Volksentscheid in Berlin Gute Gründe für den Ethikunterricht

von Alexander Sempf - 17.01.2009
Die Initiative "Pro Reli" erzwingt nach eignen Aussagen den Volksentscheid in Berlin. Erschreckend ist, dass viele nicht einmal wissen worum es eigentlich geht. Die Kampagne der Initiative setzt dabei auch nicht gerade auf Aufklärung. Viele Falschinformationen sind im Umlauf - auch hier...

Nach eigenen Angaben hat die Initiative "Pro Reli" die Hürden von 170.000 Stimmen genommen. Diese sind notwendig, um zum nächsten Schritt, dem Volksentscheid zu kommen. Das besondere an diesem Volksentscheid ist, dass er, sollte er positiv verlaufen, bindend ist. Der Berliner Senat muss ihn umsetzen!

Bereits zwei weitere Blogger haben sich hier zum anstehenden Volksentscheid geäußert, auch ich möchte dazu Stellung nehmen. Und das tue ich nicht nur als überzeugter Sozialdemokrat, sondern - oder gerade - als überzeugter Christ.

Lars Haferkamp positioniert sich in seinem Beitrag deutlich gegen "Pro Reli". Meiner Meinung nach sind seine Argumente dagegen aber zum Teil so abstrus, dass ich mich nicht weiter damit beschäftigen möchte.

Interessant ist vor allem der andere Beitrag, geschrieben von Christian Soeder aus dem Rhein-Neckar-Gebiet. Er zeigt das, was man auch in Berlin in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich sehen konnte: Unwissenheit und die Wirksamkeit der täuschenden "Pro-Reli-Kampagne".

Deswegen möchte ich versuchen mit einigen Sachen aufzuräumen.

Ich hatte zuerst überlegt, ob ich auch größer darauf eingehen soll, dass dies ja keine "Initiative des Volkes", sondern wie bei Tempelhof eine CDU-lastige Initiative ist, aber das würde hier zu weit führen...

Das Argument, dass die Religionen endlich einen "festen Platz" in der Schule haben wollen, ist zumindest teilweise falsch. Die großen Kirchen haben schon immer eine wichtige Rolle um Schulleben gespielt und konnten ihren Unterricht ohne Probleme durchführen. Das "Recht auf freie Ausübung der Religion", wie es in dem Beitrag angemahnt wurde, war nie - aber auch wirklich NIE - gefährdet oder gar eingeschränkt. Der von "Pro Reli" suggerierte Kultur-Kampf des rot-roten Senats ist eine reine Erfindung! Nichts als Propaganda - was sich aber zugegebenermaßen gut verkaufen lässt...
Der freien Entfaltung eines Schülers oder einer Schülerin stand und steht damit also nichts im Wege.

Zum Ethikunterricht ist zu bemerken, dass, auch wenn er vielleicht ein wenig holprig angelaufen ist, ein sinnvolles Instrument zur Verständigung und zum Austausch der Religionen ist. Besonders in Berlin mit seiner multikulturellen Gesellschaft ist solch ein Fach von besonderer Bedeutung. In vielen Schulen ist durch die Herkunft der Schüler der Kontakt zu anderen Religionen und Weltanschauungen minimal. Aber zur Verständigung, zum Verstehen und miteinander leben ist dieser Kontakt wichtig. Wie oft kommen Ausgrenzung und Ablehnung vor, nur weil man etwas nicht versteht. Was wissen wir schon über den Islam oder das Judentum? Was wissen die von uns? Und genau hier setzt der Ethikunterricht an:

Unabhängig von der kulturellen, ethnischen, religiösen und weltanschaulichen Herkunft sollen die Schüler sich gemeinsam mit grundlegenden kulturellen und ethischen Problemen - besonders im gesellschaftlichen Zusammenleben - auseinandersetzen. Dieses schafft nicht nur Verständis für andere Religionen, sondern auch sogenannte Softskills: soziale Kompetenz, interkulturelle Dialogfähigkeit und ethische Urteilsfähigkeit.

Dass dabei die Philosophie - und dabei der in dem Beitrag genannte Kant - eine Rolle spiele möchte ich gar nicht abstreiten, aber im Gegensatz zu dem dort dargestellten Bild, dreht es sich nicht nur um solche Sachen "die im Eiltempo" (Zitat) abgearbeitet werden, sondern wie gesagt um viel mehr. Es werden Dinge verschiedene Kulturen, Lebensweisen, die großen Weltreligionen und zu Fragen der Lebensgestaltung vermittelt.
Und das nicht gegen die Religionen! Mitnichten! Sondern sogar mit ihnen. Denn die Religionslehrer haben die Möglichkeit (wenn auch zeitlich begrenzt) am und im Ethikunterricht mitzuwirken.

Mit dem Ethikunterricht haben wir also einen verbindlichen Unterricht für alle, in dem man (auch aus erster Hand durch die Religionslehrer) etwas über alle großen Religionen erfährt - und das sogar auch noch möglichst neutral!
Denn Neutralität kann man ja dem einzelnen Religionsunterricht nicht gerade unterstellen. Dieses kann er vielleicht auch gar nicht leisten (wie auch?), aber um andere Religionen besser verstehen zu können ist gerade dies sehr wichtig.

Um damit nochmal auf die oben angesprochene Religionsfreiheit zu kommen: Wer neben dem Ethikunterricht weiterhin seinen Religionsunterricht besuchen möchte kann dies auch weiterhin tun. Denn dieser ist ja nicht abgeschafft worden, wie einige glauben/glauben wollen/oder glauben machen wollen...

Ich möchte noch auf die besondere Berliner-Situation zu sprechen kommen, denn diese ist in dem Beitrag ja auch angesprochen worden. Es ist richtig, dass die Religionen eine besondere Stellung in den Berliner Schulen haben. Die Religionsnote steht nicht auf dem normalen Zeugnis, sondern auf einem Extra-Zeugnis. Aber was ist daran schlimm? Ich bin der Meinung, dass diese Regelung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, sich bewährt hat und auch so bleiben sollte. Es ist zudem auch kein Grund zu erkennen, warum es plötzlich nicht mehr so gehen sollte - die letzten Jahrzehnte hat es doch auch geklappt...
Zudem tue ich mich schwer mit Religion als richtige Note. Kann man mit einer 5 in Religion noch versetzt werden???
Und wir wollen ja auch nicht so tun, als wenn der Staat die Kirchen nicht unterstüzen würde: Immerhin ist er der maßgebliche Geldgeber, ohne den der Unterricht gar nicht stattfinden könnte!

Und hier liegt ein weiteres Problem von "Pro Reli": Durch die angestrebten Änderungen würde es religiösen Splittergruppen (so möchte ich sie mal nennen) leichter werden einen Platz in der Schule zu erlangen - und das auch noch mit staatlicher Unterstützung!!!
Ich weiß nicht, aber ich denke nicht, dass das unser Anliegen sein kann! Besonders nicht, da wir als Staat und Gesellschaft den Unterricht nicht richtig kontrollieren können. Wir öffnen damit potenziell Tür und Tor, dass z.B. Muslime nicht nur in Hinterhöfen von religiösen Fanatikern unterrichtet werden (um bei dem Beispiel aus dem Beitrag zu bleiben), sondern praktischerweise gleich in unseren Schulen. Wollen wir das?

Ich kann mich leider immer nur wiederholen: Ich bin erschrocken über die Unwissenheit der Menschen. Wenn man sich im Bekannten-, Freundes- oder Familienkreis ein wenig umhört und anfängt zu diskutieren, dann kommen immer wieder die gleichen falschen "Argumenten". Klärt man dann auf für was der Ethikunterricht gedacht ist und was "Pro Reli" wirklich will (das ist ja noch mehr als nur die Wahl zwischen Ethik und Religion), dann kommt schnell an den Punkt, an dem die Leute sagen: "Das wusste ich nicht." oder "Ethik ist ja doch eigentlich ganz sinnvoll".

Ja, Ethik ist nicht nur eigentlich ganz sinnvoll. Und davon bin auch ich überzeugt - als Christ.

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Unwissenheit auf beiden Seiten

Bild von Wolfdietrich

Ich schätze das Fach Ethik in der hier beschriebenen Umsetzung sehr!
Genauso schätze ich den Religionsunterricht, der - und hier möchte ich der Unwisseneit der anderen Seite begegnen - nicht mehr oder weniger "neutral" sein muss als Ethikunterricht und ganz ähnliche Lernziele verfolgt. Nach Auffassung der verantwortlichen Verfechter des Faches Ethik soll es ein wertevermittelndes Fach sein. Wie, bitteschön, soll ich weltanschaulich neutral Werte vermitteln? Weder ein Ethik- noch ein Religionslehrer kann das. Aber das, worum es meiner Meinung nach eigentlich geht, das können sie sehr wohl beide: sachlich und ausgewogen informieren, mit eigenen Standpunkten verantwortungsvoll umgehen, deren persönliche Hintergründe durchschaubar machen und sie vorbildhaft nicht über die der anderen stellen. Dei Bildung eigener unabhängiger Standpunkte der Schüler entschieden fördern. Die Religionslehrer, die ich kenne (und die mir keineswegs immer gefallen), zeigen ausnahmslos eine solches Verantwortungsbewußtsein.
Auch ich denke, der Religionsunterricht hatte über Jahrzehnte große Freiräume - an der einen Schule mehr, an der anderen weniger. Aber diese Freiräume sind jetzt sehr wohl ernsthaft bedroht. An den Oberschulen, wo das Fach Ethik inszwischen verbindlich eingeführt ist, wird Religion als freiwilliges Zusatzfach fast zwangsläufig in Randstunden und die Nachmittage verdrängt und Jugendliche und Eltern sträuben sich zu Recht, diese Zusatzbelastung in Kauf zu nehmen.
Als Vater würde ich mir die ausgewogene Wahlfreiheit wünschen. Mein Kind könnte dann nämlich - mit meiner kritischen Unterstützung - ganz pragmatisch mit den Füßen abstimmen. Wo der bessere Unterricht stattfindet, da melde ich es an. So geschah es meiner Beobachtung nach auch beim Schulversuch Ethik/Philophie der vergangenen Jahre.
Was ich mir ausßerdem wünschen würde: eine vernünftige, engagierte, unbürokratische Kooperation der Fächer, wie sie jetzt schon an vielen Schulen wunderbar funktioniert ... solange der Senat nicht mit seiner Ideologie dazwischenfunkt.

Kritik aushalten

Bild von Lars Haferkamp

Lieber Christian,
natürlich gibt mir das zu denken. Im Gegensatz zu dir und deinen frommen Freunden, nehme ich Kritik nicht nur Ernst. Ich halte sie auch aus, ohne mich gleich "beleidigt" oder "in meinen religiösen Gefühlen verletzt" zu sein.
Man kann sicherlich darüber streiten, ob mein Beitrag zu überspitzt formuliert ist, so wie Alexander schreibt. Aber er kriegt Kritik eben hin, ohne den Beitrag als "Mist" abzuqualifizieren, wie du es tust. Nimm dir mal ein Beispiel!
Leider bestätigst du nur die Erfahrung: Je religiöser, um so intoleranter.

Abstrus

Es sollte Dir zu denken geben, lieber Lars, dass auch Alexander, der Deiner Meinung ist, Deinen Beitrag abwegig findet. Aber Aufklärer wie Dich kümmert Widerspruch nicht, denn Aufklärer wie Du haben ja recht - nicht wahr? Immer der gleiche Mist mit den fanatischen Atheisten.

Zuspitzung und Emotionalisierung Teil des Wahlkampfes

Bild von Lars Haferkamp

Ja, du hast Recht: Ich habe zugespitzt und auch emotionalisiert. Aber beides ist jauch Voraussetzung für Wählermobilisierung und selbstverständlicher Teil jedes Wahlkampfes. Das ist eben auch ein Kampf.
Und wenn die Gegenseite dabei so heuchelt, "Wir kämpfen für die Freiheit!", aber das genaue Gegenteil im Sinn hat, dann macht mich das einfach wütend. Und aus dieser Wut wächst eben auch eine Kraft, die Kraft zum Widerstand.

Naja...

Bild von Alexander Sempf

Hallo Lars,

ich meinte ja auch nicht alle Argumente in deinem Beitrag damit.
Ich bin der Meinung, dass solche Äußerungen wie "Stoppt den Gotteswahn!", "Stoppen wir die religiösen Eiferer und Fundamentalisten, jetzt - ehe es zu spät ist." um jetzt nur zwei Sätze heraus zu greifen, für die Sache wenig hilfreich sind.

Da wir aber in der Grundüberzeugung beide für den Ethikunterricht sind, habe ich davon abgesehen näher auf deine - und gerade auf solche wie oben zitierte - Aussagen einzugehen. Ich halte es für sinnvoller sich mit der anderen Seite, also mit "Pro Reli" auseinander zu setzen und im dem Zusammenhang auch die Unwissenden aufzuklären (so möchte ich es mal bezeichnen).
Also: Gemeinsam für den Ethikunterricht!

P.S.: Nichts für ungut, aber ich fand deine Bemerkungen zum Teil ein wenig sehr überspitzt. ;-)

Siehe http://www.spd-berlin.de/ethik/

Bild von Lars Haferkamp

Ganz so "abstrus", lieber Alexander Sempf, können die Argumente im Beitrag "Stoppt den Gotteswahn! Nein zu Pro Reli!" wohl nicht gewesen sein, sonst hätte der SPD-Landesverband den Text wohl nicht auf seine homepage gestellt... ;-)

Siehe http://www.spd-berlin.de/ethik/
Da gibts jede Menge Infos, Daten und Fakten, auch kurz und knackig auf den Punkt gebracht.

Gotteswahn auf der Homepage des SPD-Landesverbandes?

Bild von Jörg

Der SPD-Landesverband hat den Beitrag Gotteswahn in der SPD-Zeitung Vorwärts allen Ernstes auf seine Homepage gestellt? Das wäre dann in der Tat noch mal eine ganz andere Dimension. Wo kann ich das finden? Eine flüchtige REcherche brachte "Gott sei Dank" kein Ergebnis.
Jörg

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