Von Partikeln und Partikularinteressen Zauberlehrling 2.0

von Karl-Heinz Föste - 18.07.2009
Gong. Ring frei! Der Wahlkampf ist eröffnet. Oder lässt sich anders erklären, dass das Thema Sicherheit der Atomenergie wieder auf der Tagesordnung steht? Und dieses Mal steigt Sigmar Gabriel in den Ring. Von den Grünen, um deren Urthema schlechthin es geht, vernimmt man erstaunlich wenig in diesen Tagen, wo es um Asse, Endlager und Krümmel-Pannen geht.

 

Aber ist es ein geeignetes Wahlkampfthema, wenn es um Atomenergie, Sicherheit und Verantwortung geht? Nach der sich anbahnenden Katastrophe in der Asse erstaunt es eigentlich, dass man Nachrichten und Kommentare hierzu eher auf den hinteren Seiten der Zeitungen findet, wo sie zwischen 'Vermischtes' und 'Lokales' ein eher unbeachtetes Dasein fristen.

Krümmel ist nun der medienwirksame Aufhänger und Verantwortliche in den Bundesländern werden nicht müde, Gabriel und anderen, die das Thema Sicherheit atomarer Anlagen wieder in den Focus rücken, zu unterstellen, sie würden das Thema missbrauchen, um Stimmung zu machen, um sich bei den Wählern ein paar Prozentpunkte zu erhaschen. Es fragt sich dabei natürlich, wie sehr Wulff und Söder, die solche Statements absondern, die Brisanz des Themas fürchten, wenn sie mit der rhetorischen Keule gleich ins Diffamieren abgleiten und medienwirksames Trittbrettsurfen unterstellen.

Krümmel war sicherlich der Aufhänger dafür, dem Ausstieg aus dem Ausstieg einen Riegel vorzuschieben. Aber wer sucht sich schon aus, wann die Betreiber von atomaren Anlagen Bockmist machen? Solche Unterstellungen greifen ganz offensichtlich zu kurz und sind dem Thema nicht angemessen. Man wird auch schwerlich vermuten, dass SPD und Grüne mit Vattenfall unter einer Decke stecken.

Aber den Schuldigen nun beim Betreiber zu suchen, indem man einen hochrangigen Manager chasst und laut überlegt, ob man Vattenfall die Konzession zum Betrieb von Atomkraftwerken entzieht, reicht beileibe nicht aus und entlarvt sich schnell als kurzsichtiger Schachzug, der allenfalls der Ablenkung dient und als Bauernopfer allzu leicht erkennbar ist. Es fragt sich daher, wer hier Wahlkampf betreibt und was der schlechtere Stil ist.

Verantwortlicher Umgang mit der Frage nach Reaktorsicherheit sieht anders aus.

Bei einer Technik mit einem derart gigantischen Gefährdungspotenzial dürfen, darüber müsste nach Tschernobyl eigentlich Konsens herrschen, keinerlei Fehler passieren, aber es passieren immer wieder hunderte kleinerer und mittelschwerer Fehler. Diese und die damit verbundene Gefahr werden jedoch hingenommen und sowohl die Kanzlerin Merkel als auch andere hochrangige CDU- und FDP-Politiker stellen sich hin und geben der Atomenergiegewinnung den Persilschein einer sicheren Technologie – nach etlichen Störfällen, nach Leukämiefällen in der Elbmarsch, nach durch Kühlwasser aufgeheizten Flüssen und vor allem nach der noch immer ungelösten Endlagerfrage. Asse II und andere Lager, in denen nach der von der damaligen Bundesumweltministerin und heutigen Kanzlerin als sicher befürworteten 'Versturztechnik' beschädigte Fässer mit Atommüll vor sich hinverrotten, sollten eigentlich Anlass auch bei ehemaligen Befürwortern sein, die Atomenergie als Energiequelle - wie längst vereinbart – auslaufen zu lassen.

Aber die modernen Zauberlehrlinge sind allzu fasziniert von dieser so modern scheinenden Technik. Und ein klein wenig kann man sich ja vielleicht der Hybris hingeben, doch irgendwie eine Atommacht zu sein.

Während Goethes Zauberlehrling solcherart Machtrausch bald bereut und versucht hat, den verzauberten Besen zu bändigen – 'abzuschalten', um im modernen Bild zu bleiben -, findet sich unter den Zauberlehrlingen des Atomzeitalters niemand mehr, der ein 'die Geister, die ich rief, werd' ich nun nicht mehr los' stammelt. Der Zauberlehrling 2.0 geht da sehr viel nonchalanter mit weitaus größeren Gefahren als einer absaufenden Studierstube um. Nicht einmal ein absaufendes Atomlager, das einmal als Endlager gedacht war, gibt da zu denken. Ganz so, als wenn es eine Reserve-Erde gebe, die der Pannendienst schnell mal eben austauscht.

Ehrfurcht vor der Schöpfung, gar Reue sucht man vergebens. Der moderne Zauberlehrling pflegt den Tanz auf dem Vulkan und denkt an die Sintflut, die doch bitte nach ihm kommen möge.

Kommende Generationen werden aber nicht nur die Zeche für Bankenstützungen aus Steuermilliarden zu zahlen haben, sondern auch so manche Zeche sanieren müssen, in der man strahlenden Dreck unter den Teppich von Mutter Erde gekehrt hat.

Wer wird sich da noch glaubhaft hinstellen und Sigmar Gabriel Wahltaktik unterstellen wollen, ohne in den Ruch zu kommen, Interessen der Energielobby höher einzustufen als die der Menschen?

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