Die Eisenbahnmarkthalle – für die Menschen zwischen dem Lausitzer Platz und der Köpenicker Straße ist sie nicht nur eine Einkaufsadresse, sondern vielmehr so etwas wie das wirtschaftliche Herz des Kiezes. Ein Herz, das schon seit Jahren unter Leistungsschwäche leidet, Symbol für die wirtschaftlichen Nöte vieler Menschen entlang der Wrangel- und Eisenbahnstraße, der Muskauer und der Pücklerstraße. Darf man solch ein altes Herz einfach sterben lassen oder durch die Transplantation eines großen Verbrauchermarktes ersetzen? Die Anwohner rund um die Eisenbahnmarkthalle haben darauf eine klare Antwort: Nein!
Das jedenfalls ist das – stark verkürzte – Ergebnis einer breit angelegten Anwohnerbefragung der SPD Friedrichshain-Kreuzberg. Rund 2800 Fragebögen hatte der Arbeitskreis „Wirtschaft, Arbeit und Europa“ gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft der Selbstständigen in der SPD“ (AGS) im Mai an Händler und Anwohner verteilt.
Wie soll es weitergehen?
Das Echo kann sich hören lassen: Fast 250 Fragebögen kamen beantwortet zurück. Und jeder einzelne macht deutlich: Den Menschen ist ihre Markthalle wichtig. „Bitte lasst die Markthalle nicht sterben“ – so der klare Appell auf vielen Fragebögen!
Das zeigte sich auch bei der öffentlichen Präsentation der Befragungsergebnisse am 1. Juli in der Eisenbahn-Markthalle. Peter Beckers, stellvertretender Bezirksbürgermeister und Wirtschaftsstadtrat und Jan Stöß, Finanzstadtrat und Kreisvorsitzender der SPD in Friedrichshain-Kreuzberg sowie rund 100 Anwohner – unten ihnen auch der engagierte Sprecher der Anwohnerinitiative Christoph Albrecht, und Gewerbetreibende führten an diesem Abend eine engagierte und außerordentlich konstruktive Diskussion zu der Frage: Wie soll es weiter gehen?
Zunächst informierte Peter Beckers über den aktuellen Stand des laufenden Bieterverfahrens. Im Gegensatz zu dem ersten Verfahren, bei dem ausschließlich der Verkaufspreis im Fokus der Eigentümer stand, soll das neue Verfahren vor allem auf Grundlage der eingereichten Nutzungskonzepte entschieden werden.
Zwischennutzung, die allen Wünschen gerecht wird
Bis es soweit ist, soll die Eisenbahnmarkthalle weiter genutzt werden. Jan Stöß, der im Bezirksamt auch das Ressort Kultur, Bildung und Sport verantwortet, machte sich stark für eine Zwischennutzung, die vor allem den Wünschen der Anwohner gerecht wird.
Karin Pieper (Sprecherin des AK Wirtschaft, Arbeit und Europa) und Sibylle Schmidt (Vorsitzende der AGS) stellten anschließend die zentralen Ergebnisse der Anwohnerbefragung vor. So ist acht von zehn Befragten (78 Prozent) ein kleinteilig-gemischtes Angebot von Handel und Kultur wichtig. Eine klare Absage also an einen großen Discount-Markt, der die Kaufkraft aus der Umgebung absaugt und noch mehr Autoverkehr in den Kiez pumpt. Zudem stehen ökologische Produkte aus der Region stehen besonders hoch im Kurs. Auffallend viele Anwohner wünschen sich eine Fleischerei und einen Fischhändler zurück. Beides gab es schon einmal in der Markthalle. Damit verbunden ist die Forderung nach „bezahlbaren Mieten“ für die Gewerbetreibenden.
Die Antworten zu den Filialisten unterstreicht gleichzeitig den Wunsch nach günstigen Einkaufsmöglichkeiten: Viele wollen sie zwar nicht in der Eisenbahnmarkthalle, fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) würde sie aber in der unmittelbaren Umgebung aufsuchen.
Autos raus aus dem Kiez
86 von 100 Befragten wollen keine Tiefgarage im Kiez, viele dokumentierten ihre Ablehnung sogar mit deutlichen Kommentaren. Die Eisenbahnmarkthalle, das ist für die Menschen im Kiez ein Zentrum für die (fußläufige) Nahversorgung. Entsprechend bieten sich für die Gestaltung des öffentlichen Raums Fahrradständer bzw. als Dienstleistungsangebot ein Bringservice an.
Für die Zwischennutzung ergeben sich drei Schwerpunkte: Wochenmarkt und kulturelle Nutzungen wie Ausstellungen, Konzerte, Lesungen sowie kinderfreundliche Angebote wie Vorlesestunde und Indoor-Spielplatz. Denkbar wäre also eine „mobile“ Lösung mit festen Tagen für bestimmte Veranstaltungsformate, kombiniert mit saisonalen Angeboten. Solch eine Zwischennutzung wäre für viele Bürger attraktiv und ein positives Signal über den Kiez hinaus.
„Public Viewing“-Angebote, z.B. zum sonntäglichen „Tatort“, würde den gewünschten Charakter der Markthalle als allgemeinen, generationsübergreifenden Stadtteiltreff für Alle unterstreichen.
Das Herz nur in gute Hände geben
In den letzten Juni-Tagen wurden übrigens die alten Marktstände abgebaut, sodass nun die Freifläche für die Zwischennutzung verfügbar ist. Der Baustellen-Charme verlieh der Veranstaltung für und mit den Kiezbewohnern am Lausitzer Platz einen Aufbruch-Charakter.
Die abschließende Diskussion zu den Gestaltungsmöglichkeiten verlief angeregt zwischen Anwohnern, Gewerbetreibenden, möglichen Investoren, Christoph Albrecht von der Anwohnerinitiative und unseren Bezirksstadträten.
Fazit: Die Eisenbahnmarkthalle steht auch symbolisch für die Liebe der Menschen zu ihrem Kiez. Solch ein Herz darf man nur in gute Hände abgeben – an Menschen oder Investoren, die die Wünsche der Anwohnerinnen und Anwohner verstehen und respektieren.
Verlinken Sie auf diesen Beitrag:
- Kommentieren
- 1989 Aufrufe
Druckversion
Artikel verschicken



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.