Wer in der SPD weiß heute schon, dass einige der profiliertesten Köpfe der Sozialdemokratischen Partei in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus Ostpreußen, insbesondere Königsberg kamen: Otto Braun, Preußischer Ministerpräsident, Arthur Crispien, Parteisekretär für Westpreußen und später Mitglied der württembergischen Regierung, Hugo Haase, der von Bebel hochgeschätzte zweite Vorsitzende der Partei und Fraktionsführer im Reichstag, bis er von diesem Posten 1915 zurücktrat und die USPD gründete.
Sie alle waren Ende des 19. Jahrhunderts in Königsberg/Ostpreußen aktiv geworden. Ihre Nachfolger konnten in Königsberg bedeutende Wahlerfolge erringen und Tausende für das Reichsbanner Schwarz-Rotz-Gold gewinnen. Doch schon vor 1933 verbreiteten die Nationalsozialisten in Ostpreußen Angst und Schrecken. Die sozialdemokratische „Königsberger Volkszeitung“ berichtet über Überfälle und Attentate, Morde und Brandanschläge. Gleichzeitig wurden die Sozialdemokraten vom roten Bruder, der KPD, als „Sozialfaschisten“ bekämpft. Nur sechs Jahre lang konnten die im Widerstand tätigen Genossen den Kontakt zum Exilvorstand der SPD über die Freie Stadt Danzig aufrechterhalten. Wenige, unter ihnen Wilhelm Matull, überstanden Verhaftungen, KZ, Flucht.
Sie halfen mit, ihre Partei im Westen wieder aufzubauen. Wen interessierte da schon die Arbeiterbewegung Ostdeutschlands? Es ist Matull zu verdanken, dass wesentliche Fakten und Zeitzeugenberichte überliefert sind, jahre- und jahrzehntelang hat er recherchiert und geschrieben, doch seine ungemein informativen Werke sind heute kaum noch bekannt. Doch die Erinnerung wird jetzt in der Literatur wieder lebendig: In einem spannenden sozialhistorischen Roman wird das Werden und das Ende der Arbeiterbewegung in Königsberg am Beispiel von fünf Frauengenerationen nachgezeichnet, Hugo Haase und seinen Mitstreitern ein literarisches Denkmal gesetzt, an die Menschen im Widerstand erinnert, die nie am 20. Juli genannt werden; nicht das „Land der dunklen Wälder“ wird beschrieben, sondern das Leben im Königsberger Arbeiterviertel Sackheim
Aufsehender Prozess mit Karl Liebknecht
Hugo Haase war einer der profiliertesten Politiker der SPD, in der ostpreußischen Arbeiterbewegung war er geradezu Idol und Legende zugleich. 1863 als Sohn eines jüdischen Flachshändlers in Allenstein geboren, studierte er Rechtswissenschaften in Königsberg, schloss sich schon als Student der Sozialdemokratischen Partei an. Natürlich war ihm als Sozialdemokrat der Staatsdienst verschlossen, er eröffnete eine Praxis als Rechtsanwalt in Königsberg und war der einzige sozialdemokratische Rechtsanwalt in Ostpreußen, bis er 1911 als zweiter Vorsitzender der SPD nach Berlin ziehen musste. 1894 errang er – trotz des 3-Klassen-Wahlrechts – das erste Mandat in der Stadtverordnetenversammlung Königsbergs.
In einem reichsweit Aufsehen erregenden Prozess wegen Schmuggels sozialistischer Schriften nach Russland gelang es ihm zusammen mit Karl Liebknecht, statt Zuchthaus Freisprüche und niedrige Gefängnisstrafen für die Angeklagten zu erreichen, unter ihnen waren Otto Braun und der spätere Parteisekretär Ferdinand Mertins. Mittlerweile war Haase in den Reichstag gewählt worden. In der Gesamtpartei erregte er Aufsehen, insbesondere 1907, als er auf dem Internationalen Sozialistenkongress referierte und die Leitsätze ausarbeitete, welche die internationale Solidarität vertiefen und Kriege verhindern sollten. Bebel schätzte ihn sehr als scharfsinnigen Juristen und geschicktesten Vertreter des linken Flügels der Partei.
Freigiebiger Helfer der Armen
Aus diesen Jahren stammt das Gruppenbild, das ihn in der ersten Reihe zwischen dem Gutsbesitzer Adolf Hofer und Otto Braun zeigt, hinter ihm Arthur Crispien, Journalist bei der Königsberger Volkszeitung, und der jüdische Armenarzt Alfred Gottschalk, der Königsberger Polizei seit 1890 als Sozialdemokrat und Freund Haases aktenkundig. Die Wege dieser fünf Menschen blieben eng miteinander verbunden: Otto Braun war Vorsitzender der Partei in Königsberg. 1911, in eben dem Jahr, als Hugo Haase in einer Kampfabstimmung gegen Friedrich Ebert zweiter Vorsitzender neben August Bebel wurde, berief man Otto Braun zum Hauptkassierer der SPD nach Berlin. Gegensätzlicher als diese beiden konnten Menschen jedoch kaum sein: Braun war eher schroff und verschlossen, während Haase in den Erinnerungen der Königsberger Stadträtin Melzer wie folgt geschildert wird: „Bei der Arbeiterbevölkerung war Haase geradezu verehrt, er war ein großer Wohltäter und half überall, wo man ihn um Hilfe bat. Er wusste, dass er manchmal ausgenutzt wurde, aber seine Freundlichkeit und Herzlichkeit kannten keine Grenzen.... Die Frau teilte seine politischen Ansichten und unterstützte seine Freigiebigkeit. Sie beteiligte sich an kultureller Fortbildung der Königsberger Genossinnen. Ich habe mit vielen anderen Frauen jahrelang die Lese- und Diskussionsabende in ihrer Wohnung besucht.“
Adolf Hofer, fünf Jahre jünger als Haase, war Gutsbesitzer und früh zur Sozialdemokratie gestoßen. Er gehörte später zu denen, die Haase in die USPD folgten. Er war mehrmals Reichstagskandidat und seit 1913 einer der zehn SPD-Mandatsträger im Preußischen Landtag.
Der jüngste, Arthur Crispien, kam dagegen aus dem Arbeitermilieu, hatte Maler gelernt, war dann aber als begabter Redner und aus journalistischer Neigung Redakteur in Königsberg und bis 1912 Parteisekretär für Westpreußen, später wurde er stellvertretender Ministerpräsident in Württemberg.
Hugo Haases schwerste Stunde
Hugo Haase liebte Königsberg. Verständlich daher, dass ihm der Umzug nach Berlin 1911 schwer fiel. Dort sollte er auch die schwerste Zeit erleben. Er hatte sich vor allem für internationale Regelungen eingesetzt, die Kriege verhindern sollten und nahm nach dem Attentat in Sarajewo im Juni 1914 die Kriegsgerüchte sehr ernst. Er organisierte Antikriegskundgebungen in Berlin und traf sich, mit Rosa Luxemburg als Vertreterin der polnischen Sozialisten, mit dem französischen Sozialistenführer und Pazifisten Jean Jaurès Alle waren sich an diesem 29. Juli einig, Krieg um jeden Preis zu vermeiden. Jaurès wurde jedoch schon zwei Tage später ermordet, und als dann die SPD-Fraktion im Reichstag sich mit 78 gegen 14 Stimmen für die Kriegskredite und damit für den Krieg entschied kam Haases schwerste Stunde im Leben: Er war gezwungen, diese Entscheidung als Fraktionsvorsitzender im Reichstag zu begründen.
Als Haase und weitere Mitglieder der Fraktion sich gegen mögliche Annexionen wandten, wurde die Kluft zwischen ihm, Ebert, Scheidemann und Braun tiefer. Alte Freunde aus Ostpreußen – Gustav Bauer, Otto Braun, Carl Legien und Gustav Noske standen auf der einen Seite, auf der anderen Haase und mit ihm immer mehr Mitglieder der Fraktion und auch die alten Freunde aus Ostpreußen: Crispien, Hofer, Gottschalk. Nach der Gründung der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) folgte ihm die Mehrheit der Königsberger SPD, die Parteisekretäre, der Gewerkschaftsvorsitzende, alle waren langjährige Mitglieder der Partei, die teilweise bereits unter dem Sozialistengesetz gekämpft hatten. Auch die gesamte Redaktion der sozialdemokratischen „Königsberger Volkszeitung“ schied aus und schloss sich der USPD an.
Bei der Novemberrevolution gehörte Haase mit Ebert, Scheidemann und anderen dem Rat der Volksbeauftragten an. Adolf Hofer wurde für die USPD neben Otto Braun Leiter des Landwirtschaftsministeriums im Preussischen Rat der Volksbeauftragten.
Die Konflikte mit den Linkradikalen in der USPD ebenso wie mit Ebert und Scheidemann blieben nicht aus. Im Januar 1919 versuchte Haase verzweifelt und vergeblich, beim Spartakusaufstand zu vermitteln. Und innerhalb der USPD brachen weitere Konflikte auf, weil die Linksradikalen auf dem reinen Rätemodell bestanden, während Haase dieses mit dem Parlamentarismus verknüpfen wollte. Sein alter Mitkämpfer Crispien wurde im März 1919 neben Haase Parteivorsitzender der USPD. Natürlich waren auch Gottschalk und Hofer als Delegierte vertreten. Als am 7. November 1919 Haase an den Folgen des Attentats durch einen Geistesgestörten starb, war es Crispien, der die USPD in seinem Sinne weiter führte. Der Chronist der ostpreußischen Arbeiterbewegung, Wilhelm Matull, schreibt: „Nach seinem Tode blieb es das Verdienst Crispiens, den kommunistischen Spalterversuchen ...ein Nein entgegengesetzt zu haben. Nachdem sich für die Unterwerfung unter die russischen Bedingungen 236 Delegierte ausgesprochen hatten, während 156 sie ablehnten, war der USPD der Todesstoß versetzt. Ein großer Teil der Mitgliedschaft füllte die Kader der KPD zur Massenpartei auf, wohingegen zahlreiche Führungskräfte 1922 in die wiedervereinigte SPD zurückkehrten.“
Crispien und die alten Freunde Haases aus Königsberg haben sich wieder der SPD angeschlossen, hätte er noch gelebt, auch Haase wäre dabei gewesen, denn nach der Gründung der KPD trat Haase für die Vereinigung von USPD und der Mehrheits-SPD ein. Die Rückkehr in seine politische Heimat war ihm nicht vergönnt, aber ihm blieb es auch erspart, den Verlust seiner geliebten Heimat Ostpreußen mitzuerleben.
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