Digitaler Wahlkampf Video killed the Radio Star

von Ute Pannen - 25.04.2009
Ohne Zweifel haben Videos eine neue Bedeutung erlangt nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland bieten sie Potential für politische Kommunikation.

Video war das absolute Wahlkampf-Highlight in der Obama-Kampagne. Es wird in diesen Tagen viel darüber gesprochen, was den Erfolg seiner Kampagne ausgemacht hat. Auf einen Punkt lässt sich das Erfolgskonzept nicht herunter brechen, aber ein Tool sticht schon jetzt als das am meisten genutzte heraus: Online Videos.

 

Die Videos der beiden Präsidentschaftskandidaten verzeichnen 2008 insgesamt 1,45 Milliarden Views. Barack Obama, der seinen eigenen You Tube Kanal hatte, veröffentlichte dort über 800 Videos, die täglich 80-100 Millionen Views hatten.

 

Im Vergleich zu Fernseh-Spots bieten sie den Vorteil dass sie nicht nur kostengünstiger sind, sondern auch durch die Möglichkeit des Weiterleitens an Freunde einen enormen viralen Effekt haben. Ein Paradebeispiel dafür ist Barack Obamas Rede über das Verhältnis zwischen Afro-Amerikanern und Weißen, die er im März 2008 in Philadelphia hielt. Das Video hatte im Internet 9 Millionen Zuschauer, während die Rede im Fernsehen von nur 4 Millionen Menschen verfolgt wurde. Bemerkenswert ist, dass ein View nur gezählt wird, wenn das Video komplett angesehen wurde, Obamas Rede dauerte 38 Minuten!

 

Hier zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab. Das Fernsehen als unangefochtenes Leitmedium für politische Information wird in Zukunft vom Internet abgelöst oder zumindest eingeholt.

 

Auch in Deutschland erfreut sich der Video-Kanal YouTube größter Beliebtheit. Wie die ARD Studie über Web 2.0 Nutzung 2008 zeigt, nutzt über die Hälfte der Deutschen Videoportale im Internet, zumindest um Videos anzusehen, zum Teil auch um eigene hochzuladen. Im Vergleich zu sozialen Netzwerken und Blogs liegt der Video-Kanal weit vorn und sollte, deshalb auch für die politische Kommunikation im Wahlkampf nicht unterschätzt werden.

 

 

 

Einige Parteien haben das bereits erkannt. Mit erstaunlich viel Humor hat die FDP ihren YouTube-Kanal bestückt. Den Abgeordneten Fricke & Solms, die hier als Protagonisten erscheinen, mag es an Spontanität mangeln, aber es gelingt ihnen doch die Wirtschaftskrise samt Maßnahmen der FDP mit Charm zu transportieren.

 

Die Grünen bleiben sehr authentisch. Claudia Roth beispielsweise spricht ihren Aufruf zur Demo gegen Nazis in Nahaufnahme ganz direkt in die Kamera. Ihre in Falten gelegte Stirn zeigt, dass es ihr ernst ist. Der appellative Charakter passt gut zur Direktheit des Mediums. Auch die Linke versucht es mit der direkten Ansprache, aber wirkt dabei recht ungelenk. Einzig die CDU hat den Unterschied zum Fernsehen nicht erkannt und so bennent sie auch ihren Channel „CDU TV“. Immerhin, sie hat mit einem Moderator und sehr teuer produzierten Filmen ihren Stil gefunden. Das kann man von der SPD noch nicht behaupten. Es gibt zwar statt SPD Vision nun Wahlkampf 09 auf YouTube, aber ein Konzept lässt sich noch nicht erkennen, weder im Channel, noch in den einzelenen Videos, vor allem füllen historische Wahlkampfspots die Lücke. Wenn sie ins neue Jahrzehnt aufbrechen will, sollte die SPD den Visual Turn, der diese Zeit charakterisiert, in ihrem Gepäck nicht vergessen.

Ute Pannen ist Kunst- und Medienwissenschaftlerin und Beraterin für Webkampagnen. 2007 forschte sie als Visiting Scholar an der Columbia University in New York zum Thema "Campaigning Online. Hillary-TV and Barack-TV" und betrieb Online Organizing am New Organizing Institute in Washington DC. Sie ist Mitglied des Online Beirates des SPD Parteivorstandes bloggt auf www.apparentpolitics.com über Politik und ihre Visualisierung. Zur Zeit beendet sie die Arbeit an ihrer Dissertation "Demokratie als Sammlerin. Kunst und staatliche Repräsentation in der Bundesrepublik Deutschland seit 1990" an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg.

Verlinken Sie auf diesen Beitrag:

http://www.vorwaerts.de/trackback/7335
Channel: Inland  

Mit Kachingle und Flattr können Sie den Online-Journalismus auf vorwaerts.de unterstützen (wie das funktioniert, erfahren Sie in diesem Artikel).

Das Aktuellste aus der Sozialdemokratie - der vorwaerts-Newsletter

Advertising