Volksentscheid in Berlin Stoppt den Gotteswahn*! Nein zu "Pro Reli"!

von Lars Haferkamp - 16.01.2009
Die Initiative „Pro Reli“ erzwingt in Berlin einen Volksentscheid. Dabei geht es den Verantwortlichen - anders als von ihnen behauptet - eben nicht um Wahlfreiheit. Die gibt es nämlich nur, wenn man neutral über alle Religionen informiert wird, wie im Ethik-Unterricht. Genau den bekämft aber „Pro Reli“. Den Initiatoren geht es um Macht. Erst in der Schule, später in der Gesellschaft. Sie sprechen selbst davon, „das gottlose Berlin zu missionieren“. Stoppen wir die religiösen Eiferer und Fundamentalisten!

Viele Berliner fragen sich: Was hat die Initiative „Pro Reli“ mit mir zu tun? Was kümmert mich der Religionsunterricht? Die Kampagne betrifft uns alle, denn langfristig soll sie unser aller Leben verändern. Das ist das eigentliche Ziel der Initiatoren.

Worum geht es konkret? „Pro Reli“ will, dass Religion ordentliches Lehrfach an Berlins Schulen wird. Was die Religiösen aller Konfessionen nicht wollen ist das Fach Ethik, weil dort über alle Religionen neutral aufgeklärt wird. Stattdessen wollen Katholiken, Protestanten und Muslime den Kindern lieber jeder für sich sagen, warum jede andere Religion schlecht ist, dass der Mensch als Adam und Eva erschaffen wurde und nicht vom Affen abstammt, dass außerehelicher Sex Sünde, Abtreibung Mord, Homosexualität ein Verbrechen ist und so weiter und so fort....

Egal ob Christen, Juden oder Moslems - alle Studien weltweit zeigen: Je überzeugter Menschen von ihrer Religion sind, umso schwerer fällt es ihnen, andere Weltanschauungen als gleichberechtigt zu akzeptieren. Ob in den USA, in Polen oder Russland, ob in Israel, dem Iran oder in Saudi-Arabien. Beispiele gibt es genug. Und nun soll den religiösen Eiferern auch in Berlin Schultür- und tor geöffnet werden, so will es "Pro Reli".

Was die Religiösen in der Welt anrichten, kann man jeden Tag in den Nachrichten sehen. Erst fordern sie Religionsunterricht, dann das Schulgebet, dann das Kopftuch und dann? Das Abtreibungsverbot? Strafen für Gotteslästerung? Am Ende vielleicht noch die Scharia? So weit sind wir zum Glück nicht. Noch nicht.

„Pro Reli“ argumentiert, man sei für die „Wahlfreiheit“ zwischen Religion und Ethik. Die Kirchen als Vorkämpfer der Freiheit? Das wäre neu. Und was heißt denn Wahlfreiheit? Wie kann man wählen zwischen Religionen, wenn man nur von einer einzigen indoktriniert und über die anderen gar nicht informiert wird? Genau das aber will „Pro Reli“ mit dem einseitigen, konfessionellen Religionsunterricht. Deshalb bekämpfen sie ja das Fach Ethik so verbissen. Das würde nämlich umfassende Information über alle Religionen und damit erst wirkliche Wahlfreiheit ermöglichen.

Niemand sollte sich täuschen lassen: Den Religiösen geht es eben nicht um Wahlfreiheit. Ihnen geht es um Macht. Erst in den Köpfen der Kinder und dann in der Gesellschaft. Sie sprechen selbst davon, „das gottlose Berlin zu missionieren“. Hätten sie damit Erfolg, die Menschen würden Berlin nicht wieder erkennen.

Wozu eine "erfolgreiche" Missionierung führen kann, zeigen auf erschreckende Weise die USA: In der 70er Jahren waren die Staaten gesellschaftspolitisch eines der fortschrittlichsten Länder der Welt. Aber was haben die religiösen Fundamentalisten unter Reagan und Bush daraus gemacht? Mit ihrer konservativ-christlichen Revolution haben sie das Land zurück in die 50er Jahre geführt. Soll das auch bei uns passieren?

Wie weit es in Berlin schon gekommen ist zeigt ein Vorfall vor Weihnachten. Da hatte der evangelische Landesbischof Wolfgang Huber an Berlins Schulen Briefe an Religionsschüler verteilen lassen. Die Schüler sollten das Schreiben ihren Eltern vorlegen und unterschrieben wieder zurück in die Schule bringen. In dem Brief werden die Eltern zur Unterschrift für das Volksbegehrens „Pro Reli“ aufgefordert. Bischof Huber zeigte keine Scheu minderjährige Schüler als Träger seiner politischen Kampagne zu mißbrauchen.

Dabei haben Huber und seine frommen Freunde offensichtlich eines vergessen: Religionsfreiheit bedeutet nicht nur Freiheit für Religion, sie bedeutet auch Freiheit von Religion. Genau diese Freiheit wird aber zunehmend bedroht von religiösen Eiferern und Fundamentalisten, nicht nur in den USA und im Nahen Osten, auch bei uns, mitten in Deutschlands Hauptstadt.

Freiheit, das wissen Sozialdemokraten besser als viele andere, ist nicht selbstverständlich. Sie wurde und sie wird uns nicht geschenkt. Sie kann verloren gehen. Leider. Unsere Freiheit muss erkämpft werden. Jeden Tag neu. Beim Volksentscheid haben wir alle in Berlin dazu die Chance. Nutzen wir sie! Stoppen wir die religiösen Fundamentalisten von "Pro Reli"! Stimmen wir mit NEIN!

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"Der Gotteswahn" ist der Titel eines Buchs des britischen Zoologen und Religionskritikers Richard Dawkins (englischer Originaltitel The God Delusion). Dawkins legt darin eine umfassende Kritik an theistischer Religion und ihrem Gottesbegriff dar. Die 2006 erschienene Originalausgabe war im Januar 2007 auf der Sachbuch-Bestsellerliste der New York Times auf Platz 4.[1] In Deutschland wurde das Buch am 10. September 2007 veröffentlicht und war am Tag danach in der Amazon-Bestsellerliste auf Platz 3. [2] Es wurde bis Ende 2007 in 31 Sprachen übersetzt. Quelle: wikipedia.de

 

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Religiöse Bildung tut not

Bild von Jörg

Der Artikel stellt unfreiwillig, aber sehr deutlich unter Beweis, wie Not religionsbezogene Bildung in dieser Stadt tut. Aber auch demokratiegeschichtlich könnte Bildung nicht schaden (vgl. seine These, daß FReiheit und Kirche sich noch nie vertrugen). Wenn sich der Autor z.B. mit der Rolle der Kirchen in der DDR etwas auseinandergesetzt hätte, dann hätte er ev. mitbekommen, daß die SDP in einem brandenburgischen Pfarrhaus gegründet wurde. Nun will er anscheinend den Bundeskanzlerkandidaten, wie den Vizepräsidenten des DeutschenBundestages wegen religiösem Fundamentalismus aus der Partei ausschließen. Glücklicherweise kann dem dem Menschen geholfen werden. Richard Schröder, Vorsitzender der einzigen freigewählten Volkskammer (SPD), Philosoph und Theologe an der Humboldt Universität, hat ein schönes Buch geschrieben, in dem er sich mit Dawkins Buch fundiert religionskritisch auseinandersetzt. Es ist auch ganz leicht zu lesen und hat auch nichtmal Fußnoten: Richard Schröder: Abschaffung der Religion?: Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen. Herder Freiburg 2008.
In der Gewißheit, daß es für Bildung nie zu spät ist und in der Hoffnung, dass das Volk in Berlin, wie seinerzeit am Ende der DDR dazu beiträgt, und auch die SPD zu einer konstruktiven Rolle als "Volks"-Partei zurückfindet, und nicht dazu übergeht, sich nach Brechts Ratschlag nach dem 17. Juni an die SED-GEnossen, doch lieber ein neues Volk zu wählen. Jörg

Woher das Halbwissen?

Bild von Wolfdietrich

Ich selber bin sehr gespalten in Bezug auf Ethik und Religion. Einzelne religionskritische Argumente des Artikels teile ich. Und doch sehe ich in eben diesem Artikel beste oder - je nach Sichtweise - schlimmste Werbung für Pro Reli. Wer mit so viel Halbwissen dem Religionsunterricht Abstruses unterstellt, kann nur schwer ernst genommen werden und reiht sich doch leider nahtlos ein in die mehr als fragwürdige Argumentation verantwortlicher Bildungspolitker. Ich habe ca. 15 Religionslehrer direkt (selbst als Schüler oder später als kooperierender Kollege) oder indirekt (z.B. durch meine Kinder) im Unterricht kennengelernt. Es gab darunter gute und schlechte Lehrer. Aber ich habe es bis jetzt genau null Mal erlebt, dass einer von ihnen missioniert oder indoktriniert oder andere Religionen oder den Darwinismus oder die Homosexualität schlecht gemacht hätte. Ganz im Gegenteil, die Werbung für eigenständiges Denken, kritisches Abwägen und Fairness stand selbst bei den schlechtesten Religionslehrern ganz oben auf der Werteskala. Und zwar NICHT aufgrund angeblich neutraler Weltanschauung (wie soll das denn gehen?), sondern transparent begründet durch den ganz persönlichen Glauben. Besser mal kundig machen, bevor Sie über andere Dreck auskippen!

Wenn in Berlin die "neutrale" Information über Religionen auch nur im Entferntesten diesem wohlausgewogenen Artikel ähnelt, dann können wir uns wirklich alle auf die wertfreie Wertevermittlung des Faches Ethik freuen! Ironiemodus aus.

@groetsch: Die Diskussion ging weiter

Lieber "Groetsch",

Diskussionen über Religionen sind immer emotional. Du kannst das bei diesen Artikel weiterverfolgen:

http://www.vorwaerts.de/meinung/gute-gruende-fuer-den-ethikunterricht
http://www.vorwaerts.de/meinung/fuer-echte-wahlfreiheit-ja-zu-ae-pro-rel...

Aber die Zeitung "vorwärts" hat auch immer die Diskussionen gefördert, daher ist doch an der Debatte überhaupt nichts auszusetzen, oder?

Viele Grüße

Karsten

ziemlich eifernder Text

Bild von groetsch

Weiß der Autor überhaupt, worüber er schreibt? Mir kommt das in paradoxer Weise eifernd und fundamentalistisch vor - paradox, weil der Autor ja gegen diese Geisteshaltung zu kämpfen vorgibt.

Solche Texte gehören nicht unkommentiert und unwidersprochen in eine Zeitschrift, die von der Partei von Gustav Heinemann, Erhard Eppler, Johannes Rau und vielen anderen ernstzunehmenden Sozialdemokraten u n d Christen herausgegeben wird.

Sozialdemokratische Werte, katholische Soziallehre und aufgeklärtes protestantisches politisches und soziales Engagement stehen sich jeweils viel näher, als deren Protagonisten möglicherweise wahrhaben wollen.

Mit solchen undifferenzierten Unterstellungen fallen wir zurück in eigentlich längst überwundene Zeiten.

Witzigerweise...

...wirbt die Initiative mit dem Slogan: "Freie Wahl zwischen Ethik und Religion". Aus philosophischer Sicht eine interessante Perspektive, so als ob Ethik und Religion zwei sich ausschließende Gegensätze sind (zwischen denen man frei wählen könnte).

Lars, ich brauch Deinen Ausführungen nichts hinzufügen, sondern stimme Dir voll zu: die Initiative Pro Reli ist eher eine freiheitseinschränkende Initiative. Aus Steuergeldern Religionsunterricht bezahlen zu wollen halte ich für einen großen Unsinn.

Ein Schulfach Ethik wird immer auch sich mit Religion sich beschäftigen, aber mit der kritischen Auseinandersetzung mit Religion - und das finde ich auch richtig!

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