Relauch von www.spd.de BarackObama.com vs. SPD.de

von Karsten Wenzlaff - 08.01.2009
Es gab ein Relaunch der Seite www.spd.de, die in der Blogosphäre intensiv diskutiert wird. Oft werden dabei auch die Seiten von Obama als Referenz hinzugezogen, die im Internet-Wahlkampf sicherlich Maßstäbe gesetzt haben.

Auch wenn es stimmt, dass wie Kajo Wasserhövel sagt, nicht alle Eigenschaften von der Obama-Webseite 1:1 auf den Online-Wahlkampf zu übertragen sind, so glaube ich, dass man schon von einigen Funktionen lernen  kann. Daher sollte man spd.de nicht am neuen Layout, sondern an den Funktionen messen, die dort geboten werden.

 

Daher hier 10 Lehren aus dem Internet-Wahlkampf von Obama und ob diese für die SPD auch gelten könnten.

1. Der Inhalt wird nicht zentral kontrolliert, sondern die Unterstützer von Obama konnten Blogartikel und Fotos auf die Seite laden, die wiederum von anderen Nutzern gelesen und kommentiert werden könnten. So erst wurde die Bewegung für den Wechsel richtig deutlich.

Im Augenblick scheint es mir nicht so, dass auf www.spd.de viel an dezentralen Inhalten reingestellt werden kann, aber es soll ja eine Unterstützer-Webseite noch kommen. Ich bin darauf sehr gespannt.

2. Die Obama-Zentrale wählte aus diesem Reservoir an Inhalten die besten Artikel los und stellte diese auf die Hauptseiten der einzelnen Bundesstaaten, d.h. die Obama-Kampagne entschied nicht über die Inhalte auf der Webseite, aber über die besondere Heraushebung von Inhalt.

So stelle ich mir auch ein ideale Webseite www.spd.de vor: sie verweist mich auf spannende Stories aus dem Parteileben und aus dem Wahlkampf der SPD, bringt mir die Parteimitglieder und Kandidaten vor Ort näher. Na gut, das machen wir dann auf vorwärts.de ;-)

3. Die Social Networks wie Facebook, Myspace und Co waren nicht Selbstzweck der Kampagne, sondern dienten in erster Linie dazu, Nutzer auf die Seite von Obama zu locken.

Im Augenblick sind viele SPDler bei Facebook und Twitter unterwegs, aber eine richtige Strategie dahinter ist noch nicht zu erkennen. Bei TSG in Hessen ist die Strategie ganz deutlich zu merken: über die Social Networks den kurzen Wahlkampf kompensieren.

4. Spenden wurden nicht allgemein eingesammelt, sondern immer mit einem Ziel, zum Beispiel für einen bestimmten Teil des Vorwahlkampfs oder für bestimmte Veranstaltungen. Dadurch wußten die Spender genau, was ihr Geld eigentlich macht.

Bei allen Parteien ist es so, dass ich überhaupt nicht weiß, was mit meinem Mitgliedsbeitragen passiert. Alle Jahre kommt von den Schatzmeistern ein Brief, ich möchte doch mehr spenden. Nein, ich möchte spenden für konkrete Projekte und für konkrete Kandidaten!

5. Spenden wurden gepaart. Wenn ich 50 Dollar spende, erhielt ich zwei Stunden später eine Email, die mir sagt, dass X aus Y ebenfalls 50 Dollar gespendet hat, und ich erhielt einen Link zu dem Profil von X. Erst so wurde den Spendern klar, dass sie Teil einer großen, sehr diversen Bewegung waren.

Wahrscheinlich lassen die deutschen Datenschutzbestimmungen das nicht zu. Trotzdem könnte man aber die Möglichkeit einräumen, dass ich zum Beispiel eine Spendenzusage mache, die dann Wirklichkeit wird, wenn mindestens 10 andere Leute die gleiche Spendenzusage machen!

6. Die Wahlkampfmanager von Obama haben einen Teil ihrer Strategie ganz transparent ins Netz gestellt. Kajo Wasserhövel sagte ja, dass eine Strategie über die man redet, keine mehr ist. Ganz ist das nicht richtig, eine Strategie, die man mit den Unterstützern teilt, wie es David Plouffe gemacht hat, wird wesentlich stärker!

Kajo: Du musst ins Internet. Du musst den SPD Wahlkämpfern erläutern, wo es lang geht. Warum wurde das Hintergrundgespräch nicht live ins Netz übertragen? Warum gibt es eigentlich keine Youtube-Videos von Deiner Ansprache an die Mitarbeiter im Willy-Brandt-Haus?

7. Die Unterstützer bei Obama wurden für Ihre Aktivitäten belohnt, erhielten Activity Points, die wiederum mit anderen Unterstützern zusammengetragen wurden. So entstand richtig ein kleiner Wettbewerb zwischen den Unterstützern um die meisten Punkte.

Bei der SPD gibt es jede Menge Wettbewerb: zwischen Ortsvereinen, Untergliederungen, Kandidaten, Strömungen. Unterschiedliche Ideen, aber ein gemeinsames Ziel. Das einfach nur als störenden Lärm zu sehen, ist falsch, sondern den Online-Wahlkampf dazu nutzen, dass sich die Diskussion um politische Ideen innerhalb der Partei einen Raum schafft.

8. Die Internetseite war gekoppelt mit einer größeren Datenbank aller Wähler, d.h. über die Obama-Seite konnte ich einen Auszug aus dem Wählerregister meiner Nachbarschaft erhalten und so Wähler telefonisch oder schriftlich kontaktieren.

Auch das werden die deutschen Datenschutzbestimmungen verhindern. Aber bisher gibt es kaum Koppelungen zwischen dem weiten Unterstützernetzwerken der SPD und ihren Online-Auftritten. Man kann aber gespannt sein, was sich Kajo und seine Truppe noch ausdenkt.

9. Negative Campaigning wurde vermieden, aber die Richtigstellung von Negative Campaigning wurde den Unterstützern überlassen, die über die Seite fightthesmears.com Emails mit Richtigstellungen an ihre Netzwerke versenden konnten.

Für die SPD wäre es gut, wenn bestimmte inhaltliche Richtigstellungen per Crowdsourcing vervielfältigt werden könnten.

10. Die Webseite hat bei Obama immer ein klares Ziel artikuliert: "Der Wechsel kommt durch Obama."

SPD.de muss eigentlich noch klarer das Ziel formulieren: Die SPD wird stärkste Partei im Bundestag und bei der Europawahl, weil die SPD die bessere Politik macht.

 

Diese Gedanken können vielleicht als Gradmesser für den Erfolg der neuen SPD.de Seite dienen. Eins spürt man aber auf den ersten Blick bei der neuen Webseite: die SPD wird wieder mutiger, experimentierfreundiger, aber auch geradliniger und präziser. Klare Kante!

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http://www.vorwaerts.de/trackback/6482

Relaunch und Internetpartei

Bild von Cornelius_H

Freundlichen Gruß von einem wohlgesonnen Wähler aus Hamburg. Bei aller Sympathie und proaktiver Unterstützung des SPD, konnte ich mir nicht verkneifen, meine doch sehr kritische Meinung zum Webexperiment kundzutun:
http://wieichreichwurde.blogspot.com/2009/01/obama-hat-es-vorgemacht-wah...
Dieser Beitrag fand zwar keine Millionen Besucher, wie die SPD-Domain, aber scheinbar wird die SPD im Internet nicht allerorts gänzlich unkritisch gesehen. Immerhin haben doch einige Blogger auf meinen Beitrag verlinkt und via Email diskutiert.
Es wirkt leider doch sehr nach Einbahnstrasse, was sozialdemokratisch im Netz passiert, echter Dialog und Einbezug potentieller Wähler finden nicht im notwendigen Umfang statt. Dabei würde gerade jetzt im Stimmentief eine aufrichtige SPD, welche keine kritische Diskussion scheut Pluspunkte sammeln.

Soweit erstmal mit fadem Beigeschmack grüßend
Cornelius

PS.: Richtig Pluspunkte sammeln würde die SPD, mit einer zügigen und persönlichen Beantwortung von Emails. Standardisierte Antworten und PR-Texte sind eher beleidigend für einen interessierten Wähler!

Features vs Struktur

Bild von hubert

Die Eigenschaften der Obama-Webseite sind zwar schick - aber nicht vom Himmel gefallen. Die Logik innerhalb der Site hat mit den Mitteln und Wegen zu tun, mit denen die Obama-Bewegung die demokratische Partei usurpiert (oder erneuert) hat.

http://opinionator.blogs.nytimes.com/2009/01/07/missing-the-forest-for-t... und hier: http://radar.oreilly.com/2008/12/google-walmart-mybarackobama.html

Zustimmung

Bin einverstanden mit Deiner Replik, Kajo. Habe ein sehr gutes Gefühl, so früh sind wir schon lange nicht mehr in den Wahlkampf eingestiegen. Richtig so!

Debatte

Bild von Kajo Wasserhövel

Hallo Karsten,

dank für den Debattenanstoss. Ich will aus meiner Sicht zu deinen zehn Punkten kurz und knapp Stellung nehmen und freue mich auf munteres Streiten im Netz :-)))

"1. Der Inhalt wird nicht zentral kontrolliert, sondern die Unterstützer von Obama konnten Blogartikel und Fotos auf die Seite laden....."

Stimmt. Aber auch die Obama-Kampagne hat unterschiedliche Kanäle aufgebaut. Es gab und gibt wesentliche Unterschiede zwischen mybarackobama.com und barackobama.com

"2. Die Obama-Zentrale wählte aus diesem Reservoir an Inhalten die besten Artikel los und stellte diese auf die Hauptseiten der einzelnen Bundesstaaten, ..."

Nun habe ich zwar den Ruf des Zentralisten. Aber ich kann natürlich kaum in die Auftritte der SPD-Gliederungen eingreifen. Wir werden natürlich viel Content für die Partei und die vielen Unterstützerinnen und Unterstützer bereit stellen - und wir werden hoffentlich viel kreativen Input bekommen, den wir verwenden werden. Der Punkt weist aber schon auf ein wesentlich unterschiedliches Merkmal hin. In den Staaten spielen Parteiorganisationen keine Rolle. Alles wird über ein Unterstützerumfeld aufgebaut. Und das schon lange. Bei uns ist natürlich eine Mobilisierung der 530.000 Genossinnen und Genossen eine zentrale Aufgabe für den Wahlerfolg.

"So stelle ich mir auch ein ideale Webseite www.spd.de vor: sie verweist mich auf spannende Stories aus dem Parteileben und aus dem Wahlkampf der SPD, bringt mir die Parteimitglieder und Kandidaten vor Ort näher. Na gut, das machen wir dann auf vorwärts.de ;-)"

Kann Vorwarts.de machen, macht spd.de auch doppel-:-)

"3. Die Social Networks wie Facebook, Myspace und Co waren nicht Selbstzweck der Kampagne, sondern dienten in erster Linie dazu, Nutzer auf die Seite von Obama zu locken.

Im Augenblick sind viele SPDler bei Facebook und Twitter unterwegs, aber eine richtige Strategie dahinter ist noch nicht zu erkennen. Bei TSG in Hessen ist die Strategie ganz deutlich zu merken: über die Social Networks den kurzen Wahlkampf kompensieren."

Das sind wir alle lernende. Viel von uns sind auf facebook aktiv und die Vernetzung ist im vollem Gange. Mir scheint dabei wichtig zu sein, dass wir mit einem Codex arbeiten - offen und nicht verdeckt agieren und ich bin sehr gespannt, ob wir eine wechselseitige Verstärkung von zentraler und dezenztraler Kampagne hinbekommen.

"4. Spenden wurden nicht allgemein eingesammelt, sondern immer mit einem Ziel, zum Beispiel für einen bestimmten Teil des Vorwahlkampfs oder für bestimmte Veranstaltungen. Dadurch wußten die Spender genau, was ihr Geld eigentlich macht."

Es gibt den einen oder anderen rechtlichen Unterschied - aber das ist aus meiner Sicht nicht zentral. Wir werden die Spendenkampagne - anders als in den vergangenen Wahlkämpfen - in die Kampagne einbetten und gezielter und politischer agieren. Ich hoffe es funktioniert.

"5. Spenden wurden gepaart. Wenn ich 50 Dollar spende, erhielt ich zwei Stunden später eine Email, die mir sagt, dass X aus Y ebenfalls 50 Dollar gespendet hat, und ich erhielt einen Link zu dem Profil von X. Erst so wurde den Spendern klar, dass sie Teil einer großen, sehr diversen Bewegung waren....."

"6. Die Wahlkampfmanager von Obama haben einen Teil ihrer Strategie ganz transparent ins Netz gestellt. Kajo Wasserhövel sagte ja, dass eine Strategie über die man redet, keine mehr ist. Ganz ist das nicht richtig, eine Strategie, die man mit den Unterstützern teilt, wie es David Plouffe gemacht hat, wird wesentlich stärker!

Kajo: Du musst ins Internet. Du musst den SPD Wahlkämpfern erläutern, wo es lang geht. Warum wurde das Hintergrundgespräch nicht live ins Netz übertragen? Warum gibt es eigentlich keine Youtube-Videos von Deiner Ansprache an die Mitarbeiter im Willy-Brandt-Haus?"

Hmmm. Also. Weder Axelrodt noch Plouffe haben ihre strategischen oder taktischen Ansätze im Netz verbreitet. Wer das von sich als Wahlkampfmanager behauptet ist entweder keiner oder er sagt den Leuten nicht die Wahrheit. Es geht auch nicht um Strategiegerede: Es geht um Inhalte, Botschaft, Personen und Beteiligung.
Wir werden im Netz unsere Präsenz nun Zug um Zug aufbauen. Das wird ein Marathon in 2009 und denkt bitte an 2005! Zwischen Freitag und Sonntag der haben sich damals 25% der Wählerinnen und Wähler entschieden. Auch im Netz braucht man das richtige Tempogefühl.

"7. Die Unterstützer bei Obama wurden für Ihre Aktivitäten belohnt, erhielten Activity Points, die wiederum mit anderen Unterstützern zusammengetragen wurden. So entstand richtig ein kleiner Wettbewerb zwischen den Unterstützern um die meisten Punkte.

Bei der SPD gibt es jede Menge Wettbewerb: zwischen Ortsvereinen, Untergliederungen, Kandidaten, Strömungen. Unterschiedliche Ideen, aber ein gemeinsames Ziel. Das einfach nur als störenden Lärm zu sehen, ist falsch, sondern den Online-Wahlkampf dazu nutzen, dass sich die Diskussion um politische Ideen innerhalb der Partei einen Raum schafft."

Vollkommen klar ist: Wir werden dann gewinnen, wenn wir eine gute Verbindung von zentraler und dezentraler Kampagne erreichen. Wir in der Nordkurve wissen: Die Wahl wird nicht in Berlin entschieden. Nur wenn in allen 299 Wahlkreisen engagiert und überzeugt und ausdauernd und motivierend gekämpft wird, klappt das am 7. Juni und am 27. September.

"8. Die Internetseite war gekoppelt mit einer größeren Datenbank aller Wähler, d.h. über die Obama-Seite konnte ich einen Auszug aus dem Wählerregister meiner Nachbarschaft erhalten und so Wähler telefonisch oder schriftlich kontaktieren.

Auch das werden die deutschen Datenschutzbestimmungen verhindern. Aber bisher gibt es kaum Koppelungen zwischen dem weiten Unterstützernetzwerken der SPD und ihren Online-Auftritten. Man kann aber gespannt sein, was sich Kajo und seine Truppe noch ausdenkt."

Wir sind da dran. :-)))

"9. Negative Campaigning wurde vermieden, aber die Richtigstellung von Negative Campaigning wurde den Unterstützern überlassen, die über die Seite fightthesmears.com Emails mit Richtigstellungen an ihre Netzwerke versenden konnten.

Für die SPD wäre es gut, wenn bestimmte inhaltliche Richtigstellungen per Crowdsourcing vervielfältigt werden könnten."

Genau. Wir werden anders arbeiten müssen als 2002 oder 2005 im Netz. Schnell, sachlich, klar und hart und vor allem vernetzt.

"10. Die Webseite hat bei Obama immer ein klares Ziel artikuliert: "Der Wechsel kommt durch Obama."
SPD.de muss eigentlich noch klarer das Ziel formulieren: Die SPD wird stärkste Partei im Bundestag und bei der Europawahl, weil die SPD die bessere Politik macht."
Jetzt wird gestartet. Das Feld aufgemacht. Wir müssen als Partei die Neugierde auf uns und in uns wecken. Die Zeit der Zuspitzung kommt.

Kajo Wasserhövel

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