Atomstaat Frankreich am Pranger Immer neue Störfälle verunsichern die Bürger

Ungewöhnliche Debatte in Frankreich: Das Land bezieht 80 Prozent seiner elektrischen Energie aus Atomkraftwerken. Die Zustimmung zu dieser Form von Energiegewinnung in der Bevölkerung ist hoch. Doch nun stellen immer mehr Menschen, die im Umfeld der 57 Atomblöcke in den 19 Standorten leben, die Kernkraft infrage.

Lutz Hermann, Paris

Störfälle, besonders in dem größten AKW Tricastin in der südlichen Vaucluse, verunsichern die Franzosen und bringen die Nuklearindustrie, die wegen ihrer mangelnden Transparenz bei Atomgegnern ohnehin umstritten ist, in Erklärungsnot.

Eine Tochter des mächtigen Atomkonzerns Areva, die Betreiberfirma Socatri, die auf dem Gelände von Tricastin (vier Reaktoren) arbeitet, kam wieder ins Gerede. Am 7. Juli waren aus der Anlage 74 Kilo flüssiges Uran ausgetreten und in zwei benachbarte Flüsse gelangt. Jetzt wird bekannt, dass Socatri Anfang Juli die Grenzwerte für radioaktive Belastung in der Abluft überschritten hat. Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN ordnete die Schließung der Anlage bis zum Jahresende an. Ein ungewöhnlicher Vorgang, der abermals ein Schlaglicht auf die Sicherheit der AKW wirft.



Immer wieder Unfälle


Ein weiterer Störfall ereignete sich am 18. Juli in der Brennstäbefabrik in Romans-sur-Isere, wo ebenfalls flüssiges Uran (800 Gramm) ausgetreten war und am 23. Juli musste Tricastin abermals eine Panne melden: Radioaktiver Staub bedrohte 100 Mitarbeiter. Die Chefin der unabhängigen Atomwissenschaftler-Organisation (GSIEN), Monique Sene, kritisierte: „Bei keinem anderen Unfall waren bisher so viele Menschen betroffen!“

Die Anti-Atom-Gruppe „Sortir du nucleaire“ (Aus der Kernkraft aussteigen) warf dem Areva-Konzern und der Behörde ASN „Verharmlosung“ der Störfälle vor. Seit Jahren kritisiert der Verband, dass es an zuverlässigen Informationen und an Transparenz fehle. Die Atomaufsicht ASN hatte die Unfälle auf ihrer Gefährlicheitsskala von 0 bis 7 auf der niedrigsten Stufe 0 eingeordnet. Die Regierung in Paris schickte Umweltminister Jean-Louis Borloo an die Front. „Nichts ist schlechter als ein System, das nicht informiert!“ räumte er öffentlich ein. Er veranlasste, dass im Umfeld aller 57 AKW nach Uranspuren im Grundwasser und in Flüssen bis zum Jahresende geforscht werde.

Seit Jahren Uran im Grundwasser

Kritik ruft auch die Frage der Endlagerung hervor. Allein 1800 Kubikmeter Atommüll lagern derzeit in Stollen der Wiederaufbereitungsanlage La Hague am Ärmelkanal. Für das Jahr 2025 ist in Bure (Champagne-Ardennen) ein 500 Meter tiefes Bergwerk als angeblich sicherste Stätte gefunden. Unterdessen soll die Windkraft ausgebaut werden. In diesem Jahr werden sich in Frankreich 2 000 Windräder bewegen. Fernziel bis 2020 sind 25 000 MW Strom, weit hinter Deutschland, wo sich heute schon 20 000 Räder mit einer Leistung von

Strom aus dem Meer.

Eine neue Technik soll mit der Einführung von Unterwasserturbinen zur Stromherstellung an Frankreichs Küsten getestet werden. Im Golf de Saint-Malo, vor dem Städtchen Paimbol bei Saint-Brieuc, wird bis zum Jahr 2012 ein riesiges Turbinenwerk gebaut, weil hier die Gezeitenkräfte des Meeres am stärksten sein sollen.

Ein Ausstieg aus der Kernkraft aber ist in Frankreich nicht in Sicht. Es gibt noch immer einen breiten Konsens über die Nutzung der Atomkraft für die Stromversorgung. Der Verbraucherpreis ist über Jahre relativ stabil. Ein Wandel der Kernkraftpolitik ist vorerst nicht zu erwarten. Dennoch bemüht sich die Regierung, alternative Energien zu entwickeln. Präsident Nicolas Sarkozy setzt jedoch parallel auf Erweiterung, Ausbau und Export der Atomenergie. Kommt es aber eines Tages zu spektakulären Störfällen, könnte der Atomstaat schnell ins Schleudern geraten.

Das Freiburger Öko-Institut hat derweil darauf verwiesen, dass der Betrieb von Atomkraftwerken den Strom in Deutschland nicht verbilligt.

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