Filmtipp

„120bpm“: Kampf und Lust im Zeichen von Aids

Nils Michaelis01. Dezember 2017
Todkrank und doch radikal: Sean (Nahuel Pérez Biscayart)
Wissen heißt Leben und Ignoranz bedeutet den Tod: Das Drama „120 bpm“ erinnert an die Frühzeit des Kampfes von Aids-Aktivisten, erzählt aber auch eine berührende Liebesgeschichte.

Gerade fiktive Filme über politische Bewegungen laufen Gefahr, danebenzugehen. Groß ist die Gefahr der Verklärung oder auch der Dämonisierung von Ideen und Akteuren. Gleichzeitig stehen schnell Vorwürfe der Theorielastigkeit, aber auch der Oberflächlichkeit im Raum. Immer wieder geht es um die Frage: Wie trifft man den Kern des Geschehens, ohne den Erzählfaden zu verlieren? Und wie lässt sich die zeitlose Dimension eines Themas, zumal der jüngeren Geschichte, einfangen und abbilden?

Ignoranz und Ausgrenzung

So gesehen hat der französische Regisseur Robin Campillo in „120 bpm“ vieles richtig gemacht. Zumal sich das zeitlose Moment schon aus der reinen Themenstellung ergibt: die Aids-Epidemie Anfang der 1990er-Jahre und der gesellschaftliche Umgang damit. Noch immer ist die Krankheit nicht besiegt, wenngleich es heute weitaus bessere Behandlungsmethoden gibt. Hartnäckig halten sich Vorurteile, allein schwule Männer und Junkies liefen Gefahr, sich anzustecken. Und doch war die Situation für Infizierte vor mehr als 25 Jahren weitaus dramatischer.

Zum Beispiel in Frankreich, dem Schauplatz des bei den Filmfestspielen in Cannes mit drei Preisen ausgezeichneten Dramas. Aids-Patienten werden geächtet und eher missliebig in Arztpraxen behandelt. Aufklärung über Verhütung? Fehlanzeige. Die Pharmaindustrie zögert, neue und bessere Medikamente auf den Markt zu bringen. Obendrein erschüttert ein Skandal um infizierte Blutkonserven das Land. Und die Regierung lässt die Dinge treiben.

Gegen all das zieht die Gruppe Act Up von Paris aus zu Felde. Sei es, mit spektakulären Protestaktionen, aber auch dadurch, eine neue Form von Öffentlichkeit jenseits von Ignoranz und Ausgrenzung zu schaffen. Zum Beispiel, indem sie an Schulen den Unterricht sprengen und Jugendliche mit der Verwendung von Kondomen vertraut machen. Erbitterte Debatten, wenn nicht gar Flügelkämpfe sind während der Gruppentreffen, an denen vor allem HIV-positive Männer teilnehmen, an der Tagesordnung.

zwischen Niedergang und Aufbruch

Eben dort lernen sich Sean und Nathan kennen und lieben. Sean ist der Radikalste von allen, obwohl er bereits von der Immunschwäche gezeichnet ist. Ganz anders Nathan: Fasziniert bis naiv verfolgt der 26-Jährige die kämpferischen Auftritte der Protagonisten in der Gruppe. Einige von ihnen sehen sich in der Tradition revolutionärer Bewegungen, die viel älter sind als die „Schwulenpest“. Nicht zuletzt genießen Sean und Nathan ihre frische Liebe, die, wie den beiden Männern zunehmend deutlich wird, nur von kurzer Dauer sein kann: Seans Krankheit schreitet unaufhaltsam voran, wenngleich sein politischer Furor, aber auch seine Lebenslust sich lange dagegen stemmen.

Was an „120 bpm“ so besonders berührt, ist die ebenso subtile Beiläufigkeit, mit der Campillo die letztendlich bittere Geschichte von Nathan und Sean erzählt. Bis zum Schluss pendelt die Handlung geschickt zwischen Niedergang und Aufbruch, zumal im Spannungsfeld zwischen Hedonismus und Idealismus. Zugleich sind die Szenen über die internen Debatten von Act Up (Aids-Coalition to Unleash Power, zu deutsch: „Aids-Koalition um Kraft zu entfesseln“) ebenso anschaulich wie erkenntnisreich. Manchmal zeigt sich in einer einzigen Wortmeldung in dem Pariser Hörsaal ein großes persönliches Drama, andererseits wird auch das Absurde an so mancher ideologischer Nabelschau deutlich.

Generationen aufklären

Augenscheinlich ist es Campillo (Jahrgang 1962) gelungen, eigene Erfahrungen in der Mitarbeit bei jenem Bündnis, das 1987 in den USA gegründet wurde und nicht zuletzt durch Lobbyarbeit politischen Druck ausüben will, einfließen zu lassen und dennoch die nötige Distanz zu wahren. „Mir ging es darum, die nachfolgenden Generationen mit dieser Geschichte vertraut zu machen, aber auch darum, mit den ganz individuellen Persönlichkeiten der Darsteller zu arbeiten“, sagt er über sein Vorgehen.

Vor allem gelingt es ihm, Momente absoluten Glücks wie auch von Todesangst und Trauer mit dokumentarischer Direktheit in Szene zu setzen, anstatt in pathetische Unschärfe abzugleiten, wenngleich mitunter auch traumartige Sequenzen zu sehen sind. Bis zum Schluss behält er seinen letztendlich nüchternen und präzisen Blick bei. So ist „120 bpm“ am Ende viel mehr als ein Film über eine Gruppe, deren Motivation bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Nämlich eine Feier des Lebens auch in düsteren Zeiten.

 

Info: „120 bpm“ (Frankreich 2017), ein Film von Robin Campillo, mit Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel, Antoine Reinartz u.a., 144 Minuten, Sprache: OmU (Französisch/Deutsch).Jetzt im Kino

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