Der Teddy als queerer Filmpreis der Berlinale ist inzwischen erwachsen geworden. Was mal als Stofftier für den besten Film mit schwul-lesbischem Hintergrund begonnen hat, ist inzwischen eine von Ralf König gestaltete Statue, die sich nicht nur in der Trophäen-Vitrine gut macht, sondern als offizieller Preis der Filmfestspiele Filmen die Aufmerksamkeit und den Verleih verschafft, den sie sonst eventuell nie erreichen würden.
Kommenden Freitag ist es wieder so weit und in der Station Berlin werden die begehrten Teddys in einer großen Gala mit anschließender rauschender Partynacht vergeben.
Und mit dem Teddy hat sich auch das Spektrum der Filme erweitert, die sich um ihn bewerben. Es sind Filme aus allen Sektionen und Programmen der Berlinale, 28 Spielfilme, 18 Dokumentationen und 14 Kurzfilme, inzwischen nicht mehr nur auf schwul oder lesbisch beschränkt, sondern jeglicher Frage von sexueller Identität auf den Grund gehend.
Und wie der Teddy gealtert ist, so sind es auch die Themen der Filme. Gestern und heute liefen zwei Filme, in deren Mittelpunkt eine ältere Generation von Schwulen und Lesben steht.
Baum und Wald
Olivier Ducastel und Jacques Martineau sind auf der Berlinale keine Unbekannten: im Jahr 2000 waren sie mit Felix (Drôle de Félix) und im Jahr 2005 mit Meeresfrüchte (Crustacés et coquillages) auf dem Panorama und im Teddy-Programm.

Olivier Ducastel und Jacques Martineau | © Berliner Filmfestspiele
Ihr neuer Film Family Tree würdigt die Generation Homosexueller, die aufgrund ihrer sexuellen Identität ins KZ gesperrt worden waren.
Zur Vorgeschichte: es ist das Jahr 1999. Der knapp 80jährige Frédérick (Guy Marchand) ist Grundbesitzer und Forstbauer. Während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich wurde er wegen seiner Homosexualität von den eigenen Landsleuten an die Nazis verraten, von diesen dann verhaftet und im KZ Schirmeck in den Vogesen, einem Außenlager des KZs Struthof, inhaftiert.
Nach der Entlassung aus dem KZ wollte er diese Erinnerungen hinter sich lassen, er wollte nicht mehr zur untersten Klasse der Ausgestoßenen gehören, die selbst im KZ noch von den anderen Mitgefangenen verachtet wurden und er wollte seine Eltern schonen – er wollte ein „normales“ Leben führen und nie wieder an diese Zeit erinnert werden.
Lediglich seine Frau und sein ältester Sohn kannten dieses Geheimnis.
Doch während seine Frau ihn akzeptierte und sich mit ihm arrangierte, reagierte der Sohn mit Verachtung, setzte den Vater unter Druck und zwang ihn, die Familie nicht bloßzustellen und nie über seine Homosexualität zu sprechen.
Der Film beginnt mit dem Tag der Beerdigung des ältesten Sohnes. Frédérick möchte ein für alle mal das Unterdrücken und Versteck-Spielen beenden. Was nach der Rückkehr aus dem KZ notwendiger Schutz für ihn war, ist längst zur Belastung geworden. Mit der Verachtung des Sohnes jahrelang fertig werden zu müssen hat ihn gebrochen. Seinen Sohn hat er dafür gehasst, sich selbst vermutlich auch.
„Es leben vermutlich nicht mehr viele unter uns, die eine solche Geschichte erzählen können“ erklärt er sein Bedürfnis, sich nun zu offenbaren.
Er hat kein falsches Leben gelebt, seine Familie bedeutet ihm alles, aber es war ein unvollständiges, immer vom Geheimnis getrübtes Leben.
Auch die Legende seiner Verhaftung will er nicht mehr aufrechterhalten. Immer hatte er sich als politisch Verfolgter ausgegeben, jetzt will er die Anerkennung als wegen seiner Homosexualität Verfolgter. 1982 hatte er es schon mal versucht, als Mitterand an die Macht kam. Doch die Beamtin bei der Stadtverwaltung hatte ihm erklärt, dass es „dafür“ gar kein Kästchen zum Ankreuzen gäbe.
Eine solche Anerkennung hat der französische Staat erst im Jahr 2001 eingeführt.
Doch vor allem richtet sich der Fokus des Films auf die Familiengeschichte.
Wie kann eine Familie mit einem solchen Geheimnis bestehen? „Alles was Du mich lehren konntest, war Selbsthass“ wirft ihm sein jüngster Sohn Guillome vor. Er ist Alkoholiker und vor allem an einer schnellen Auszahlung des Erbes interessiert.
In dieser Ibsenschen Familienkonstellation wird viel geschrien und viel geschwiegen. Und es wird viel aus dem Fenster gesehen – immer wieder steht ein Familienmitglied am Fenster und blickt sorgenvoll nach draußen – wie die Blätter von den Bäumen gefegt werden, sich die Zweige im Herbststurm wiegen oder sehen Frédérick zu, wie er an „seinem“ Baum steht – er hat ihn nach seiner Rückkehr gepflanzt, als Zeichen seiner Freiheit.

Guy Marchand | © Berliner Filmfestspiele
L’Arbre et la Foret heißt der Film im französischen Original. Baum und Wald – viele Bilder verbergen sich im Film. „Ein Baum verliert den Halt, viele sind ein Wald“ oder „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ – ob ein Wald wächst und gedeiht, offenbart sich erst in der zweiten Generation – und so ist es auch mit Frédéricks Familie.
Die Leichtigkeit von Felix oder Meeresfrüchte fehlt dem neuen Film von Ducastel und Martineau. Die Filmmusik aus Wagners Ring liegt schwer über dem Film und wird nur einmal durch ein Klavierkonzert von Mozart durchbrochen. Manchmal wünschte ich mir einen etwas tieferen oder emotionaleren Zugang zu Frédérick – doch Guy Marchand spielt den abgehärteten, nach außen kaum Gefühle zeigenden, verschlossenen Träger eines lebenslangen Geheimnisses so perfekt, dass dieser leichte Weg leider versperrt bleibt.
Doch die Botschaft ist angekommen: wir müssen uns, solange es möglich ist, von den Zeitzeugen berichten lassen, ihnen zuhören, ihre Geschichten öffentlich machen.
Weitere Vorstellungen:
Do, 18.02. um 17:00 h im Kino International und So, 21.02. um 21:30 h im Zoo Palast 1
Eine völlig entgegen gesetzte Art von Familie zeigte der zweite Film, der „außer Konkurrenz“ im Wettbewerb der Berlinale präsentiert wurde: The Kids Are All Right von Lisa Cholodenko.



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