Wann führt die SPD eigentlich eine Diskussion über ihr katastrophales Europawahlergebnis? Von wegen Piraten: Lasst uns Europa kapern!

von Andrea Arcais - 16.01.2010
Schon wenige Wochen nach dem Schrecken, den das Europawahlergebnis in der SPD auslöste kam was? Nein, keine Analyse, sondern der noch größere Schrecken des Bundestagswahlergebnisses. Was fehlt, ist die Bereitschaft in der SPD die "Europäisierung der Partei" als etwas anderes, als ein schönes Stichwort für das Feuilleton zu betrachten.

 

Warum im  Sommer 2009 gerade einmal 43% der bundesdeutschen Wahlbevölkerung ihr Kreuz auf dem ellenlangen Zettel zur Wahl des Europaparlaments abgaben, hat viele Gründe. Die Tatsache, dass weder die SPD, noch die Grünen oder gar "Die Linke" Europäische Politik im Rahmen ihrer eigenen Parteiarbeit wirklich Ernst nehmen, ist einer der ausschlaggebenden Faktoren. 

Warum sollten potentielle SPD, Grüne und Linke-Wähler zur Europawahl ihre Stimmen abgeben? Grüne dürften innerhalb des hier beschriebenen Potentials noch die fleissigsten Wähler haben. Schließlich gehört es zum "Grünen Lebensgefühl" dazu, sich besser in europäischen Metropolen auszukennen, als im eigenen Wahlkreis.

 "Die Linke" hat für Europa, wie für fast alle anderen Politikbereiche, vor allem Empörung übrig. Ganz grundsätzlich werden die Möglichkeiten des Lissabonner Vertrages als Herrschaftsinstrument neoliberaler Politik abgekanzelt. Sielräume und zusätzliche demokratische Mitwirkungsmöglichkeiten, die sich durch den Vertrag ergeben, wie beispielsweise die Tatsachen, dass zum einen mit dem Vertrag erstmals eine Grundrechtscharta europaweit gilt und zum anderen dem Parlament elementare Rechte zuerkannt werden, ist diese Linke weder bereit wahrzunehmen, noch ist sie in der Lage Fortschritte zu erkennen, geschweige denn, sie zu nutzen. Gegenüber der Europäischen Union gibt sich die Linke nicht nur ignorant, sondern betätigt sich auch diffamierend.

Die SPD trägt die Europäische Dimension in ihrem Programm, ist historisch die Europapartei, inspiriert vom Internationalismus, lebt Europapolitik aber immer nur drei Monate vor der gerade anstehenden Wahl. Europapolitik als Partei immitierend. Wen wundert es, dass die eigene Wählerschaft keine Lust verspürt, sich an einer "comedia europea" als  Staffage zu beteiligen. 

Dies scheint sich auch nach der verheerenden Europawahl 2009 zu wiederholen - gilt es doch die Bundestagswahl zu verdauen. Wer sich im vergangenen Wahljahr beim Hauptgang derart den Magen verdorben hat, der macht sich halt keine Gedanken mehr darüber, wie es ihm nach der ebenso verdorbenen Vorspeise ging. 

Von Wahlanalyse - und damit ist jetzt nicht die wissenschaftliche Aufarbeitung im Parteivorstand, die Produktion von Wählerwanderungsschaubildern gemeint - hat als politische Diskussion in der Partei nicht stattgefunden. Schlimmer noch: Sie wird bis heute gar nicht vermisst.

Wie also raus aus diesem Dilemma? Warten wir auf die großen Veränderungen, die sich im Rahmen der Parteireform ergeben könnten? Dies ist die Haltung, die zu dieser Situation erst geführt hat: Wir warten mal ab, was aus dem Parteivorstand kommt. Damit sollten wir aufhören und verstehen, dass sich an der Wertschätzung von Europapolitik in der SPD erst dann etwas ändert, wenn die Europapolitisch Aktiven selbst Teil des Reformprozesses werden. 

Die Impulse dafür können allerdings nicht allein National gegeben werden.  Die Konzepte müssen aus den Sozialistischen und Sozialdemokratischen Parteien Europas selbst kommen. Von den Vorständen, aus den Fraktionen, aber vor allem von den Mitgliedern in den Unterbezirken, Circoli, Ortsvereinen oder wie auch immer die Basisorganisationen in den Parteien genannt werden: Kapert Europa! Nehmt es Euren "Kapitänen" weg und organisiert von unten, mit den Aktiven der jeweiligen Schwesterparteien, europäische Politik. Das wird Druck ausüben und das wird neue Ideen, neue Konzepte entstehen lassen. Darunter werden gute und schlechte, hilfreiche und weniger hilfreiche sein. Wenn aber europäische Bewegung in die Parteien getragen wird, dann können wir auch in der SPD das hervorragende Europakapitel des Hamburger Programms mit Leben füllen.

Innerhalb der Sozialistischen Partei Europas tut sich in dieser Richtung schon etwas. Es gibt die PSE-Aktivisten (www.pes.org/en/pes-activists) , deren Anliegen eine Belebung durch die Mitglieder ist oder die Initiative, die aus der italienischen "Partito Democratico" heraus vor zwei Jahren in Orvieto gegründet wurde und die den schönen Namen trägt "Le Rose rosse d´Europa" (Die roten Rosen Europas - www.roserossedeuropa.eu) und deren Aufgabe nichts anderes ist, als Networking zwischen Basisorganisationen der Mitgliedsparteien der PSE zu organsieren. Dabei geht es der Initiative  weniger um eine touristischen Dimension, als vielmehr darum,  eine sozialistische Partei Europas "von unten" heraus aufzubauen. 

 

 

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(...) lebt Europapolitik

Bild von Kai

(...) lebt Europapolitik aber immer nur drei Monate vor der gerade anstehenden Wahl.

Das ist leider eine völlig korrekte Analyse. Das Problem beginnt meines Erachtens aber schon im Ortsverein, wo oftmals wenig Bereitschaft vorhanden ist, sich über den eigenen Bereich hinaus zu engagieren, geschweige denn für "Europa", wo ja ohnehin nur irgendwelche Verordnungen herkommen. Insofern muss eine Änderung der Einstellung auch immer "von oben" vorgelebt werden, damit sie irgendwann mal durchsickert.

Ein erster Ansatz wäre hier zum Beispiel ein gesamteuropäisches Programm (und kein deutsches mehr!) sowie ein europäischer Spitzenkandidat, mit dem man dann Europa identifizieren kann.

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