„Texte aus Deutschland“

Wie geflüchtete Schriftsteller die deutsche Literatur bereichern

Paul Starzmann05. Januar 2017
Während der Nazizeit mussten viele Schriftsteller Deutschland verlassen – heute werden ihre Werke als „Exilliteratur“ gefeiert. Exilschriftsteller gibt es noch immer, nur kommen sie heute aus Syrien, dem Jemen, dem Iran – und werden hier ein Teil der deutschen Kultur.

Es läuft etwas grundsätzlich falsch in der sogenannten Flüchtlingsdiskussion in Deutschland. Das findet Joachim von Zepelin vom Schweizer Secession Verlag für Literatur. Eine bestimmte „Grundregel jeder vernünftigen und demokratischen Debatte“ werde zurzeit völlig ignoriert: „Die Betroffenen selbst nehmen nicht daran teil.“

Schicksale statt Obergrenzen

Joachim von Zepelin hat Recht: Im Fernsehen, im Parlament, in den Zeitungen – überall wird das Thema Flucht hitzig diskutiert. Nur: Kaum jemand fragt nach der Perspektive derjenigen, die vor Krieg, Hunger und Not nach Deutschland fliehen müssen. Es interessiert nur die wenigsten, was es bei Asylsuchenden auslöst, „wenn der europäische Mob Häuser anzündet, die zu ihrem Schutz gebaut wurden, wenn kaltherzige Politiker Angst vor ihnen schüren“.

Um daran etwas zu ändern, gibt der Secession Verlag aus Zürich nun geflohenen Menschen mit einem Buch eine Stimme – und zwar solchen, die schon in ihren Heimatländern Meister des Wortes waren: Schriftstellern, Dichtern und Journalisten. Ziel des Sammelbands mit dem Titel „Weg sein – hier sein“: Die „Voraussetzung für eine ernsthafte ‚Flüchtlingsdebatte’ zu schaffen, die sich um Schicksale dreht und nicht um Obergrenzen“, wie der Verleger Joachim von Zepelin betont.

Ein Abschied wie ein Verkehrsunfall

Insgesamt versammelt die Anthologie 19 Beiträge – Prosa genauso wie Lyrik – von Autoren aus Syrien, dem Jemen und dem Iran, die heute in der Bundesrepublik leben. Darunter sind auch Schriftsteller, die in ihren Heimatländern nicht publizieren dürfen, wie die junge syrische Autorin Lina Atfah. In ihrem Gedicht „Am Rande der Rettung“ beschreibt sie ihre Gefühle beim Verlassen der Heimat  –  mit Worten, die eine eigene Wucht entwickeln: „Der Abschied verlief wie ein Verkehrsunfall“, erinnert sich Atfah an die schmerzhafte Trennung von ihrer Familie.

Auch Rosa Yassin Hassan, politische Aktivistin, Journalistin und Romanautorin,  berichtet von ihrer syrischen Heimat, die sie 2012 in Richtung Hamburg verlassen musste. In ihrem Buch „Die vom Zauber Berührten“, aus dem ein Auszug abgedruckt ist, erzählt sie, wie ein Mann namens Abu Al-Laith aus seinem Haus ein „Hotel für Revolutionäre“ macht, das im Kampf gegen Assad als Unterschlupf dienen soll. Sie beschreibt ein Leben an einem gefährlichen Ort, einen Alltag in unsicheren Zeiten, in denen Waffenschmuggel oder Entführungen nichts Ungewöhnliches sind.

„Teil der Kultur in Deutschland“

Der preisgekrönte Poet Aref Hamza aus dem syrischen Al Hakaseh, der heute im niedersächsischen Buchholz lebt, schreibt über die Flucht von Syrien nach Deutschland. In der türkischen Stadt Mersin, für viele Syrer die erste Station auf dem Weg nach Europa, sucht er nach Verwandten, „die im Meer ertrunken sind“. Schließlich, in Deutschland angekommen, zieht Hamza Bilanz: „Wir haben die Bomben überlebt / und jetzt ist unser Leben zu weit weg / als dass wir es uns zurückholen könnten“.

Es mag „auf den ersten Blick luxuriös erscheinen“, ein Buch zum Thema Flucht mit Texten von Dichtern und Romanautoren zu füllen, schreibt der Berliner Autor Sherko Fatah im Vorwort des Sammelbands. Das mag sein. Dennoch ist es wichtig, den Blick auch auf die Arbeiten geflüchteter Dichter und Denker – die Exilschriftsteller unserer Zeit – zu richten. Denn: Ihre Stimmen werden es sein, die kommenden Generationen in Deutschland von der heutigen Zeit erzählen werden – von den Strapazen der Flucht und der Ankunft in einem neuen Leben. Schon heute sind ihre Werke damit eine kulturelle Bereicherung für unser Land. Und es stimmt, was der Herausgeber Joachim von Zepelin schreibt – auch wenn es manche Menschen hierzulande nicht verstehen wollen: „Diese Texte sind Teil der Kultur in Deutschland, ein neuer Teil, der schon jetzt nicht mehr wegzudenken ist.“

Die Anthologie „Weg sein - hier sein. Texte aus Deutschland“ ist 2016 im Secession Verlag erschienen. Der Band enthält 256 Seiten und kostet 24,- Euro (ISBN: 978-3905951-97-4).

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