Die Broschüre zum 100jährigen Jubiläum steht zum Download unter www.spd-immenstadt.de.
„Eigentlich sollte ich ja nur einen Rückblick zum 100-jährigen Ortsvereinsjubiläum schreiben, aber es ist wie mit der Büchse der Pandora : Wenn man den Deckel einmal gehoben hat, dann kann man sie nicht mehr schließen“, erzählt Peter Elgaß, SPD Stadtrat bayerischen Immenstadt. Und so sei nun eine kleine Denkschrift zum 100. Geburtstag des Ortsvereins daraus geworden. Weil die Geschichte der SPD in 15 000-Einwohner-Städtchen im Oberallgäu so eigen ist, hat der Chronist den Berichten aus der Vergangenheit zur zeitlichen Orientierung Daten der SPD in Deutschland an die Seite gestellt. Weit wichtiger als die große Politik sind jedoch die Menschen, die ein Jahrhundert lang den Ortsverein geprägt und getragen haben.
So kann sich heute niemand mehr vorstellen, dass er für seine sozial¬demo¬kratischen Grundwerte verfolgt wird. „Die Gründer der Immenstädter SPD trafen sich dageben heimlich“, erzählt Peter Elgaß. „Sie wären fristlos aus der Belegschaft der Bindfadenfabrik geflogen und auch aus der Stadt hatte man sie gejagt, wären ihre sozialistischen Umtriebe ruchbar geworden.“ Dass ein junger Ortsverein kaum vier Jahre nach der Gründung, im Jahr 1914, schon wieder für vier Jahre „geschlossen“ wurde, weil die Männer im Ersten Weltkrieg waren und die Frauen um das tägliche Brot ihrer Familien rangen, ist eine andere Geschichte.
Schicksale im Wandel
Die Festschrift des Ortsvereins Immenstadt deckt Schicksale von Menschen auf, aufrecht, manchmal von den Wirren, meistens aber von den Freuden des Lebens deutlich gezeichnet. Sie erzählt von Mitgliedern, die ihre SPD Jahrzehnte im Stadtrat vertreten haben, wie Immenstadts SPD Gründervater Josef Helfer, von solchen, die dafür einen Ehrenring erhalten haben, wie Hanns Stumpf oder die Bücher schrieben wie Dieter Lattmann, der Schriftsteller, der zu Zeiten Willy Brandts im Bonner Bundestag unter der „lieblosen Republik“ litt.
Sie alle haben einen Ortsverein geprägt, der einmal über 200 Mitglieder hatte. Heute zählt er noch 45 – überwiegend Rentner. Mit dem Wandel der einst industriegeprägten Stadt zum Tourismus-Ort schwand die Arbeiter-Basis. Und auch „die große SPD“ sorgte nicht immer dafür, dass es denen „ganz da oben im Allgäu“ immer gut ging.
Der Wandel ist auch an anderer Stelle abzulesen. Als vor 25 Jahren zum 75. Jubiläum schon einmal eine Broschüre erschien, schalteten die einheimischen Geschäftsleute noch elf Seiten Anzeigen. Diesmal, 2010 gab es keine einzige mehr. „Wir inserieren generell nicht in politischen Schriften,“ bekam der Ortsvor¬sitzende Siegi Lüer nicht nur von seiner Hausbank zu hören. Einer habe dann aber doch Geld angeboten, so Lüer – „wenn er nicht erwähnt wird“.
Mut und Stolz aus der Geschichte
Und dennoch: „Wir sind bestimmt nicht der einzige Ortsverein, der dieses Jahr hundert wird“, überlegt der Unterbezirksvorsitzende Markus Kubatschka aus Immenstadt. Deshalb rate er allen, die sich in der ältesten Partei Deutschlands auf runde Geburtstage vorbereiten: „Seht Euch eure Geschichte genau an. Da findet man Menschen und Schicksale, die Euch stolz machen, Sozialde¬mokrat zu sein.“
Die Immenstädter Genossen jedenfalls haben aus der Aufarbeitung der Ortsgeschichte Mut und Stolz gewonnen. Selbst im Allgäu, wo die SPD bei der letzten Kreistagswahl unter zehn Prozent gesunken ist, wo Sozialdemokraten schon mal scherzhaft gesagt bekommen: „Euch darf man ja nicht mehr angreifen, ihr steht ja unter Artenschutz.“
Und in letzter Zeit geht es auch wieder aufwärts. 2008 haben die Immenstädter Bürger nach 30 Jahren CSU-Herrschaft einen von der SPD unterstützten freien Kandidaten gewählt, im ersten Wahlgang, mit 60 Prozent – gegen den Kandidaten der CSU, der trotz seiner zwölf Jahre als Vizebürgermeister nur knapp 40 Prozent erringen konnte.
Und seitdem wird im Stadtrat mit feiner Klinge und mit schartigen Schwertern um Geld und Ideen gerungen, die im Strudel der nationalen Krise weggerissen wurde. Ein mühsames Unterfangen. Aber das ist ein anderes Kapitel der SPD in der Diaspora. Und auch dieses Kapitel wird vielleicht einmal in Jubiläumsbroschüren stehen. „Und wenn dann die Jungen sagen: ‚Das haben die damals doch recht gut gemacht, die alten Sozis’, dann können wir auch auf uns stolz sein“, ist Chronist Peter Elgaß sicher. „Wenn wir dann noch leben.“
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