8. März: Internationaler Frauentag Von Utopia noch weit entfernt

von Kira Ludwig - 08.03.2010

Literatur:
Bebel, August: Aus meinem Leben. Ausgewählte Schriften. Band 6. Berlin 1983.
Bebel, August: Die Frau und der Sozialismus. Berlin 1979.
Foley, Caroline A.: [Besprechung von:] Die Frau und der Sozialismus von August Bebel. Zwanzigste unveränderte Auflage. Stuttgart 1893. Women: her Position in the Past, Present and Future. By August Bebel. Translated from the German by H. B. Adams Walther. Second edition. London 1893. The Rights of Women. A Comparative Study in History and Legislation. By M. Ostrogorski. London 1893. In: The economic journal: The journal of the Royal economic society. Oxford [u. a.], Jg. 1894, Band 4 (13), S. 90-93.
Pieper, Linda: August Bebel: Die Frau und der Sozialismus (1878). In: Die Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte. Bonn, Jg. 42, Nr. 6, 1995, S.502-505.
Seebacher-Brandt, Brigitte: Bebel. Künder und Kärrner im Kaiserreich. 2. durchges. Aufl. Berlin 1990.

Das Buch "Die Frau und der Sozialismus" schrieb August Bebel in Haft. Nach seiner Haftzeit erschien das Buch 1878, wurde aber sofort verboten.

1872 kam August Bebel in Haft wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Wilhelm Liebknecht saß schon und lachte ihn aus, denn Bebel hatte sich wegen Majestätsbeleidigung zusätzliche neun Monate eingehandelt. In der nicht unkomfortablen Festungshaft, erholte Bebel sich von einer Tuberkulose und bereitete das Buch „Die Frau und der Sozialismus“ vor. Nach seiner Haftzeit erschien das Buch 1878, wurde aber sofort verboten.

Mit Hilfe des Verlegers JHW Dietz und einem neuen, unverfänglicheren Titel versehen, wurde es bis zur Aufhebung der Sozialistengesetze allein neunmal gedruckt und illegal verbreitet. Jedes Exemplar, so Bebel, habe 50 Leser, darunter die Frauen der Polizisten, die das Werk in der Öffentlichkeit einzögen. Ab 1891 wurde das Buch zur Quelle seines Wohlstands und zu seinen Lebzeiten erschien es in 53 Auflagen und 15 Sprachen. Zwischen der 9. Auflage 1891 und der 50. lagen 19 Jahre.

Daten zur Situation der Frau
Das Buch ist in einem eloquenten Stil geschrieben. Es enthält nicht nur viele Daten zur Situation der Frau, es ist auch technisch auf der Höhe der Zeit. Bebel hatte u. a. Liebig studiert und konnte kenntnisreich über Bodenerschöpfung und Düngung sprechen. Schon in der Einleitung band er die Frauenfrage mit der Sozialisierung der Gesellschaft zusammen:

Von unserem Standpunkt aus fällt diese Frage zusammen mit der [Hervorhebung im Orig.] Frage, welche Gestalt und Ordnung die menschliche Gesellschaft sich geben muss, damit an Stelle von Unterdrückung, Ausbeutung, Not und Elend die physische und soziale Gesundheit der Individuen und der Gesellschaft tritt. (Bebel 1979, S. 25)

In vier großen Abschnitten entfaltet er seine schöne, neue Welt. Beginnend mit „Die Frau in der Vergangenheit“ arbeitet er die Unterdrückung der Frau detailliert historisch auf. Im zweiten Abschnitt „Die Frau in der Gegenwart“ unternimmt Bebel die Analyse von Geschlechtswesen, Geld-Ehe, Untergang der Familie, Versorgungs-Ehe, Chancen der Ehe, Prostitution, Arbeit und Bildung der Frau und untersucht ihre rechtliche Stellung. Die Zwangsläufigkeit der Stellung der Frau in der Gegenwart aufgrund der Klassengegensätze, der Konzentration des Reichtums, der Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems sind Thema des dritten Abschnitt „Staat und Gesellschaft“. Damit liefert er die fundamentale Begründung für einen Systemwechsel.

Kernstück der „sozialistischen Bibel“: Utopia
Der wichtigste vierte Abschnitt „Die Sozialisierung der Gesellschaft“ präsentiert zwangsläufig und konsequent die Lösung: Durch die Veränderung des Gesellschaftsmodells ist auch die Gleichstellung der Frau zu erreichen. Dieser Teil des Buches wurde durch alle Auflagen hindurch nicht verändert. Er ist das Kernstück der „sozialistischen Bibel“, für die man Bebel liebte. In diesem Utopia gibt es keine Kapitalisten mehr, aber jeder hat die Arbeit, die er oder sie möchte, 2-3 Stunden pro Tag, angenehm, abwechslungsreich und von demokratisch gewählten Ordnern überwacht. Alle arbeiten füreinander und Bebel konstatierte, dass das zu Schnelligkeit und hoher Qualität führen würde. Da jeder nur einen Teil des Tages erwerbs-arbeite, stiege auch die Qualität aller sonstigen Arten der Arbeit.

Vier Tätigkeitsbereiche pro Tag würde der Mensch in seinem Utopia täglich durchlaufen: produktive Arbeit, Lehre oder Pflege, Studium/Bildung und Administration/Organisation, die den Staat ersetze. Gegensätze zwischen Gebildeten und Ungebildeten verschwänden, Verbrechen gebe es nicht mehr. Häusliches Leben wäre auf ein Minimum beschränkt, gesellschaftliches Leben dagegen hervorragend ausgestattet. Frauen und Männer lebten zusammen mit einem Privatvertrag, zwischen den sich kein Staat und keine Kirche drängen. Sie liebten sich und lebten zusammen so lange sie sich vertrugen und hörten damit auf, wenn es nicht mehr klappte. Auch auf Treue käme es nicht an, Sexualität soll nicht mehr ein mit Scham behaftetes Thema sein. Das Werk wurde als der machbare Weg des theoretischen Marxschen Konstrukts gefeiert. Marx war trocken, Bebel eine lebendige Utopie.

Das Berliner Tageblatt würdigte die Schrift 1909 so:
Es war bahnbrechend als ein Buch über den Sozialismus und das nicht etwa deshalb, weil es noch keine Bücher über den Sozialismus gegeben hätte, sondern aus dem Grunde, weil es das erste Buch war, das ein ziemlich vollständiges und anschauliches Bild von dem Zukunftsstaate gab, zu dem wir nach der Theorie von Karl Marx mit der Notwendigkeit eines Naturgesetzes gelangen werden. Das Gemälde der sozialistischen Zukunft, das Bebel entwarf, das war es vor allem, was dem Buch seine Anziehungskraft gab. ‚Bahnbrechend’ – gewiss, denn tausendmal mehr als das ‚Kapital’ von Marx haben die blühenden Schilderungen dieses Buches von Bebel für den Sozialismus gewirkt, für ihn geworben. (Berliner Tageblatt anlässlich des Erscheinens der 50. Auflage 1909, zitiert nach Seebacher-Brandt)

Dabei gingen dem Werk Männer wie Frauen gleichermaßen auf den Leim: Frauen drohten eine echte Konkurrenz für Männer auf dem Arbeitsmarkt zu werden, doch durch die Verknüpfung mit dem Gesellschaftsentwurf war die Emanzipation der Frauen zeitlich entrückt und somit erträglicher gestaltet für die Männer. Diese langfristige Perspektive schuf so Spielraum dafür, die Frauenfrage überhaupt zu thematisieren. Allerdings blieb auch August Bebel immer ein Mann seiner Zeit, mit allen Vor-Urteilen über das Vermögen und das Wesen der Frau. Doch die Frauen waren zufrieden mit der Anerkennung. Hier kam nicht einer, der es besser wusste, was mit der Mehrheit der Menschheit zu passieren hatte, hier entwarf jemand ein partnerschaftliches Modell. Die Rezensentin Caroline A. Foley vergleicht 1894 für das Economic Journal der Royal Economic Society die verbotene 2. Auflage mit der 20. und schreibt:

„In Herr Bebel’s book there is no „Männeregoismus“ dictating to woman what in every case she is to do or not. Not accepting that what she does not habitually do she ought not to attempt, he welcomes the fact, that under present social conditions she is experimenting in every direction.
(...)
For the time has not yet come for the book to fossilize into a classic. It is wanted still as an instrument of popular progress, and there is nothing to take its place. (Foley, Caroline A.: [Besprechung von:] Die Frau und der Sozialismus von August Bebel. S. 91)

Erst 1908 war die SPD bereit, eine Frau in ihren Vorstand zu wählen. Das geschah mit der Holsteinerin Luise Zietz, dem sogenannten „weiblichen Bebel“. Luise Zietz erklärte 1903: "Wenn mir z.B. in Thüringen das Referieren verboten wird, spricht zunächst ein Genosse zehn Minuten, und ich spreche dann in der Diskussion anderthalb Stunden." Zietz und andere waren ungeduldiger, wollten nicht auf die Umwälzung der Gesellschaft warten und bauten die sozialdemokratische Frauenbewegung als eigenständige Gemeinschaft in der Sozialdemokratie auf. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

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