle Deregulierung unterstützt werden.
Best-Practice gibt es bereits vielfach ! Einfach mal hinschauen !!!

Pflegeeinrichtungen sollen gewinnorientiert arbeiten

IW-Direktor Michael Hüther fordert insbesondere, dass Pflegeeinrichtungen gewinnorientiert arbeiten sollen.
Gleichzeitig beklagt er, dass Altenpfleger weniger verdienen als Krankenpfleger. Und Herr Hüther glaubt wirklich, wenn gewinnorientiertes Wirtschaften in den Einrichtungen angesagt Ist, dass Altenpfleger ihren Lohn erhöht bekommen? Witziger Zeitgenosse...
Ausserdem wird dies schon seit einiger Zeit getan. Verbessert hat sich nichts. Da muss man woanders ansetzen.

Immerhin ist er einer der wenigen auf arbeitgebernahen Seite, der für eine generalisierte Ausbildung in der Pflege plädiert.