Auch wenn es stimmt, dass wie Kajo Wasserhövel sagt, nicht alle Eigenschaften von der Obama-Webseite 1:1 auf den Online-Wahlkampf zu übertragen sind, so glaube ich, dass man schon von einigen Funktionen lernen kann. Daher sollte man spd.de nicht am neuen Layout, sondern an den Funktionen messen, die dort geboten werden.
Daher hier 10 Lehren aus dem Internet-Wahlkampf von Obama und ob diese für die SPD auch gelten könnten.
1. Der Inhalt wird nicht zentral kontrolliert, sondern die Unterstützer von Obama konnten Blogartikel und Fotos auf die Seite laden, die wiederum von anderen Nutzern gelesen und kommentiert werden könnten. So erst wurde die Bewegung für den Wechsel richtig deutlich.
Im Augenblick scheint es mir nicht so, dass auf www.spd.de viel an dezentralen Inhalten reingestellt werden kann, aber es soll ja eine Unterstützer-Webseite noch kommen. Ich bin darauf sehr gespannt.
2. Die Obama-Zentrale wählte aus diesem Reservoir an Inhalten die besten Artikel los und stellte diese auf die Hauptseiten der einzelnen Bundesstaaten, d.h. die Obama-Kampagne entschied nicht über die Inhalte auf der Webseite, aber über die besondere Heraushebung von Inhalt.
So stelle ich mir auch ein ideale Webseite www.spd.de vor: sie verweist mich auf spannende Stories aus dem Parteileben und aus dem Wahlkampf der SPD, bringt mir die Parteimitglieder und Kandidaten vor Ort näher. Na gut, das machen wir dann auf vorwärts.de ;-)
3. Die Social Networks wie Facebook, Myspace und Co waren nicht Selbstzweck der Kampagne, sondern dienten in erster Linie dazu, Nutzer auf die Seite von Obama zu locken.
Im Augenblick sind viele SPDler bei Facebook und Twitter unterwegs, aber eine richtige Strategie dahinter ist noch nicht zu erkennen. Bei TSG in Hessen ist die Strategie ganz deutlich zu merken: über die Social Networks den kurzen Wahlkampf kompensieren.
4. Spenden wurden nicht allgemein eingesammelt, sondern immer mit einem Ziel, zum Beispiel für einen bestimmten Teil des Vorwahlkampfs oder für bestimmte Veranstaltungen. Dadurch wußten die Spender genau, was ihr Geld eigentlich macht.
Bei allen Parteien ist es so, dass ich überhaupt nicht weiß, was mit meinem Mitgliedsbeitragen passiert. Alle Jahre kommt von den Schatzmeistern ein Brief, ich möchte doch mehr spenden. Nein, ich möchte spenden für konkrete Projekte und für konkrete Kandidaten!
5. Spenden wurden gepaart. Wenn ich 50 Dollar spende, erhielt ich zwei Stunden später eine Email, die mir sagt, dass X aus Y ebenfalls 50 Dollar gespendet hat, und ich erhielt einen Link zu dem Profil von X. Erst so wurde den Spendern klar, dass sie Teil einer großen, sehr diversen Bewegung waren.
Wahrscheinlich lassen die deutschen Datenschutzbestimmungen das nicht zu. Trotzdem könnte man aber die Möglichkeit einräumen, dass ich zum Beispiel eine Spendenzusage mache, die dann Wirklichkeit wird, wenn mindestens 10 andere Leute die gleiche Spendenzusage machen!
6. Die Wahlkampfmanager von Obama haben einen Teil ihrer Strategie ganz transparent ins Netz gestellt. Kajo Wasserhövel sagte ja, dass eine Strategie über die man redet, keine mehr ist. Ganz ist das nicht richtig, eine Strategie, die man mit den Unterstützern teilt, wie es David Plouffe gemacht hat, wird wesentlich stärker!
Kajo: Du musst ins Internet. Du musst den SPD Wahlkämpfern erläutern, wo es lang geht. Warum wurde das Hintergrundgespräch nicht live ins Netz übertragen? Warum gibt es eigentlich keine Youtube-Videos von Deiner Ansprache an die Mitarbeiter im Willy-Brandt-Haus?
7. Die Unterstützer bei Obama wurden für Ihre Aktivitäten belohnt, erhielten Activity Points, die wiederum mit anderen Unterstützern zusammengetragen wurden. So entstand richtig ein kleiner Wettbewerb zwischen den Unterstützern um die meisten Punkte.
Bei der SPD gibt es jede Menge Wettbewerb: zwischen Ortsvereinen, Untergliederungen, Kandidaten, Strömungen. Unterschiedliche Ideen, aber ein gemeinsames Ziel. Das einfach nur als störenden Lärm zu sehen, ist falsch, sondern den Online-Wahlkampf dazu nutzen, dass sich die Diskussion um politische Ideen innerhalb der Partei einen Raum schafft.
8. Die Internetseite war gekoppelt mit einer größeren Datenbank aller Wähler, d.h. über die Obama-Seite konnte ich einen Auszug aus dem Wählerregister meiner Nachbarschaft erhalten und so Wähler telefonisch oder schriftlich kontaktieren.
Auch das werden die deutschen Datenschutzbestimmungen verhindern. Aber bisher gibt es kaum Koppelungen zwischen dem weiten Unterstützernetzwerken der SPD und ihren Online-Auftritten. Man kann aber gespannt sein, was sich Kajo und seine Truppe noch ausdenkt.
9. Negative Campaigning wurde vermieden, aber die Richtigstellung von Negative Campaigning wurde den Unterstützern überlassen, die über die Seite fightthesmears.com Emails mit Richtigstellungen an ihre Netzwerke versenden konnten.
Für die SPD wäre es gut, wenn bestimmte inhaltliche Richtigstellungen per Crowdsourcing vervielfältigt werden könnten.
10. Die Webseite hat bei Obama immer ein klares Ziel artikuliert: "Der Wechsel kommt durch Obama."
SPD.de muss eigentlich noch klarer das Ziel formulieren: Die SPD wird stärkste Partei im Bundestag und bei der Europawahl, weil die SPD die bessere Politik macht.
Diese Gedanken können vielleicht als Gradmesser für den Erfolg der neuen SPD.de Seite dienen. Eins spürt man aber auf den ersten Blick bei der neuen Webseite: die SPD wird wieder mutiger, experimentierfreundiger, aber auch geradliniger und präziser. Klare Kante!



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.