Nach eigenen Angaben hat die Initiative "Pro Reli" die Hürden von 170.000 Stimmen genommen. Diese sind notwendig, um zum nächsten Schritt, dem Volksentscheid zu kommen. Das besondere an diesem Volksentscheid ist, dass er, sollte er positiv verlaufen, bindend ist. Der Berliner Senat muss ihn umsetzen!
Bereits zwei weitere Blogger haben sich hier zum anstehenden Volksentscheid geäußert, auch ich möchte dazu Stellung nehmen. Und das tue ich nicht nur als überzeugter Sozialdemokrat, sondern - oder gerade - als überzeugter Christ.
Lars Haferkamp positioniert sich in seinem Beitrag deutlich gegen "Pro Reli". Meiner Meinung nach sind seine Argumente dagegen aber zum Teil so abstrus, dass ich mich nicht weiter damit beschäftigen möchte.
Interessant ist vor allem der andere Beitrag, geschrieben von Christian Soeder aus dem Rhein-Neckar-Gebiet. Er zeigt das, was man auch in Berlin in den vergangenen Wochen und Monaten deutlich sehen konnte: Unwissenheit und die Wirksamkeit der täuschenden "Pro-Reli-Kampagne".
Deswegen möchte ich versuchen mit einigen Sachen aufzuräumen.
Ich hatte zuerst überlegt, ob ich auch größer darauf eingehen soll, dass dies ja keine "Initiative des Volkes", sondern wie bei Tempelhof eine CDU-lastige Initiative ist, aber das würde hier zu weit führen...
Das Argument, dass die Religionen endlich einen "festen Platz" in der Schule haben wollen, ist zumindest teilweise falsch. Die großen Kirchen haben schon immer eine wichtige Rolle um Schulleben gespielt und konnten ihren Unterricht ohne Probleme durchführen. Das "Recht auf freie Ausübung der Religion", wie es in dem Beitrag angemahnt wurde, war nie - aber auch wirklich NIE - gefährdet oder gar eingeschränkt. Der von "Pro Reli" suggerierte Kultur-Kampf des rot-roten Senats ist eine reine Erfindung! Nichts als Propaganda - was sich aber zugegebenermaßen gut verkaufen lässt...
Der freien Entfaltung eines Schülers oder einer Schülerin stand und steht damit also nichts im Wege.
Zum Ethikunterricht ist zu bemerken, dass, auch wenn er vielleicht ein wenig holprig angelaufen ist, ein sinnvolles Instrument zur Verständigung und zum Austausch der Religionen ist. Besonders in Berlin mit seiner multikulturellen Gesellschaft ist solch ein Fach von besonderer Bedeutung. In vielen Schulen ist durch die Herkunft der Schüler der Kontakt zu anderen Religionen und Weltanschauungen minimal. Aber zur Verständigung, zum Verstehen und miteinander leben ist dieser Kontakt wichtig. Wie oft kommen Ausgrenzung und Ablehnung vor, nur weil man etwas nicht versteht. Was wissen wir schon über den Islam oder das Judentum? Was wissen die von uns? Und genau hier setzt der Ethikunterricht an:
Unabhängig von der kulturellen, ethnischen, religiösen und weltanschaulichen Herkunft sollen die Schüler sich gemeinsam mit grundlegenden kulturellen und ethischen Problemen - besonders im gesellschaftlichen Zusammenleben - auseinandersetzen. Dieses schafft nicht nur Verständis für andere Religionen, sondern auch sogenannte Softskills: soziale Kompetenz, interkulturelle Dialogfähigkeit und ethische Urteilsfähigkeit.
Dass dabei die Philosophie - und dabei der in dem Beitrag genannte Kant - eine Rolle spiele möchte ich gar nicht abstreiten, aber im Gegensatz zu dem dort dargestellten Bild, dreht es sich nicht nur um solche Sachen "die im Eiltempo" (Zitat) abgearbeitet werden, sondern wie gesagt um viel mehr. Es werden Dinge verschiedene Kulturen, Lebensweisen, die großen Weltreligionen und zu Fragen der Lebensgestaltung vermittelt.
Und das nicht gegen die Religionen! Mitnichten! Sondern sogar mit ihnen. Denn die Religionslehrer haben die Möglichkeit (wenn auch zeitlich begrenzt) am und im Ethikunterricht mitzuwirken.
Mit dem Ethikunterricht haben wir also einen verbindlichen Unterricht für alle, in dem man (auch aus erster Hand durch die Religionslehrer) etwas über alle großen Religionen erfährt - und das sogar auch noch möglichst neutral!
Denn Neutralität kann man ja dem einzelnen Religionsunterricht nicht gerade unterstellen. Dieses kann er vielleicht auch gar nicht leisten (wie auch?), aber um andere Religionen besser verstehen zu können ist gerade dies sehr wichtig.
Um damit nochmal auf die oben angesprochene Religionsfreiheit zu kommen: Wer neben dem Ethikunterricht weiterhin seinen Religionsunterricht besuchen möchte kann dies auch weiterhin tun. Denn dieser ist ja nicht abgeschafft worden, wie einige glauben/glauben wollen/oder glauben machen wollen...
Ich möchte noch auf die besondere Berliner-Situation zu sprechen kommen, denn diese ist in dem Beitrag ja auch angesprochen worden. Es ist richtig, dass die Religionen eine besondere Stellung in den Berliner Schulen haben. Die Religionsnote steht nicht auf dem normalen Zeugnis, sondern auf einem Extra-Zeugnis. Aber was ist daran schlimm? Ich bin der Meinung, dass diese Regelung, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, sich bewährt hat und auch so bleiben sollte. Es ist zudem auch kein Grund zu erkennen, warum es plötzlich nicht mehr so gehen sollte - die letzten Jahrzehnte hat es doch auch geklappt...
Zudem tue ich mich schwer mit Religion als richtige Note. Kann man mit einer 5 in Religion noch versetzt werden???
Und wir wollen ja auch nicht so tun, als wenn der Staat die Kirchen nicht unterstüzen würde: Immerhin ist er der maßgebliche Geldgeber, ohne den der Unterricht gar nicht stattfinden könnte!
Und hier liegt ein weiteres Problem von "Pro Reli": Durch die angestrebten Änderungen würde es religiösen Splittergruppen (so möchte ich sie mal nennen) leichter werden einen Platz in der Schule zu erlangen - und das auch noch mit staatlicher Unterstützung!!!
Ich weiß nicht, aber ich denke nicht, dass das unser Anliegen sein kann! Besonders nicht, da wir als Staat und Gesellschaft den Unterricht nicht richtig kontrollieren können. Wir öffnen damit potenziell Tür und Tor, dass z.B. Muslime nicht nur in Hinterhöfen von religiösen Fanatikern unterrichtet werden (um bei dem Beispiel aus dem Beitrag zu bleiben), sondern praktischerweise gleich in unseren Schulen. Wollen wir das?
Ich kann mich leider immer nur wiederholen: Ich bin erschrocken über die Unwissenheit der Menschen. Wenn man sich im Bekannten-, Freundes- oder Familienkreis ein wenig umhört und anfängt zu diskutieren, dann kommen immer wieder die gleichen falschen "Argumenten". Klärt man dann auf für was der Ethikunterricht gedacht ist und was "Pro Reli" wirklich will (das ist ja noch mehr als nur die Wahl zwischen Ethik und Religion), dann kommt schnell an den Punkt, an dem die Leute sagen: "Das wusste ich nicht." oder "Ethik ist ja doch eigentlich ganz sinnvoll".
Ja, Ethik ist nicht nur eigentlich ganz sinnvoll. Und davon bin auch ich überzeugt - als Christ.



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