Viktor Janukowitsch - Ist der künftige ukrainische Präsident wirklich pro-russisch?

von Dmitri Stratievski - 19.02.2010
Noch vor der Verkündung des offiziellen Wahlergebnisses durch die ukrainische Wahlkommission am 14. Februar gab der Wahlsieger Viktor Janukowitsch zwei Interviews den populärsten russischen Medien: dem staatlichen Nachrichtensender Rossija 24 und dem vom Staat kontrollierten Sender Pervyj kanal. Im Gespräch legte Janukowitsch einige Grundrisse seiner künftigen Außenpolitik gegenüber Russland fest.

Julia Timoschenko bezeichnete diese Äußerungen in ihrer Fernsehabsprache als „antiukrainisch“. Die deutschen Medien reagierten darauf fast einstimmig. Die erste Zeile im n-tv-Artikel setzt sofort Akzente: „Den Kreml wird's freuen.“ Die Online-Ausgabe von Spiegel teilt diese Meinung: „Russland hat Vorrang (...) Die Öffnung nach Europa scheint vorerst beendet.“ Knapper Text und klare Aussagen. Die Ukraine bewegt sich zu Russland und weg von Europa. Als Geistes- und Sozialwissenschaftler bin ich immer geschult worden, mit der Originalquelle zu arbeiten und diese kritisch zu interpretieren. Hier ist eine kurze Analyse von Janukowitschs Worten bzw. deren Auswirkungen auf die ukrainische Außenpolitik:

 

Ukraine und die anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion 

Janukowitsch meint, dass die Staaten der ehemaligen Sowjetunion wirtschaftlich, kulturell und historisch miteinander eng verbunden sind. Diese gegenseitige Abhängigkeit entspricht der Wahrheit. Russland, Belarus und Kasachstan sind bedeutungsvolle Absatzmärkte für ukrainische Waren. Die russische Energielieferung ist für die Ukraine momentan existenzwichtig. Auch historische Enge ist kaum zu bestreiten: Ukrainer und andere Völker der früheren UdSSR und des Russischen Reiches haben jahrhundertlang zusammengelebt. Im Ukrainischen gibt es ein Spruch: „Vormals lebten wir in einem Haus. Jetzt werden wir als separate „Familien“ Freundschaft pflegen.“ Diese Freundschaft kann dem Begriff nach nicht gegen Europa gerichtet werden.

 

Russische Sprache

Janukowitsch setzt sich für die Stärkung der russischen Sprache in der Ukraine, vor allem in Form der Implementierung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (SEV-Nr.: 148) Diese Charta haben gegenwärtig 36 europäische Staaten unterschrieben, d.h. beinah alle Länder Europas.

Die Ukraine hat das Abkommen am 2. Mai 1996 unterzeichnet. Erst in fünf Jahren wurde es ratifiziert und sollte ab dem 1. Januar 2006 in Kraft treten, was nicht der Fall war. Diese internationale Vereinbarung, die eine freie Verbreitung und Zugangsmöglichkeiten von Regional- oder Minderheitensprachen vorsieht, insbesondere in den Regionen mit großer Zahl von dementsprechenden Muttersprachler, wird aber immer noch nicht umgesetzt.

Nach der ukrainischen Volkszählung 2001 nannten 29,6 % der Ukrainer Russisch als ihre Muttersprache. Eine stärkere Rolle des Russischen im kulturellen Bereich steht dem europäischen Wertebild nicht entgegen. Zugleich müssen auch andere Minderheitssprachen wie Krim-Tatarisch auf der Krim und Ungarisch im Transkarpatien unterstützt werden.

 

NATO-Beitritt

Laut Janukowitsch ist der NATO-Betritt der Ukraine zur Zeit nicht möglich. Diese Meinung teilen sowohl die Mehrheit der ukrainischen Bürger als auch führende westliche Politiker. Eine mögliche Teilname der ukrainischen Jungs in einem militärischen Konflikt wird im Lande abgelehnt.

Die Erinnerung an 15.000 toten Sowjetsoldaten, darunter über 3.300 Ukrainer, infolge des Afghanistankrieges in der späten Sowjetzeit ist in der Bevölkerung immer noch akut.  Eine forcierte NATO-Annäherung kann dem Land mit ohnehin schwerwiegenden Gegensätze innerhalb der Gesellschaft nur schaden. Der NATO-Betritt der Ukraine ausschließlich nach dem entsprechenden Votum in einem Volksentscheid favorisierten auch „orangene“ Politiker.

 

Gaspipelines

Janukowitsch schlägt vor, ein internationales Konsortium für die effektive Steuerung des ukrainischen Gastransitnetzes zu gründen. Diese Idee ist nicht neu. Schon Mitte 2002 kam ein solcher Dreier-Vorschlag von damaligen Staatschefs Deutschlands, Russlands und der Ukraine. Als Diskussions- und Verhandlungsgrundlage ist eine Konsortiumsgründung durchaus möglich, da das ukrainische Gasleitungsnetz dringend sanierungsbedürftig ist. Eine vollständige Privatisierung des Pipelines verbietet das ukrainische Gesetz. Dem ukrainischen Staat muss ein attraktives Angebot aus Brüssel, Berlin und Moskau gemacht werden.

 

Schwarzmeerflotte

Janukowitsch steht nicht für einen sofortigen Abzug der russischen Schwarzmeerflotte aus Sewastopol nach Beendigung des laufenden Stationierungsvertrages im Jahre 2017. Gegenwärtig zahlt Russland für seinen Kriegsmarinestützpunkt ca. 92 Mio. US-Dollar jährlich. Diese Zahlungshöhe ist ein integrierter Bestandteil des sogenannten Großen Abkommens von 1997, dadurch die ukrainische Zugehörigkeit der Insel Krim von Moskau anerkannt wurde und die Gasschulden Kiews zu dem Zeitpunkt erlassen wurden. Wiktor Korsh, Parlamentsmitglied von Janukowitschs Partei, stufte die aktuelle Jahreszahlung als „lächerlich“ ein.

Es ist vernünftig, künftige Optionen offen zu halten. Der ukrainische Staat kann vom russischen Partner eine wesentlich hohe Pachtsumme anfordern, beispielsweise auf dem Niveau der amerikanischen Zahlungen für die US-Stützpunkte im Ausland. Zudem befinden sich die Stadt Sewastopol und Umgebung, die 200 Jahren lang als Marinebasis benutzt werden, am Rande einer ökologischen Katastrophe. Kiew hat Recht, Moskau die Rekultivierungskosten zusätzlich in Rechnung stellen bzw. dieses nach 2017 vertraglich zu verankern. Zudem wird die Schwarzmeerregion von mehreren Beobachter als potentieller Konfliktherd der Zukunft bewertet. Da die Ukraine eine schlagkräftige Kriegsmarine selbst nicht tragen kann, sollte die russische Schwarzmeerflotte, derzeit der größte Arbeitgeber Sewastopols, weitere Sicherheits- und Stabilitätsfunktionen übernehmen. Selbstverständlich wird sich Kiew das Recht behalten, die Einhaltung der ukrainischen Gesetze seitens russisches Militär zu kontrollieren.

 

Fazit 

Zusammenfassend sind Janukowitschs Aussagen auf keinem Fall als Wende in den außenpolitischen Prioritäten des Landes oder gar als europafeindlich zu verstehen. Als Vertreter der mehrheitlich russischsprachigen Wähler im Südosten der Ukraine und zugleich als Sprecher der mächtigen industriellen Oligarchenclans ist der neue Staatspräsident zum Bilanzieren zwischen Russland und der EU verurteilt. Dieses Gleichgewicht, entspricht der historisch natürlichen Stellung der Ukraine als Ost-West-Brücke, scheint heute ein einziger pragmatischer Weg der ukrainischen Außenpolitik zu sein.      

 

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V. Janukowitsch, Ist der künftige ukrainische Präsident wirklich

Bild von Klaus Hirschfeld

in dem Aerikel fehlt völlig der Hinweis darauf, daß die Ukraine länger als Deuzschland von den russischen Machthabern besetzt war. Holodmor- nie gehört! Jahrzehntelang wurde die ukrainische Sprache als "Bauernsprache" verunglimpft. Jemand, wie der Herr J. hätte in anderen Ländern längst ein Landesverratsverfahren am Hals.
Was meinen Sie, warum die baltischen Länder und Polen so schnell in die NATO wollten? Für Rußland und die EU, einschließlich der BRD ist der Herr natürlich ein bequemer Partner; Rußland kann sein europäisches Kolonialreich mit der Ukraine und Belarus wieder neu aufbauen. Und wenn die Entwicklung weitergeht und sich noch Widerstand im Lande regt, dann gibts die tschetschenische Lösung. Arme Ukraine.

Lieber Klaus

Bild von Dmitri Stratievski

Lieber Klaus Hirschfeld,

danke für Deinen Kommentar! Hier sind einige Gegenargumente:
-"in dem Artikel fehlt völlig der Hinweis darauf, dass die Ukraine länger als Deutschland von den russischen Machthabern besetzt war."-
Ich habe ehrlich gesagt nie gehört, dass Deutschland von „den russischen Machtinhabern“ besetzt war. Meinst Du vielleicht die Rote Armee? Dann wäre es historisch-politisch richtig, von der SU zu sprechen, der 1924-1991 auch die Ukrainische Sowjetrepublik gehörte.
Was die Ukraine angeht, ist ebenfalls kaum berechtigt, über die „Russen“ als Machtinhaber zu reden, weil in einem Vielvölkerstaat die Führungsriege multiethnisch war. Die ganze Nachkriegszeit hatten in der UkrSSR leitende Positionen fast ausschließlich gebürtige Ukrainer inne.
-"Holodmor- nie gehört!"-
"Holodomor" ist ein politisch instrumentalisierter Begriff. Wenn Du die Hungersnot 1932-1933 in der Ukraine und in den weiteren Teilen der SU als Verbrechen Stalins und seiner Komplizen meinst, dann wäre diese Erwähnung eher in einem geschichtswissenschaftlichen Betrag zulässt. Hier war von aktueller Politik die Rede.
-„Jemand, wie der Herr J. hätte in anderen Ländern längst ein Landesverratsverfahren am Hals.“-
Belege dafür? So hat das ukrainische Volk entschieden. Wir können das kommentieren und analysieren, aber nicht im Grunde bezweifeln.
-"Was meinen Sie, warum die baltischen Länder und Polen so schnell in die NATO wollten?"-
Rhetorische Frage. Es ist sinnlos, alle MOE-Länder über einen Kamm zu scheren. Geschichte, Hintergründe, politische Elite, Zusammenhalt der Bevölkerung – alles ist unterschiedlich, deshalb ist methodisch nur ein Verfahren möglich: Einzelstudie Ukraine, gerne im gesamteuropäischen Kontext. Wenn die Mehrheit der Ukrainer nicht in die NATO will, ist es gut so. Wenn die Mehrheit der Ukraine freundschaftliche Beziehungen zu Russland pflegen will, ist es legitim und gut für Europa. Jede Feindseligkeit führt am Endeffekt zu gegenseitigen Verlusten. Ein Lebensgesetz.

Bravo!!!!!!! Endlich einer

Bild von Eham Hans

Bravo!!!!!!!

Endlich einer der erst denkt und dann schreibt

Lieber Eham Hans, danke sehr

Bild von Dmitri Stratievski

Lieber Eham Hans,

danke sehr für Deine nette Einschätzung!

Präsident der Ukraine

Bild von Klaus Hirschfeld

Was vor einem Jahr noch als Vorurteil geschmäht wurde, ist heute traurige Wirklichkeit: Die Ukraine ist auf dem Weg zurück zu einer russischen Kolonie! Die Gegner/ -innen des Herrn Janukowitsch werden mit Polizeiverfahren überzogen, die Korruption steigt, die Lebensverhältnisse der sogenannten kleinen Leute werden immer schwieriger, krimminelles Handeln wird vertuscht. Jüngstes Beispiel ist die Entwicklung im Fall Gongadse. Irgendwann werden Janzkowitschs Mitarbeiter noch feststellen, daß sich dieser Journalist selbst umgebracht hat.

Arme Ukraine!!

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