Jubiläum des SoVD

100 Jahre Sozialverband Deutschland: Selbsthilfe für Kriegsopfer

Thomas Horsmann19. Juli 2017
Verwundete Soldaten nach ihrer Rückkehr in die Heimat: Nach seiner Gründung im Jahr 1917 kümmerte sich der „Bund der Kriegbeschädigten und Kriegsteilnehmer“ (später SoVD) um ihre Unterstützung.
Auf Initiative des Vorwärts-Redakteurs Erich Kuttner wird 1917 in Berlin der „Bund der Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer“ gegründet. Aus ihm erwächst der „Sozialverband Deutschland“ (SoVD).

Am Mittwochabend, dem 23. Mai 1917, herrscht in der Lindenstraße in Berlin reger Betrieb. Vor dem Redaktionsgebäude des „Vorwärts“ sind bei angenehmen Temperaturen von knapp 20 Grad viele Menschen zu Fuß unterwegs – fast wie in Friedenszeiten. Doch im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges sind die Gesichter der Passanten schmal von mangelhafter Ernährung und viele Männer sind kriegsversehrt. Gegenüber vom Vorwärts-Gebäude in der Lindenstraße kommen 32 Männer zusammen, die den „Bund der Kriegsteilnehmer und Kriegsgeschädigten“ gründen, aus dem später der „Sozialverband Deutschland“ (SoVD) wird.

Stimme der Kriegsgeschädigten

Zur Versammlung eingeladen hat der „Vorwärts“-Redakteur Erich Kuttner, der auch den Sitzungsvorsitz übernimmt. Unter den Anwesenden ist noch ein „Vorwärts“-Redakteur, Ernst Heilmann. Aus dem „Vorwärts“-Haus ist ebenfalls Albert Baumeister mit herübergekommen, er ist Geschäftsführer des sozialdemokratischen Verlages „Internationale Korrespondenz“, in dem die „Sozialdemokratische Feldpost“ erscheint, die für Soldaten im Krieg bestimmt ist.

Hier hat Kuttner am 15. Mai den Beitrag „Die Frage einer Kriegsteilnehmer-Vereinigung“ veröffentlicht. Darin formuliert er die Ziele eines solchen Bundes. Zunächst sollen die Kriegsgeschädigten durch den Bund eine Stimme bekommen, die gehört wird. Ihm schwebt eine unabhängige Interessenvertretung vor, die Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmern in ihrem täglichen Leben unter schwersten Bedingungen hilft. Kuttner, selbst im Krieg verwundet und monatelang im Lazarett, fordert eine Reform der Versorgung der Kriegsgeschädigten. ­Außerdem spricht er sich für eine Beschäftigungspflicht der Arbeitgeber zugunsten Schwerbeschädigter aus.

Auf Spaltung der Partei folgt Gründung des Bundes

Grund für Kuttners Engagement ist die katastrophale Lage der rund 700.000 als dienstunfähig entlassenen Verwundeten, von denen etwa ein Viertel keine Versorgungsansprüche hat. Auf Reichsebene existiert keine Hilfseinrichtung, dafür gibt es ein Wirrwarr ineffektiver Einrichtungen auf Länder- und Gemeinde-Ebene sowie private Wohltätigkeitsorganisationen, die zu helfen versuchen. Für Kriegsbeschädigte ist das jedoch ­eine Zumutung, da sie sich auf feste ­Hilfe nicht verlassen können.

Bereits im September 1916 versucht Kuttner, bei der SPD-Konferenz die Partei für die Gründung einer Kriegsbeschädigtenorganisation zu gewinnen. Doch die Gewerkschaften reklamieren die Interessenvertretung der Kriegsbeschädigten für sich. Und die SPD will sich nicht mit den Gewerkschaften streiten, sie hat andere Sorgen, droht doch die Spaltung der Partei. Als sich am 6. April 1917 die USPD abspaltet, folgt eine Spaltung der gesamten Arbeiterbewegung. Das schwächt die Gewerkschaften. Und Kuttner gründet nun doch den Bund, mit Rückendeckung der SPD.

Iddengeber der modernen Sozialhilfe

In der Gründungssatzung sind seine Vorschläge weitgehend verwirklicht. Die zentralen Forderungen sind „die völlige materielle Sicherstellung der Kriegsbeschädigten“ durch eine Reform des ­Militärrentenwesens, Sicherstellung des Rechtsweges und Mitwirkung „von Organen der Beschädigten“ bei der Festsetzung der Rente. Zudem fordert der Verein eine „sozialpolitische Schutzgesetzgebung für die wirtschaftlich noch tätigen Kriegsbeschädigten unter Berücksichtigung ihres Gesundheitszustandes“.

Erich Kuttner wird gemeinsam mit dem Gewerkschafter Richard Heckmann zum gleichberechtigten Vorsitzenden gewählt. Beisitzer sind „Vorwärts“-Redakteur Ernst Heilmann und der Reichstagsabgeordnete Georg Davidsohn von der USPD. Im Bundesvorstand sind damit sowohl Gewerkschafter als auch Mitglieder von SPD und USPD vertreten. Schon 1918 ändert der Bund seinen Namen in „Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Hinterbliebenen“. Mit 100.000 Mitgliedern in 750 Ortsgruppen kann er in der Weimarer Republik wichtige Sozialgesetze mitgestalten, auf denen noch heute die moderne Sozialhilfe basiert.

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