Sachsen

100 Jahre Freital: Beginn einer sozialen Utopie

Die Redaktion01. Oktober 2021
Steingewordene Utopie: Freital sollte zu einer Stadt werden, die für ihre Bürger*innen die größtmögliche soziale Sicherheit und Freiheit garantiert.
Steingewordene Utopie: Freital sollte zu einer Stadt werden, die für ihre Bürger*innen die größtmögliche soziale Sicherheit und Freiheit garantiert.
Am 1. Oktober 1921 wurde in der Nähe von Dresden ein sozialpolitisches Pilotprojekt gestartet und die Stadt Freital gegründet. Heute ist ihre Geschichte weitgehend vergessen. Ein Video des Herbert-Wehner-Bildungswerks soll das ändern.

In drei traditionellen Industriedörfern hatte die SPD, in Sachsen damals ohnehin sehr stark, nach dem Ersten Weltkrieg die absolute Mehrheit in den Kommunalparlamenten erringen können. Am 1. Oktober 1921 schlossen sich die drei Gemeinden Deuben, Döhlen und Potschappel zur Stadt Freital zusammen, um eine soziale Utopie zu verwirklichen: Freital sollte zu einer Stadt werden, die für ihre Bürger*innen die größtmögliche soziale Sicherheit und Freiheit garantiert.

Dazu wurden Kindergärten und Arztpraxen, Sportstätten, Bibliotheken und vieles mehr gegründet. All das war damals revolutionär. Selbst der Völkerbund, ein Vorläufer der UNO, wurde auf Freital aufmerksam. Die Weltwirtschaftskrise und später die Nationalsozialisten machten das Projekt zunichte. Die DDR hatte kein Interesse, an die Errungenschaften der SPD zu erinnern. Heute wissen selbst die Freitaler*innen nur noch sehr wenig über die sozialdemokratische Vergangenheit ihrer Stadt.

Christian Demuth, wieso braucht es eine Neuerzählung der Geschichte Freitals?

Die Geschichte von Freital wurde bislang immer als Niedergang der SPD erzählt. Das wollen wir ändern. Wir müssen die Geschichte der Menschen erzählen, die vor 100 Jahren versucht haben, das Leben vor Ort besser, gerechter und demokratischer für alle zu machen. Die SPD hat diese Bewegung damals organisiert. Sie hat dafür gesorgt, dass öffentliche Daseinsvorsorge für alle aufgebaut wurde. Und das ist auch heute die Aufgabe der SPD.

Warum wird diese Niedergangsgeschichte immer wieder erzählt?

Weil sie natürlich einerseits stimmt: Die DDR hat gerade in Sachsen sozialdemokratische Traditionen vernichtet oder pervertiert. Doch eine solche Analyse hat immer auch einen Westblick, denn im Osten engagieren sich insgesamt wenig Menschen in Parteien und in der Zivilgesellschaft. Freital ist kein Sonderfall. Gleichzeitig sehen wir, wie die AfD versucht, demokratische Erzählungen wie die von 1989 zu besetzen. Daher müssen wir eine neue sozialdemokratische Demokratiegeschichte erzählen, die in der Gemeinde und im Stadtteil ansetzt: Wir brauchen einen neuen demokratischen Aufbruch, einen Willy Brandt-Moment im Osten.

Was ist dabei die Chance der Sozialdemokratie, gerade in Sachsen?

Die Geschichte zeigt, dass mehr Beteiligung in sozialen Fragen zur Demokratisierung beiträgt. Und wir können es auch jetzt beobachten: Innerhalb der mittleren und jüngeren Generationen gibt es ein neues Gefühl von Selbstermächtigung: Es gab noch nie so viele Streiks und Proteste von Arbeiter*innen im Osten. Es gibt den Wunsch nach mehr Beteiligung vor Ort. Die sächsische Sozialministerin Petra Köpping plant mit dem neuen Haushalt die Förderung von „sozialen Orten“ und „Bürgerbudgets“. Ein Abbau des Sozialen und von Infrastruktur vor Ort wurde in der sächsischen Landesregierung von der SPD erfolgreich verhindert. Die Freitaler, aber vielleicht insgesamt die Ostdeutschen müssen ihre Orte neu erkämpfen, auch gegen Rechts.

Zur Person

Christian Demuth ist Politikwissenschaftler und Vereinsvorsitzender des Herbert-Wehner-Bildungswerk e.V.

Das Herbert-Wehner-Bildungswerk, benannt nach dem SPD-Politiker und langjährigem Fraktionsvorsitzenden im Bonner Bundestag, wurde 1992 gegründet. Seit 1994 in Herbert Wehners Geburtsstadt Dresden zu Hause, wurde das Bildungswerk – auch mit tatkräftiger Unterstützung  von Herbert Wehners Witwe Greta Wehner und Genoss*innen aus Nordrhein-Westfalen – aufgebaut, um das Verständnis von Demokratie und politisches Engagement in Sachsen zu stärken. Mehr zum Bildungsangebot, bestehend aus Bildungsfahrten, Diskussionsveranstaltungen, (Online-) Seminaren und digitalen Ressourcen, unter: www.wehnerwerk.de.

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