Ein Buch gegen alle Gewissheiten. Philip Roths Roman aus dem Jahr 2004 wirft bedrückende Fragen auf. Wiedergelesen: Verschwörung gegen Amerika.

von Andrea Arcais - 17.02.2010
Was wäre wenn: Die USA sind nicht in den Kampf gegen die Nazis eingetreten. Hitlers Wehrmacht überfällt die Sowjetunion und ein US-Präsident unterzeichnet mit Hitler-Deutschland einen Nichtangriffsvertrag. Die USA mutieren zu einem antisemitischen Staat.

1940 in Europa: Die Deutsche Wehrmacht hat Polen überfallen und Europa mit Krieg überzogen. Die Nazis haben mit der systematischen Verfolgung und Ermordung der Juden begonnen und rüsten sich für den Überfall auf die Sowjetunion.

1940 in den USA: Präsident Franklin Delano Roosevelt kandidiert zum dritten Mal für die Präsidentschaft. Seine Regierung unterstützt Großbritannien im Kampf gegen die Nazis mit Rüstungsgütern und finanziellen Hilfen. Die Republikaner nominieren im Juni Charles A. Lindberg zum Präsidentschaftskandidaten. Lindbergh ist nicht nur ein international bekannter Flugheld, der Mann, der als erster nonstop den Atlantik mit einem Flugzeug überquerte. Lindberg ist auch Isolationist, tritt also gegen jegliche Einmischung der USA in den Krieg gegen die Nazis ein. Er ist Antisemit und ein kaum verhohlener Bewunderer Hitlers.

Bei den Präsidentschaftswahlen geschieht das Unerwartete: Roosevelt verliert die Wahlen. Lindbergh ist der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Eine absurde Vorstellung? Was aber wäre geschehen, wenn die USA tatsächlich nicht in den Kampf gegen die Nazi-Horden eingetreten wäre? Wie sähen die USA aus, würden sie von einem antisemitischen Präsidenten regiert?

Im 2004 erschienenen Roman von Philip Roth geschieht dies tatsächlich. Die Leserinnen und Leser sehen diese USA durch die Augen eines jüdischen Kindes in Newark. Das Kind erzählt uns von schleichend sich einstellenden Verwandlungen in seinem Viertel, in der Schule und in der Familie. Der Junge erlebt, wie die Erwachsenen der jüdischen Gemeinschaft, in der er lebt, sich gegen die Niederlage von Präsident Roosevelt stemmen und sie doch nicht verhindern können. Er muss hilflos mit ansehen, wie sich die jüdische Gemeinschaft in seinem Stadtteil durch "Einbindung" in die "neue" amerikanische Gesellschaft spaltet. Sein eigener Bruder wird zum Fan des neuen Präsidenten Lindbergh. Ein Riss geht - nicht nur - durch seine Familie. Das ganze Land gerät an den Rand eines Bürgerkrieges.

In "Verschwörung gegen Amerika" zeichnet Roth das Bild einer liberalen Gesellschaft, die sich mit rasanter Geschwindigkeit verändert. Newark, die Stadt am Rande New Yorks, wird zu einer von Rassisten belagerten Stadt. Die USA, deren Entstehung durch Immigration und das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten und Religionsgemeinschaften möglich wurde, verwandelt sich in einen nationalistischen und rassistischen Staat.

Philip Roths Text ist Literatur: Fiction. Nicht umsonst aber fügt Roth seinem Roman Kurzbiographien der wichtigsten, im Roman erscheinenden, historischen Gestalten und die Rede von Charles Lindbergh an, die dieser am 11. September 1941 auf der Kundgebung des „America First Committee“ in Des Moines hielt und die den Titel „Wer sind die Kriegstreiber?“ trug. Diese Texte im Anhang machen deutlich, warum seine fiktive Handlung einen beunruhigend wahren Kern enthält: Nichts war vorbestimmt, nichts war sicher, vielleicht war auch die Geschichte möglich, die uns Philip Roth in seinem Buch erzählt.

Philip Roth hat einen spannenden Roman, ein politisches und psychologisches Lehrstück und ein Plädoyer für politisches Engagement und Zivilcourage geschrieben. Große Literatur, die es verdient, wieder gelesen zu werden.

 

Philip Roth, Verschwörung gegen Amerika. Ein Roman.

rororo 24087, 2006. 542 Seiten, 9,90 Euro.

 

 

 

Verlinken Sie auf diesen Beitrag:

http://www.vorwaerts.de/trackback/9815
Hierher verlinken folgende Seiten:

H.-J. Neumann / H. Eberle: «War Hitler krank?»

H.-J. Neumann / H. Eberle: «War Hitler krank?»

H.-J. Neumann / H. Eberle: «War Hitler krank?»

Channel: Kultur  

Mit Kachingle und Flattr können Sie den Online-Journalismus auf vorwaerts.de unterstützen (wie das funktioniert, erfahren Sie in diesem Artikel).

Das Aktuellste aus der Sozialdemokratie - der vorwaerts-Newsletter

Advertising