Herfried und Marina Münkler: Die neuen Deutschen

Wie Integration im Einwanderungsland Deutschland gelingt

Kai Doering21. Dezember 2016
Hunderttausende Menschen kamen im vergangenen Jahr nach Deutschland. Ein einmaliger Vorgang – oder doch nicht? In ihrem Buch „Die neuen Deutschen“ schreiben Herfried und Marina Münkler, dass Deutschland schon immer das Ziel von Einwanderern gewesen ist – und wie diese Geschichte für eine gelingende Integration genutzt werden sollte.
Münkler: Die neuen Deutschen
Integration als fortwährende Aufgabe: Herfried und Marina Münklers Buch „Die neuen Deutschen“

Sie kamen in Massen, sprachen kaum Deutsch und brachten merkwürdig anmutende kulturelle Eigenheiten mit. Nachdem die Bundesrepublik im Dezember 1955 ein Anwerbeabkommen mit Italien geschlossen hatte, vor allem aber, nachdem seit 1961 eine Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus beiden Ländern galt, zog es viele Menschen aus dem Mittelmeerstaat nach Deutschland. Fast 600.000 sollen es gewesen sein.

Integration geht durch die Magen

Von den Deutschen wurden die Neuankömmlinge argwöhnisch beäugt. Schnell hatten die „Spaghettifresser“ einen nicht gerade freundlichen Spitznamen weg. Kein Wunder, dass die „Neubürger“ eher unter sich blieben und den Kontakt zu Deutschen auf das Notwendigste beschränkte. „Aber dann stellte sich gerade das, was seitens der Mehrheitsgesellschaft herausgestellt wurde, nämlich eine unterschiedliche Ernährung, als Integrationsbrücke heraus. Es wurden zunächst sehr einfache italienische Gaststätten eröffnet, in denen Pizza und Pasta angeboten wurde, und schon bald waren die Osterien keine Refugien italienischer Gastarbeiter mehr, sondern Treffpunkte der deutschen Gesellschaft, die das mediterrane Essen als willkommene Abwechslung von der heimischen Küche annahm.“ Die Integration ging also gewissermaßen durch den Magen.

Herfried und Marina Münkler beschreiben die Vorgänge von vor 50 Jahren in ihrem Buch „Die neuen Deutschen“, um herauszustellen, wie Integration gelingen kann. „Am Beispiel der Integration von italienischer und mediterraner Speisekultur lässt sich beobachten, wie das, was anfänglich eine Parallelgesellschaft mit allen Voraussetzungen zur Abschottung war, sich zur Mehrheitsgesellschaft geöffnet hat und zu deren Bestandteil geworden ist.“

Mit dem Wissen der Geschichte die Zukunft gestalten

Doch die beiden Münklers – er ist Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, sie Professorin für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität in Dresden – haben kein historisches Buch geschrieben. Ihnen ist gelegen am Hier und Jetzt, vor allem aber dem Blick nach vorn. Die Geschichte soll dabei helfen, diesen zu schärfen.

Es ist viel passiert in Deutschland, seit die Bundesregierung in der Nacht zum 5. September vergangenen Jahres entschied, die Grenze zu Ungarn für Flüchtlinge aus Syrien, Albanien und dem Irak zu öffnen. 1,4 Millionen Asylsuchende wurden zwischen Januar 2015 und August 2016 erfasst. Nach den ersten Monaten der direkten Hilfe mit Unterbringung und Versorgung geht es mittlerweile vor allem darum, die Neuankömmlinge in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.

Deutschland hat den Stresstest bestanden

Das erste Fazit von Herfried und Marina Münkler fällt positiv aus. „Die deutsche Gesellschaft hat den Stresstest vom Herbst 2015 durchaus bestanden. In jedem Fall hat sie das in einer für die anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union vorbildlichen Form getan“, schreiben sie. Allerdings mahnen sie auch: „Das härtete Stück Arbeit steht noch bevor.“

Wie es gelingen kann, „aus Fremden ‚Deutsche’ (zu) machen“ beschreiben sie im letzten Kapitel ihres durchweg gelungenen und lesenswerten Buchs. Zunächst sei es wichtig, die Flüchtlinge davor zu bewahren, in die Illegalität abzurutschen. Denn die Kleinkriminellen, Drogen verkaufenden Flüchtlinge prägten nicht nur das Bild der Migranten in der deutschen Öffentlichkeit im negativen Sinne, sie erschwerten auch eine „vorausschauende Integrationspolitik“.

Leitlinien für eine funktionierende Integrationspolitik

Für diese formulieren die Münklers eigentlich einfache und gleichzeitig revolutionäre Leitlinien. So sollten Flüchtlings- und Integrationspolitik nicht mehr getrennt voneinander behandelt, sondern im Zusammenspiel miteinander gesehen werden, „da keine von ihnen ohne die andere längerfristig erfolgreich sein kann“. Auch fordern sie einen generellen Paradigmenwechsel in der Migrationspolitik. Diese sei bestimmt von der Leitidee, „die Aufnahme von Flüchtlingen mit der Perspektive ihrer Integrierbarkeit in die deutsche Gesellschaft zu verkoppeln“.

Da aber allzu oft nicht von Anfang an klar sei, „wer bleibt und wer wieder geht“, sei es „sinnvoll, sämtliche in Deutschland angekommenen Migranten so zu behandeln, als ob sie auf Dauer bleiben würden“. Denn nur so werde von Anfang an jedem nach Deutschland Kommenden dasselbe Angebot gemacht. Ihre Integration könne sofort beginnen und nicht erst nach Monaten des Wartens (in denen Migranten aufgrund von Langeweile möglicherweise auf dumme Gedanken kommen könnten).

Auf die Gesellschaft kommt es an

Allerdings: Ohne die Unterstützung und Offenheit der Bevölkerung kann die Integration der „neuen Deutschen“ nicht gelingen. „Der Staat kann Ressourcen für die Integration, wie etwa Sprachkurse, berufsorientierende Praktika, Ausbildungsplätze oder Studienzugänge, zur Verfügung stellen“, wissen die Münklers. „Aber die Integration selbst ist eine gesellschaftliche Aufgabe und zugleich ein Erfahrungsraum für alle – die Neuankömmlinge wie die Alteingesessen.“

Herfried und Marina Münkler: Die neuen Deutschen. Ein Land vor seiner Zukunft, Rowohlt Berlin 2016, 336 Seiten, ISBN:  978-3-87134-167-0, 19,95 Euro

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