Ta-Nehisi Coates: „Zwischen mir und der Welt“

Wo Rassismus Alltag ist

Tanja Dückers18. März 2016
Ein Vater hat Angst um das Leben seines 15-jährigen Sohnes. Der Grund: Er ist schwarz. Der Vater ist der Intellektuelle Ta-Nehisi Coates. Sein Buch „Zwischen mir und der Welt“ erzählt vom Rassismus in den USA. Es ist ein wichtiger Denkanstoß – auch für uns in Deutschland, wo inzwischen regelmäßig Flüchtlingsunterkünfte brennen.
Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt
Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt, Hanser Berlin Verlag

Der US-amerikanische Journalist und Buchautor Ta-Nehisi Coates, Jahrgang 1975, ist einer der interessantesten amerikanischen Intellektuellen der Gegenwart. Mit seinem vor anderthalb Jahren erschienenen Essay „Plädoyer für Reparationen“ trat er für eine Aufarbeitung der Sklaverei in den USA an. Seine Forderung nach Entschädigungszahlungen an schwarze US-Bürger polarisierte. Nun hat Ta-Nehisi Coates ein Buch über Rassismus in den USA geschrieben: „Between the World an Me“ ist auf Deutsch unter dem Titel „Zwischen mir und der Welt“ erschienen. In Form eines Briefs an seinen 15-jährigen Sohn verbindet Coates seine Familiengeschichte mit der kollektiven Geschichte schwarzer Amerikaner.

„Die Polizei hat die Befugnis, deinen Körper zu zerstören“

Ta-Nehisi Coates’ Vater gehörte der Black Panther Party an und gründete die Black Classic Press. Nun ist Ta-Nehisi Coates selbst Vater. Ausgangspunkt für „Zwischen mir und der Welt“ ist die Gewalt, die von Polizisten an Schwarzen verübt wird. Der Leser merkt schnell: Ta-Nehisi Coates hat Angst  um seinen 15-jährigen Sohn.

Er rückt den für Jugendliche so wichtig werdenden Körper ins Zentrum seiner Betrachtungen, allerdings nicht unter erotischer Prämisse, sondern unter dem Aspekt der Gefahr für Leib und Leben: „Ich schreibe dir jetzt, denn dies ist das Jahr, in dem du gesehen hast, wie Eric Garner erwürgt wurde, weil er Zigaretten verkaufte, im dem du erlebt hast, dass Renisha McBride erschossen wurde, weil sie Hilfe holen wollte, und dass John Crawford erschossen wurde, weil er durch ein Kaufhaus schlenderte.“ Coates resümiert: „Und spätestens jetzt weißt du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen Körper zu zerstören (…). Die Zerstörer werden selten zur Rechenschaft gezogen.“

Die Erfindung der Rassen brachte Machtgewinn

Rassismus ist Bestandteil der gesellschaftlichen Ideologie. Die „Amerikaner glauben an Rasse als fest umrissenes, naturgegebenes Merkmal unserer Welt“, so Ta-Nehisi Coates. Für Amerikaner sei beispielsweise die Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner auf dem „Pfad der Tränen“ („Trail of Tears“) ähnlich beklagenswert wie ein Erdbeben, ein Tornado oder jedes andere Phänomen, das des Menschen Werk übersteigt. Verantwortungsübernahme, Eingeständnis von Schuld und mögliche „Wiedergutmachtung“ – auch wenn nur bedingt möglich –, seien so von vornherein ausgeschlossen. Gewalt wird bestenfalls bedauert, nicht aber reflektiert. Dabei, so Ta-Nehisi Coates in einem Kapitel über die Ankunft der Europäer auf dem amerikanischen Kontinent, seien „Rassen“ nichts anderes als Fiktionen: „Die neuen Menschen waren etwas Anderes bevor sie weiß wurden – Katholiken, Korsen, Waliser, Mennoniten, Juden“.

Doch brachte die Erfindung der Rassen einen Machtgewinn mit sich, der nützlich war, um sich das neue Land anzueignen und später mit Hilfe von Sklaven wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu machen: „Die Definition eines ‚Volkes’ hatte nie etwas mit Abstammung und Physiognomie zu tun, sondern immer mit Hierarchie“, schreibt Coates. „Der Gedanke an die Überlegenheit von Haut und Haar, der Gedanke, diese Faktoren könnten eine Gesellschaft angemessen strukturieren und würden auf tiefere, unauslöschliche Eigenschaften hinweisen – das ist der neue Gedanke gewesen im Herzen dieser neuen Menschen, die rettungslos in dem tragischen Irrglauben genährt wurden, weiß zu sein.“

Die Folgen der Sklaverei seien noch heute ökonomisch nachweisbar. Coates konstatiert: „Der Vermögenswert weißer Haushalte ist etwa 20 Mal so hoch wie der schwarzer Haushalte. (…) An diesen Zahlen ändert auch nichts, dass es jetzt keine erniedrigenden ‚Nur für Weiße’-Schilder mehr gibt.“

Tödliche Polizeigewalt

Dass ein mit Verve geschriebenes Buch zu diesem Thema überfällig ist, belegen die jüngsten Zahlen und Ereignisse: Im Jahr 2015 gab es rund 1.200 Tote durch Polizeieinsätze, wie die Initiative „Killed by Police“ feststellte. Da wurde ein unbewaffneter Schwarzer in North Charleston nach einer Verkehrskontrolle vor einem weißen Polizisten durch Schüsse in den Rücken getötet, weil er versuchte, zu flüchten. In Cleveland erschoss ein Polizeibeamter einen erst zwölfjährigen schwarzen Jungen, weil er dessen Spielzeugpistole für echt gehalten hatte. Die Liste ließe sich lange fortführen. Fast täglich endet ein Polizeieinsatz in den USA tödlich. Auffallend ist, dass die Einsätze mit Todesfolge oft in Gegenden mit großen sozialen Problemen stattfinden.

Allerdings gibt es, das darf nicht unerwähnt bleiben, seit dem Vorfall von Ferguson im Herbst 2014 in den USA auch eine Welle an öffentlicher Kritik an der verbreiteten Polizeigewalt. Im März 2015 hat die US-Regierung daraufhin eine Task Force ins Leben gerufen, um die Polizeiausbildung zu reformieren. In dem Abschlussbericht finden sich nun andere Töne. Da ist von „friedlich“, „deeskalieren“ und „Anti-Konflikt-Training“ die Rede. Das lässt, auch wenn den edlen Worten noch Taten folgen müssen, zumindest etwas Hoffnung aufkommen.

Zu den Veränderungen dürfte auch die demografische Entwicklung beitragen. Schwarze und Hispanics haben eine ungefähr doppelt so hohe Geburtenrate wie Weiße. Die Zeiten, in denen die Polizei widerspruchslos als eine Art Besatzungsmacht gegenüber der schwarzen Bevölkerung auftreten kann, werden bald vorbei sein.

Rassismus: brennende Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland

Der dringliche Ton von „Between the World and Me“, aber auch die historische Analyse der strukturellen Gewalt gegen Schwarze in den Vereinigten Staaten sind bestechend. „Pflichtlektüre!“, sagte die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin von 1993, Toni Morrison, über „Between the World and Me“. Auf der Bestsellerliste der New York Times erreichte es den ersten Platz.

„Zwischen mir und der Welt“ ist auch für Europäer höchst lesenswert. Denn Rassismus ist keineswegs ausschließlich eine US-amerikanische Angelegenheit. Die sich mittlerweile beinah täglich ereignenden Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland sowie die rassistischen Äußerungen vieler europäischer Politiker gegenüber vor Krieg, Not und Terror Geflüchteten sprechen eine deutliche Sprache.

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Miriam Mandelkow. Hanser Verlag, Berlin 2015, 240 Seiten, 19,90 Euro

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