Euro-Vision 2010 - Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner Was kostet ein Eurovision Song Contest? - Neues über Oslo 2010

von Martin Schmidtner - 01.11.2009
Langsam steigt sie wieder, die Anspannung. Es ist fast Halbzeit der laufenden Grand-Prixade und es tut sich bereits eine Menge. Das Casting für die deutsche Teilnahme „Unser Star für Oslo“ geht bei Stefan Raab in Köln Anfang November in seine letzte Runde und auch aus dem Ausland und von den Veranstaltern sind Neuigkeiten zu vermelden – auch die Wirtschaftskrise hat den Eurovision Song Contest erreicht.

Krise des ESC?

So schockte esctoday.com Ende Oktober mit der Mutmaßung, der ESC stünde vor einer großen Krise. Der Hintergrund: Ungarn hat seine Teilnahme für Oslo zurückgezogen. Die finanzielle Belastung ist MTV Hungary in diesem Jahr zu groß. Bereits im Sommer hatte die tschechische Fernsehanstalt unter anderem auch aus finanziellen Gründen ihre Teilnahme für Oslo abgesagt.
Und vor allem die kleineren Länder und Fernsehanstalten scheinen über den finanziellen Hürden zur Teilnahme zu grübeln: Andorra, San Marino, die drei baltischen Staaten - alle noch nicht sicher im Rennen. Vor allem Estland steht kurz vor einer Absage. Zwar hatte das Land mit Urban Symphony den sechsten Platz in Moskau erreicht, aber gewaltige Sparmaßnahmen des Senders scheinen eine Teilnahme fast unmöglich zu machen.

Und auch die großen diskutieren um die Beiträge - so hatten die Spanier im Sommer angedroht, den Contest zu verlassen, sollte die EBU ihnen eine Geldstrafe wegen der regelwidrigen Ausstrahlung des ersten Moskauer Halbfinales verhängen.

Die Kosten des ESCs

Wenn sich nun jemand fragt, um welche Kosten es dabei eigentlich geht, so können wir dies auch nicht mit konkreten Zahlen beantworten. Über die Höhe der Beitragszahlungen und Abgaben an die EBU gibt es viele Gerüchte, aber keine bestätigte Zahlen - weder für die Mehrzahl der regulären Beitragszahler noch über die der "Big Four" (das sind Deutschland, Spanien, Frankreich, Großbritannien als die höchsten Beitragzahler).
Allerdings gibt es Zahlen zu den jeweiligen Produktionskosten der Contests selbst: 2007 in Helsinki sollen es etwa 12,4 Millionen Euro gewesen sein, die durch Sponsoren aufgebracht wurden, 2009 in Moskau war bereits von 27 Millionen Euro die Rede! Der norwegische Sender NRK schätzt die Kosten des Wettbewerbs 2010 auf umgerechnet 24 Millionen Euro, berichtet esctoday. Dies sei eine Berechnung, die auf den Erfahrungen der finnischen Nachbarn fuße, man rechne aber mit noch höheren Kosten. 9 Millionen Euro seien durch Ticketverkauf und einer EBU Garantie über 3,5 Millionen Euro abgesichert - der Rest jedoch noch offen. Man rechnet natürlich auch mit starker Sponsorenschaft und eventuell mit Regierungszuschüssen oder aber einer Erhöhung der Rundfunkgebühren.

Erste Teilnehmer für Oslo

Doch zurück zum Starterfeld: Laut esctoday besteht auch an der Teilnahme Armeniens noch Ungewissheit, allerdings (zumindest offiziell) nicht wegen der Finanzen, sondern als Boykott gegen die gravierenden Regelverstöße des Nachbarlandes Aserbaidschan, zu denen die EBU keine Sanktionen verhängt hat. Laut EBU sei dies im Rahmen der geltenden Verträge nicht möglich gewesen. Deshalb soll das ESC-Reglement zum nächsten Jahr geändert werden und jedwede Information über die Identität der Zuschauer im Televoting an Regierungsstellen ausdrücklich verboten werden. (Aserbaidschanische Behörden hatten nach dem Televoting Anrufer verhört, die für das Nachbarland Armenien abgestimmt hatten! Beide Länder befinden sich seit Jahren in einem Konflikt um die Region Berg-Karabach). Der vollständige Text des EBU-Statements lässt sich auf esctoday nachlesen.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. So beabsichtigt Luxemburg, immerhin eines der 7 Länder, die am allerersten Grand Prix im Jahre 1956 mit dabei waren, wieder am ESC teilzunehmen. Eine Bestätigung steht jedoch noch aus.

Der Meldeschluss für die Teilnahme in Oslo ist Mitte November, doch bereits jetzt haben viele Länder offiziell ihre Teilnahme bestätigt oder aber bereits Einzelheiten zu den jeweiligen Vorentscheidungen oder Auswahlverfahren bekannt gegeben. Darunter sind neben Gastgeber Norwegen Deutschland, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Portugal, Zypern, Griechenland, Belgien, Weißrussland, die Slowakei, Slowenien und die Türkei. (Für die Türkei geisterte im August die Meldung durchs Netz, dass Tarkan (Simarik) für sein Heimatland an den Start gehen werde, was aber von seinem Management inzwischen dementiert wurde)
Folgende Termine stehen für die Vorentscheidungen, bzw. Bekanntgaben der Künstler und ihrer Lieder bereits fest: Im Dezember die Schweiz, im Januar Finnland, im Februar Island, Dänemark und Polen und das Finale des schwedischen Melodifestivalen wird am 13. März in Stockholm ausgetragen.
Die Nase vorn hatte aber in diesem Jahr eindeutig Bulgarien: der bulgarische Fernsehsender präsentierte bereits jetzt "seinen" Star für Oslo, den 34jährigen Miro, der in Bulgarien alles andere als ein unbeschriebenes Blatt ist und an dem wir uns deshalb bereits jetzt reichlich auf Youtube erfreuen können - natürlich noch nicht mit dem Lied für Oslo, aber doch ganz vielversprechend.

Und immer wieder werden Namen als weitere mögliche Kandidaten ins Spiel gebracht. Besonders erfreulich fanden wir die Meldung, dass Kate Ryan und Soraya mit dem Gedanken spielen, als Duo in Oslo mitzumachen. Die Idee soll auf Kate Ryan zurückgehen, Soraya bekundete ihr Interesse über Facebook.
Soraya trat in Moskau für Spanien an und belegte einen sehr undankbaren 25. Platz im Finale, die Belgierin Kate Ryan startete 2006 für ihr Land - als Favoritin gehandelt, dann jedoch auf einem 12. Platz im Halbfinale abgeschlagen.
Dass sie gut zusammen harmonieren, bewiesen sie bereits auf Sorayas CD Sin Miedo. Dort singen sie gemeinsam Caminaré.

Natürlich sind das nur Wünsche, keine konkreten Planungen, aber uns würde es gefallen, die beiden wiederzusehen!

Ebenfalls im Gespräch ist Hera Björk für Island. Ein Titel von ihr steht in der engeren Auswahl zum nationalen Vorentscheid Islands. In diesem Jahr belegte sie den zweiten Platz in der dänischen Vorauswahl und war sowohl in diesem als auch im letzten Jahr als Background-Sängerin mit von der Partie.
Nächsten Samstag wird sie beim Clubtreffen des Fanclubs ECG in Köln auftreten. Zusammen mit Oscar Loya und dem Kroaten Igor Kukrov, der in Moskau den 18. Platz erreichte.

Wir können die Krise des Song Contests momentan noch nicht wirklich sehen. Bedauerlich wäre es, wenn die Wirtschaftskrise tatsächlich noch mehr Länder zum Rückzug treiben würde, aber es wäre nicht das Ende des Grand Prixs, sondern müsste vielmehr eine erneute umfassende Strukturdebatte vor allem über die EBU-Gebühren und die gewünschte Größe des größten TV-Ereignisses nach den Olympischen Spielen erzwingen.

Neue Regeln

Diskutiert wurde auch in den vergangenen Monaten - allerdings wieder einmal über die Regeln. Zwei neue Regeländerungen vermeldete nun die Reference Group der EBU:

Zum einen wird das Abstimmungsverfahren des Finales, das sich zu 50% aus Televoting und zu 50% aus Jury-Wertung zusammensetzt nun auch auf die Halbfinale ausgedehnt. Aufgrund der guten Erfahrung in Moskau sowie des "überwältigenden Zuspruchs" von beteiligten Fernsehanstalten, Journalisten und Zuschauern habe man sich dazu entschlossen. Eine gute Neuerung, finden wir.
Über die zweite Innovation dagegen lässt sich vortrefflich streiten: Das Televoting soll in Oslo nicht mehr nur in den 10 Minuten nach der letzten Performance durchgeführt werden, sondern bereits ab dem ersten Lied für die ganze Dauer der Show möglich sein. "Geldabschneiderei" tönen die einen und befürchten Startvorteile für die vorderen Startplätze. ESC-Generalsekretär Svante Stockselius dagegen verspricht sich von der Regelung eine bessere Sicherheit gegen technische Störungen beim Televoting und argumentiert mit einer Untersuchung des Telekommunikationsunternehmens Digame, das Partner der EBU ist, wonach sich keine Wertungs-Vorteile für die vorderen Startränge ergäben und die Zuschauer eh für "ihren" Song anrufen würden, egal an welcher Stelle er performt wird.

Svante Stockselius im Mai in Moskau (Foto: Martin Schmidtner)

Misstrauisch darf man da natürlich werden. Allerdings ergibt sich aus der neuen Regelung vielleicht tatsächlich sogar eine Chance für die Songs, die dann, wenn man am Ende der Show sich einen Favoriten ausgesucht hat, immer unter den Tisch fallen. Möglicherweise nähern mehrere Anrufe die Zuschauerwertung eher an das alte Punktsystem an, bei dem schließlich wie jetzt auch von den Jurys 10 Lieder bewertet wurden und werden. Und bisher galt ein vorderer Startplatz ja immer als extrem chancenloser Platz - dies könnte sich nun ausgleichen?
Ob es diese Chance gibt oder den Zuschauern nur Geld aus der Tasche gezogen wird, werden die Preise für die Telefonanrufe zeigen - und die Auswertung nach dem ESC in Oslo.

 

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