Das Teilnehmerfeld für Oslo wurde an diesem Wochenende um acht Titel aufgestockt.
Davon entpuppen sich zwei als Wiederholungstäter. Und bei den übrigen 6 zeigt sich wieder einmal eine Bandbreite, die es unvoreingenommenen Zuhörerinnen und Zuhörern schwer machen wird, einen hochwertigen musikalischen Wettbewerb im Eurovision Song Contest zu erkennen.
Irland
Die 1968 geborene Niamh Kavanagh gewann 1993 mit ihrem Lied In your eyes und wagt es nunmehr 17 Jahren später noch einmal auf die große europäische Bühne, nachdem sie den Vorentscheid klar für sich entscheiden konnte.
1993 hatte sich Niamh laut Text zunächst eingekapselt, doch der Blick "in deine Augen" eröffnete neue Wege und neues Licht erstrahlte.
17 Jahre später fängt der Text vom neuen Lied It´s for you folgerichtig auch mit einem Blick in die Augen an: Look into these eyes! Wenn sie weint, tut sie dies für die Einsamen, wenn sie betet, tut sie dies für die Verlorenen und Gestrandeten, aber wenn sie liebt, dann tut sie dies nur für dich. Und trotz aller Sorgen und Schatten ist diese Liebe da. Begleitet mit der Flöte ist damit wieder einmal ein Produkt des irischen Standard-Euro-Songs entstanden, den man meint, schon oft gehört zu haben – zuletzt .2006 mit Brian Kennedys Every song is a cry for love.
Kroatien
Nur 5 Jahren warten musste die Gruppe Feminnem, die 2005 für Bosnien-Herzegowina antrat und sich jetzt bereit macht, Kroatien zu vertreten. Die knapp 25 jährigen Sängerinnen bilden seit nunmehr sechs Jahren ein Terzett. Ihr Lied von 2005 hieß ganz eindeutig Call me und war gewissermaßen Meta-Text zum damaligen Auftritt - diesen und das Geschehen auf der Bühne während des ESCs besangen sie nämlich im Stile von ABBA und tausend ähnlicher schwedischen Nummern – sie wollten mit ihrem Song damals in die „very top“ kommen, gereicht hat es zu Platz 14.
Ganz anders jetzt: ein im Vergleich zu 2005 eher ruhiges Liebeslied mit einem kleinem Hauch Melancholie und – im Gegensatz zur Präsentation auf ihrer Homepage - in langen Ballkleidern vorgetragen. Zwar wird auch wieder kräftig getanzt, doch ein wenig geruhsamer sind die Schritte dann doch
Belgien
Als Sänger bzw. Sängerin allein auf der Bühne, mit diesem Konzept starten Belgien, die Ukraine und Portugal.
Aus Belgien kommt der 20jährige Tom Dice, dessen Name bereits seit Monaten feststand. Am Sonntag präsentierte er nun seinen Song Me And My Guitar, den er – wie sollte es anders sein?! – alleine mit seiner Gitarre auf der Bühne bestreitet.
Eine Popballade mit Gitarrensound – das ist kein großer Wurf, kommt auch nicht so wirklich in Schwung, aber im Reigen der besher feststehenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer endlich mal was Nettes für die Ohren. „Frauenmusik“ und „James Blunt“ schreiben manche Kommentatoren – uns erinnert er nicht wirklich an James Blunt und Frauenmusik kann ja wohl auch kaum abwertend gemeint sein. Tom und seine Gitarre träumen auf jeden Fall – so der Text - davon, dass ihre Songs überall gespielt und gemocht werden und für beide mehr rauskommt, als ein öder Bürojob. Ob es die Eurovision richten wird? Tom Dice wurde vergangenes Jahr in der Casting-Show The X-Factor zweiter, mal sehen, wie weit er es in Oslo schaftt. Entschuldigung: er und seine Gitarre natürlich!
Ukraine
Die Ukraine setzt auf Glatze und legte nach den wilden Tänzen der letzten Jahre jetzt seine Hoffnung auf Vasyl Lazarovich mit I love you. Weißes Hemd, weiße Kerze, weißes Klavier und das Gefühl, dass da anscheinend jemand sich vorgenommen hat, seiner großen Liebe ein Geschenk damit zu machen, ein Liebeslied zu singen, und zwar sich selbst. Vasyl Lazarovich, 1981 geboren, ist der dazu passende Musical-Sänger, dessen phonetische Fähigkeiten der englischen Sprache noch der Reifung bedürfen.
Portugal
Aus Portugal war von den Fans wieder etwas Folkloristisches, Herz öffnendes erwartet wurden. Umso mehr erstaunte es, dass diesmal eine Sängerin mit weißer Kerze und schwarzem Klavier gewann. Warum der Klavierspieler im Laufe des Liedes plötzlich die Bühne verlässt, können wir momentan noch nicht erschließen. Die 19 jährige Filipa Azevedo besingt Tage wie diese - Há dias assim - und gewann äußerst knapp das Rennen. Von der Jury bekam sie 12 Punkte, das Televoting gönnte ihr aber nur den vierten Platz und damit 7 Punkte.
Der Liebling des Publikums Catarina Pereira bekam von der Jury nur den fünften Platz und damit sechs Punkte und landete auf Platz 2 mit einem Punkt Rückstand und ist ein brasilianisch-portugiesischer anmutender flotter Tanzpoptitel mit viel Action auf der Bühne, aber gesanglich äußerst schwach.
Rumänien
Für jeweils ein Duett entschieden sich Rumänien und Moldawien. Rumänien nimmt auch ein Tasteninstrument mit nach Oslo, aber kein weißes oder schwarzes, sondern ein durchsichtiges elektronisches Doppelklavier. Paula Seling & Ovi spielen mit dem Feuer – Playing With Fire - das verspricht pyrotechnisch einiges für die Bühnenshow - und besingen eine gefährliche Liebe: Siehst Du nicht, wir spielen mit dem Feuer, wow, da wird es ja richtig heiß…
Paula Seling sang übrigens schon im Duett mit Joan Baez und Beyonce und jetzt ist eben Ovi dran.
Moldawien
Mit dem Titel Run Away kommt aus Moldawien ein Anti-Liebeslied: Entferne dich aus meinem Gedächtnis, bleibe fern aus meinem Leben. Insgesamt fünfmal wird der Refrain wiederholt und eingehämmert und wir sind fassungslos ob der präsentierten Show und wähnen uns weit zurück in die achtziger Jahre versetzt. Wahrscheinlich erhält Moldawien in diesem Jahr die Goldene Revival-Nadel verliehen, aber ob jemand für SunStrokeProject & Olia Tira anrufen wird, das wird erst Oslo zeigen. Gong, Luftgeige, Saxophon, zwei dünne Stimmchen, ein roter BH, eine rote Schärpe und viel, viel Schminke – nun zu sehen gibt es viel.
Russland
Die letzte Entscheidung des Wochenendes wurde in Russland gefällt. Aus 25 Titeln wählten Publikum und Jury Peter Nalitch mit seiner Band und dem Titel Lost And Forgotten. Ja, richtig, es ist ein englischsprachiger Titel – das immerhin glaubten wir während der ersten Strophen erkannt zu haben: Erkannt, nicht verstanden wohlgemerkt! Ansonsten blieb uns doch erst mal der Mund offen stehen. Wären die süßen kleinen Mütterchen aus den fernen Weiten Russlands da nicht eine bessere Wahl gewesen? Hätte man nicht doch Dima Bilan eine Wildcard geben sollen?
Die Sprachlosigkeit hielt bis heute an – deshalb auch die stark verzögerte Ausgabe dieses Blogs!
Was hatten wir nicht alles gedacht – melancholische Klänge von verarmten Straßenmusikanten, die sich verloren und vergessen wähnen – sollte dies gar wieder eine politische Anspielung sein? Ist nach dem opulenten ESC des letzten Jahres in Russland nun die Weltwirtschaftskrise angekommen??
Der Text ist aber einfach nur ein Liebeslied. Peter wurde von der Liebsten stehengelassen, kann die Küsse und Umarmungen aber nicht vergessen und weiß nicht recht, ob er ihre Fotos nun verbrennen soll oder weiter hoffen…und so weiter!
Der Künstler – das konnten wir nun nachlesen – ist ein You-Tube-Star. Vor zwei Jahren schaffte er es mit seinem ins Netz gestellten Musikvideo Guitar zu mehr als 2 Millionen Klicks und zu Berühmtheit über die Grenzen Russlands hinaus. Aus dem Text: Guitar, guitar, guitar, guitar/Come to my Boudoir/Guitar, guitar, guitar, guitar,/Jump to my Yaguar!
Mit seiner Band macht er bewusst eklektische Musik, will traditionelle Musikstile ironisieren. Seine Außenseiter-Berühmtheit hat ihn in Russland gewinnen lassen, doch wird dies in Oslo verstanden werden?
Eines wird er ganz gewiss schaffen – im Rennen um den penetrantesten Ohrwurm wird er in Oslo in der Oberliga spielen!
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