Unter dem Titel „Neusprech 1984 - 2008: Politikersprache zwischen Orwell und Onlineüberwachung“ untersuchte der Bamberger Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Martin Haase, wie Politiker sprachlich und rhetorisch für umstrittene Vorhaben werben wie die Vorratsdatenspeicherung, die heimliche Online-Überwachung, den Abbau von Datenschutz und die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen.
Für seinen Vortrag ging er von George Orwells düsterem Zukunftsroman „1984“ aus, der vor sechzig Jahren veröffentlicht wurde. Darin stellt der Autor eine staatlich verordnete Sprache vor, die er „Neusprech“ nennt. In dieser Sprache werden Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen durch positiv besetzte Wörter, oppositionelles Verhalten durch negativ besetzte ausgedrückt. So heißt das allmächtige Sicherheitsministerium „minitrue“, kritisches Gedankengut wird als „crimethink“ bezeichnet. Orwell bezog diese Idee unter anderem aus zeitgenössischen Arbeiten zur Sprachkritik, zur politischen und unternehmerischen Öffentlichkeitsarbeit und zur Werbung.
Martin Haase zeigte, dass sich die von Orwell schon damals kritisierten sprachlichen Verfahren auch heute wiederfinden – insbesondere wenn es um die Einschränkung von Freiheitsrechten der inneren Sicherheit geht. In einer Reihe von Tonbeispielen von Politikerreden und Interviews fand Haase eine Vielzahl von positiv besetzten Wörtern und sprachlichen Mitteln, die unpopuläre Maßnahmen beschönigen oder den Hörer über die geplanten Änderungen im Unklaren lassen. Dabei beschränken sich die sprachlichen Merkmale nicht auf den Wortschatz, sondern betreffen auch den Bereich der Grammatik und Rhetorik. Rhetorische Verfahren der Ablenkung und der Scheinargumentation fielen dabei besonders auf.
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