Jubiläum

140 Jahre vorwärts: „Ein besonderes Jubiläum in besonderen Zeiten“

Kai Doering27. September 2016
Podiumsdiskussion zu 140 Jahre vorwärts
„Medien in Zeiten der Krisen“: Dietmar Nietan, Karin Nink, Moderatorin Katharina Gerlach, Bascha Mika und Jens Lucht (v.l.)
Mit einer Feier im Willy-Brandt-Haus hat der „vorwärts“ am Montag sein 140-jähriges Jubiläum begangen. Bei einer Podiumsdiskussion drehte sich die Debatte um „Medien in Zeiten der Krisen“. Dabei wurde klar: Parteizeitungen haben auch Vorteile gegenüber andere Medien.

140 Jahre sind eine lange Zeit. Eine Zeit, in der viel passiert ist: In Deutschland endete das Kaiserreich, zwei Weltkriege forderten unzählige Todesopfer, Diktaturen kamen und fielen – der „vorwärts“ war stets mittendrin, berichtete und wurde mehr als einmal Opfer von Zensur und Verbot. „Der ‚vorwärts’ hat widerstanden, wenn es darauf ankam und ist stets seinen Werten treu geblieben“, würdigte Karin Nink am Montag die Verdienste einer der ältesten Zeitungen Deutschlands, deren Geschicke sie als Chefredakteurin seit mehr als drei Jahren leitet. Im vergangenen Jahr kam auch noch die Aufgabe als Geschäftsführerin hinzu.

Journalismus kostet Geld

Am 1. Oktober 1876 erschien die erste Ausgabe des „Vorwärts“ als „Centralorgan der Sozialdemokratie Deutschlands“ in Leipzig. Wenige Tage vor dem offiziellen Jahrestag hatte der Verlag am Montag ins Willy-Brandt-Haus zur Geburtstagsfeier eingeladen. Auf dem Programm: eine Diskussion über „Medien in Zeiten der Krisen“.

„Journalismus kostet Geld, aber vor allem jüngere Leser sind nicht mehr bereit, für Medien zu bezahlen“, beschrieb der Schweizer Medienwissenschaftler Jens Lucht eines der Probleme, mit denen Zeitungen aktuell zu kämpfen haben. Vor allem im Internet herrsche eine „Gratis-Kultur“. Hier sei es zurzeit nahezu unmöglich für Verlage, Geld zu verdienen. Eine Beobachtung, die auch Dietmar Nietan gemacht hat. „Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte darüber, ob wir Qualitätsjournalismus auch weiterhin finanzieren wollen“, forderte der Schatzmeister der SPD, der in dieser Funktion auch Generaltreuhänder der Medienbeteiligungen der Partei ist.

Die Vorteile einer Parteizeitung

„In der Zeitungsbranchen sind noch immer Renditen im zweistelligen Bereich an der Tagesordnung“, hielt Bascha Mika, Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“ (FR), dagegen. Davon könnten andere Unternehmen nur träumen. Allerdings sieht auch Mika die Probleme der Branche. „Der Printbereich ist noch immer die Milchkuh, Online das Kälbchen“, sagte sie. Den einen gegen den anderen Bereich ausspielen zu wollen, sei deshalb „unnötig wie ein Kropf“. Die Frage, die sich Redaktionen stellen sollten, dürfe daher nicht lauten: „Verbreiten wir Inhalte in der gedruckten Zeitung oder im Internet?“ Sondern: „Verbreiten wir Qualität?“

Dass eine Parteizeitung wie der „vorwärts“ in diesem rauen Umfeld durchaus einen Vorteil haben kann, unterstrich Jens Lucht: „Man kann sich publizistisch besser ausleben“, zeigte sich der Medienwissenschaftler überzeugt. Doch geht das nicht auf Kosten der Pressefreiheit? Auch auf dem freien Markt gebe es Abhängigkeiten, gab Karin Nink zu bedenken. „Bei einer Parteizeitung ist das Umfeld klar, in dem sie sich bewegt.“ Die Kunst sei, sich eine „Unabhängigkeit in abhängigen Zuständen“ zu bewahren, stimmte ihr  FR-Chefin Bascha Mika zu.

Der SPD nicht nach dem Mund reden

„Der ‚vorwärts’ hat es leichter und schwerer zugleich“, hatte zuvor bereits SPD-Generalsekretärin Katarina Barley die besondere Stellung des 140-Jahre-Blattes betont. Zwar sei der  „vorwärts“ als Parteizeitung klar auf eine Linie festgelegt, könne dafür aber ökonomisch freier agieren – in Zeiten sinkender Auflagen und einem Verlust an Medienvielfalt durchaus ein Pluspunkt. Der 140. Geburtstag sei daher „ein besonderes Jubiläum in besonderen Zeiten“.

Zudem bedeute Parteizeitung zu sein nicht automatisch, unkritisch zu sein. „Den ‚vorwärts’ hat immer ausgezeichnet, dass er der SPD nicht nach dem Munde redet“, hob Katarina Barley hervor. Das müsse sich die Redaktion auch künftig erhalten, denn nur so könne sie auch mal Debatten initiieren, die die SPD „nicht immer so offen führen kann“. Der Partei verbunden, aber ihr gegenüber nicht unkritisch – „so muss der ‚vorwärts’ sein!“

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Kommentare

Vorwärts-Jubiläum

Ich finde es gut, dass das Jubiläum des Vorwärts in dieser Form gewürdigt wird.
Aber ich habe schmerzlich vermisst, dass der Vorwärts sich nicht einmal mit einem Wort mit dem 125-jährigen Jubiläum des Erfurter Programms, das in meinen Augen neben dem Heidelberger Programm das fortschrittlichste Programm der SPD war, befasst hat.
Bei der Jubiläumsfeier im Erfurter Kaisersaal war außer der Thüringer und Erfurter Parteispitze niemand von der Berliner Parteiführung anwesend.
Die Festrede hielt der im vorauseilenden Gehorsam gegenüber Merkel für die Rente ab 67 verantwortliche Franz Müntefering.
Dieses Programm, das kurz nach Ende des Sozialistengesetzes verabschiedet wurde, scheint der SPD nichts mehr zu bedeuten, nachdem man sich inzwischen trotz der Proteste von über 320.000 Menschen, darunter zahlreiche Parteimitglieder, im Präsidium, Vorstand und Konvent für die Macht der Konzerne und gegen die BürgerInnen entschieden hat.
So nimmt es nicht Wunder, wenn die Mitgliederzahl auf den Stand von 1906 gesunken ist. Traurig, aber leider wahr!

Noch nicht aller Tage Abend

Dieser Schilderung der Bedeutung des Erfurter Programms stimmen wir uneingeschränkt zu! Allerdings ist noch nicht aller Tage Abend: Wir werden uns dem Thema (wie schon länger geplant) in der Oktober/November-Ausgabe des „vorwärts“ umfassend widmen. Sie erscheint am 22. Oktober. Danach wird der Artikel auch hier auf vorwärts.de veröffentlicht.