Jubiläum

100 Jahre AWO: Wie die Arbeiterwohlfahrt den Sozialstaat geprägt hat

Philipp Kufferath11. Dezember 2019
AWO-Gründerin: die SPD-Politikerin Marie Juchacz, hier um 1919 in Berlin
Vor 100 Jahren gründet die Sozialdemokratin Marie Juchacz die Arbeiterwohlfahrt, um die Wohlfahrtsaktivitäten der Partei zu bündeln. Heute ist der Einsatz für Solidarität und Teilhabe eine Herausforderung von drängender Aktualität.

Für die Arbeiterwohlfahrt ist 2019 ein besonderes Jahr. Mit zahlreichen Festveranstaltungen und einer Vielzahl weiterer Aktivitäten begeht der sozialdemokratische Wohlfahrtsverband sein 100-jähriges Jubiläum. Die zentrale Feier des AWO Bundesverbands findet am 13. Dezember in Berlin statt, am Tag darauf wird eine Delegierten­konferenz ein neues Grundsatzprogramm verabschieden.

Auf Initiative von Marie Juchacz

Genau 100 Jahre zuvor, am 13./14. Dezember 1919, beschließt der SPD-Parteiausschuss auf Initiative von Marie Juchacz die Gründung eines zentralen Ausschusses, um die vielfältigen Wohlfahrtsaktivitäten der Partei zu bündeln – die Arbeiterwohlfahrt tritt in die Welt. Vielerorts werden bald lokale Gliederungen ins Leben gerufen. Sie werden insbesondere von Sozialdemokratinnen getragen, die mit Beginn der Weimarer Republik am politischen Leben teilnehmen können und ihre Tätigkeit in der Arbeiterwohlfahrt als wichtigen Baustein sozialdemokratischer Sozialpolitik ansehen.

Obwohl die konfessionellen Wohlfahrtsverbände und die bürgerlichen Wohltätigkeitsvereine weiterhin dominieren und die Grundlagen für eine systematische Wohlfahrtsarbeit nur in kurzen Phasen gegeben sind, gelingt ein rascher Aufbau. Die Helferinnen und Helfer ­organisieren Kinderbetreuung, Nähstuben, Beratungsangebote und weitere soziale Tätigkeiten – außerdem die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitglieder und Angestellten. Ihr Ziel ist es, den Rechtsanspruch auf soziale Absicherung durchzusetzen und die staatlichen Angebote auszubauen. Dieser Ansatz wird 1933 jäh abgebrochen, als sich die Nationalsozialisten der Organisation bemächtigen. Die Arbeiterwohlfahrt wird verboten, ihr Eigentum beschlagnahmt, und ihre Mitglieder werden verfolgt und terrorisiert. Die NS-Volkswohlfahrt übernimmt Inventar und Einrichtungen und stellt sie in den Dienst des Regimes.

Neubeginn nach 1945

Nach 1945 muss die AWO daher wieder von vorn beginnen. Sie kann sich aber auf zahlreiche Engagierte stützen, die den demokratischen Wiederaufbau bewerkstelligen. Als eigenständiger Verband, der sich in der Tradition des demokratischen Sozialismus verortet und seine enge Bindung an die Sozialdemokratie behält, gelingt ihr in der Bundesrepublik eine imponierende Erfolgsgeschichte. Als anerkannter Spitzenverband wirkt sie in einem dichten Netz von staatlichen und privaten Akteuren.

Sie wandelt sich zu einer sozialen Dienstleisterin, die Einrichtungen von der Kinderbetreuung über die Jugendsozialarbeit bis hin zur Müttergenesung, Essen auf Rädern und Altenpflege betreibt. Der Verband vertritt auch die Interessen sozial benachteiligter Bevölkerungskreise: Er begleitet die Sozialgesetzgebung, meldet sich bei öffentlichen Anhörungen und mit eigenen Publikationen zu Wort und setzt sich für die Grundwerte Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Toleranz ein.

Einsatz für Solidarität und Teilhabe

Bis Mitte der 1980er Jahre erlebt die AWO ein stetiges Wachstum. In ihren Reihen organisieren sich in der Hochphase mehr als 650.000 Menschen. Die Anzahl der Beschäftigten steigt in den vergangenen 30 Jahren rasant an und beträgt heute mehr als 230.000, während sich die Mitgliederzahl gleichzeitig halbiert und aktuell bei rund 330.000 liegt. Durch komplexe wirtschaftliche Anforderungen und die verschärfte Konkurrenz­situation muss die AWO als wertegebundener Verband auch Spannungen und Widersprüche aushalten und vermittelnd wirken. Angesichts neuer sozialer ­Herausforderungen und tiefer gesellschaftlicher Spaltungen ist der Einsatz der AWO für Solidarität und Teilhabe aber von drängender Aktualität.

Zum Weiterlesen

100 Jahre AWO

Philipp Kufferath/Jürgen Mittag: Geschichte der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2019, 464 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-8012-4265-7

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Kommentare

gerade jetzt die AWO

ins Blickfeld rücken, muss das sein? AWO steht gerade jetzt in direktem Bezug zu SPD-Parteifilz. Die - um es sacht auszudrücken- Affaire Feldmann steht im Raum, die AWO in Hessen als Dauerlehen für die Familie Richter, und der VORWÄRTS meint gerade jetzt die AWO feiern zu müssen.
Schauderhaft, sowas

Jubiläum

Gerade jetzt – nämlich heute – feiert die AWO ihr hunderjtähriges Bestehen.