Linkswende09 Workshop mit Björn Böhning und Fadi Saad

von Christian Soeder - 07.02.2009
Linkswende der Jusos in Berlin. Themen gibt es hier mehr als genug, mich hat besonders der Workshop von Björn Böhning und Fadi Saad interessiert: „Selbst gewähltes Ghetto oder ausgegrenzt von der Gesellschaft?“

Björn Böhnung, ehemaliger Juso-Bundesvorsitzender und heute Bundestagskandidat für Berlin-Kreuzberg, betonte zu Beginn, dass es bei der ganzen Debatte um Ausgrenzung, Integration und dergleichen besonders darum gehe, offenen und versteckten Rassismus zu bekämpfen, sei es der „harmlose“ Türkenwitz oder die Verweigerung eines Ausbildungsplatzes. Fadi Saad und Björn Böhning Auch der zweite Referent, Fadi Saad, schlug in eine ähnliche Kerbe: er ist im Quartiersmanagment tätig, das seiner Meinung nach eine gute Möglichkeit ist, die Partizipation von Bewohnern eines Stadtteils zu erhöhen. Besonders wichtig war ihm zu Beginn festzuhalten, dass der Begriff „Deutscher mit Migrationshintergrund“ irreführend sei: entweder man ist Deutscher, oder man ist es eben nicht.

Uneinig waren sich die beiden Referenten in diesem Zusammenhang, wie man mit den großen Themenkomplexen „Religion“ und „Glaube“ verfahren solle: während Björn Böhning die „Berliner Lösung“ favorisiert, also gemeinsamen Werteunterricht und freiwilligen Religionsunterricht, plädierte Fadi Saad für getrennten Religionsunterricht (meine eigene Position dazu habe ich hier ja schon dargelegt). Plenum Workshop Böhning und Saad Problematisch finde ich den Versuch, den Begriff „Parallelgesellschaft“ krampfhaft zu vermeiden und ihn derart umzudefinieren, dass er nicht mehr das meint, was darunter allgemein verstanden hat. Auf diese Problematik hat eine Genossin aus NRW völlig zu recht hingewiesen.

Auch der Rest der anschließenden Diskussion war ausgesprochen fruchtbar: so wies Saad darauf hin, dass viele Türken und Araber keine Ahnung von ihrer Kultur und ihrer Religion haben, und dass er ihnen vieles erst mühsam beibringen müsse. Auch die Gemeinsamkeiten der Religionen hervorzuheben ist ihm bei seiner Arbeit wichtig.

Bei der Sprachbarrierenproblematik vertraten Böhning und Saad wieder verschiedene Ansätze: Böhning möchte Zweisprachigkeit und Türkisch als zusätzliches Schulfach auch als Chance sehen, Saad hingegen hält es für unerlässlich, dass Schülerinnen und Schüler in der Grundschule bereits Deutsch können, damit sie sich verständigen können. In der Diskussion war eher eine Präferenz für Saads Ansicht erkennbar.

Sehr richtig finde ich den Hinweis von Böhning, dass es nicht „die“ türkische oder arabische Community gibt, sondern dass sie sich ausdifferenziert haben: in den letzten Jahren hat sich eine türkische Mittelschicht herausgebildet. Böhning dazu: „Ich kann auch nicht alle Deutschen leiden.“

Saad betonte, dass es darauf ankomme, auf die anderen zuzugehen: nicht nur von Migranten erwarten, dass sie Deutsch lernen, sondern sie vielleicht auch mal einen Tag der offenen Moschee zu nutzen; eine Forderung, die ich nur unterstützen kann. Auch sein Hinweis, dass Deutsche von Arabern und Türken als Christen angesehen werden, auch wenn sie Atheisten sind, ist ungemein wichtig – an dieser Stelle gab es im Plenum Proteste, was die Feststellung jedoch nicht weniger wahr macht.

Zusammenfassend: ein wirklich guter Workshop, der einige ungewöhnliche Perspektiven bot, abseits von den üblichen Pfaden. Wenn die anderen Workshops ähnlich gut waren, und nach ersten Gesprächen habe ich schon viel Positives gehört, dann ist dieser Kongress wirklich als Erfolg zu bezeichnen.

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