Die mitunter hämischen Kommentare zum Ausgang des Berliner Volksentscheids über den Religionsunterricht verheißen nichts Gutes. Zu offenkundig ist die mangelnde Bereitschaft eines Großteils der Stadtverantwortlichen anzuerkennen, wie sehr sich die vormalige „Hauptstadt der Atheisten“ mittlerweile zu einer „Hauptstadt der Religionen“ (wohlgemerkt im Plural!) gewandelt hat. Damit wird erneut ein gewichtiger Fehler in Sachen Schulpolitik begangen, an denen es bekanntlich schon in der Vergangenheit nicht mangelte. Doch von vorne:
Berlins öffentliches Schulwesen ist an vielen Stellen miserabel. Die Zustände der Schulgebäude lassen schon von außen erahnen, was drinnen leider viel zu oft den Alltag bestimmt. (Ähnliches gilt übrigens für das Justizwesen.) Das liegt gewiss zu aller letzt an den bemühten Lehrkräften und ihren engagierten Schülerinnen und Schülern. Die Ursachen sind vielmehr im mangelnden Interesse der verantwortlich Regierenden zu suchen, und das seit Jahrzehnten. Wenig hat sich daran selbst unter dem sozialdemokratisch geführten Senat geändert, obwohl dessen Chef eigentlich am besten wissen müsste, wie sehr die Nachkriegsarbeiterbewegung auch eine Bildungsbewegung war. Sein Slogan „arm, aber sexy“ ist jedenfalls mit Blick auf Berlins Schul- und Hochschullandschaft ein Affront. Statt den Augenmerk auf die Bildungspolitik zu lenken, ergießt sich der Senat, wenn er nicht richtigerweise fiskalpolitisch spart, im glamourösen Kulturmanagement einer Möchtegernmetropole.
An alledem hätte ein positiver Entscheid gewiss nichts geändert. Doch kommt zu der erbärmlichen Bildungspolitik nun noch ein integrationspolitischer Blindflug in die Vergangenheit hinzu, der ausgerechnet die vielleicht einzige multikulturelle Stadt Deutschlands vor Probleme stellen wird, deren Ausmaße noch gar nicht abzuschätzen sind. Mit Slogans aus dem 19. Jahrhundert („Religion ist Privatsache“) wird für eine Kulturpolitik geworben, die an die Tage der alten preußischen Monarchie erinnern lässt, freilich jetzt mit laizistischer Färbung. Suggeriert wird dabei, staatlich verordneter Wertekundeunterricht könnte vor Ghettobildung und gar vor Ehrenmorden bewahren. Damit wir uns recht verstehen: es braucht den Ethikunterricht als notwendige Alternative zum Religionsunterricht. Niemand hat die diesbezüglichen Versäumnisse in Berlin vor 2006 stärker kritisiert als die beiden Kirchen. Auch ist Bernhard Schlink zuzustimmen in der Sorge, die Legitimation für den Religionsunterricht könnte sich in Maßnahmen zum Erhalt des sozialen Kitts in unserer Gesellschaft erschöpfen. Nicht das Anliegen gemeinsamer Werteorientierung ist falsch, sondern der Weg dahin.
Man kann sich das am Beispiel der Toleranz klarmachen: Toleranz (wörtlich: ertragen, erdulden) wird doch erst da zum Ernstfall, wo sie sich genötigt sieht, die eigene Position vor der abgelehnten Position eines Anderen verantworten zu müssen. Dafür aber braucht es zunächst einmal einen eigenen, selbst gewählten Standpunkt. Nur erlernt man den nicht in der Vogelflugperspektive. Aus pädagogischer Sicht spricht genau dies für einen konfessionellen Religions-, bzw.: einen von säkularen Verbänden getragenen Weltanschauungsunterricht. Im staatlichen, d.h. verfassungskonformen Rahmen werden so Angebote zur Wertevermittlung geschaffen, in denen nicht im luftleeren Raum doziert wird, sondern Lehrkräfte mit ihrer eigenen Überzeugung einstehen, Kritik seitens der Schüler eingeschlossen. Hinzu kommt, dass es vielerorts gute Praxis darstellt, im Religions- und Ethikunterricht dann professionelle Kompetenz von „außen“ zu importieren, wenn die eigenen Kenntnisse nicht genügen. Das trifft zum Beispiel auch für den Islam zu, den viele unserer Mitbürger, selbst Religions- und Ethiklehrkräfte, immer noch viel zu wenig kennen.
Mit welcher Begründung, so würde ich Berliner Politiker gerne fragen, nehmen sich diese eigentlich das Recht heraus, den Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften diejenige Kompetenz abzusprechen, die Christen, Juden und Muslime gemeinsam im interreligiösen Dialog über Jahrzehnte erworben haben? Gerne hätten sie diese der Gesamtgesellschaft zur Verfügung gestellt. Mit weltanschaulicher Neutralität hat die Werteanmaßungskompetenz des Berliner Senates jedenfalls wenig zu tun.
Die hier vorgetragene Kritik entstammt nicht dem akademischen Elfenbeinturm. Man muss sich nur einmal, was ebenfalls im Vorfeld der Debatte viel zu wenig geschehen ist, die Rahmenrichtlinien des Berliner Ethikunterrichts zu Gemüte führen. Schon die Begrenzung des Berliner Modells auf die Klassen 7 bis 10, also die Mittelstufe, entbehrt jeder fachwissenschaftlichen Begründung. Wenn Werteerziehung wirklich so ein wichtiges Anliegen ist, wie die Befürworter von Pro Ethik stets betont haben, dann muss man sich fragen, warum die ersten sechs Schuljahre außen vor bleiben. Dabei weiß jeder, der sich ein wenig mit der Entwicklungspsychologie und der Kultivierung moralischer Urteilsfähigkeit beschäftigt hat, wie wichtig hierfür diese entscheidenden Jahre der Kindheit sind. Zudem zeugen die Rahmenlehrpläne von einer thematischen Allgemeinheit, die eigentlich Beliebigkeit zu nennen verdient hätte. Was schließlich den Respekt vor Religionen anbelangt, so hält sich dieser in engen Grenzen. Oder wie soll man sonst man die Tatsache werten, dass sich Weltreligionen auf einer Stufe mit Astrologie und Esoterik wieder finden. Das zeugt nicht mehr nur von einer Arroganz, die Agnostizismus zum Dogma erhoben hat, sondern mehr noch von Dummheit, die selbst um elementare Kulturleistungen der Religionen nicht mehr weiß.
Europas Angst vor der Religion, so lautet der Titel eines jüngst erschienenen Buches des vielleicht bedeutendsten Religionssoziologen unserer Gegenwart, José Casanova. Der Titel bringt die Berliner Entscheidung auf den Punkt: Berlin hat Angst vor der Religion. Dabei hätte man doch die Integrationskraft der Religionen gerade jetzt, in Zeiten der Krise, wo Zukunftsängste das Leben von vielen jungen Menschen bedrohen, so gut gebrauchen können. Denn was bewahrt mehr vor Resignation und Lethargie, als ein Urvertrauen in die Freundlichkeit der Welt und die Hoffnung auf einen guten Ausgang für sich und andere.
Nicht nur deswegen sind die eigentlichen Verlierer vom Sonntag die Kinder und Jugendlichen. Viel zu leicht wird übersehen, dass in Berlin langsam aber sicher mit der Bildungslandschaft auch die sozialen Schichten auseinanderdriften. Ich kenne viele Eltern, die alles daran setzen und auf vieles verzichten, nur um ihre Kinder auf kirchliche Schulen schicken zu können. Dabei müssen sie nicht mal besonders religiös sein. Der Ruf dieser Schulen ist nirgends so gut wie in Berlin. Und man es kann den verantwortlichen Entscheidungsträgern nicht verübeln, wenn sie jetzt ihr Engagement im privaten Bildungsbereich noch mehr intensivieren wollen. Was war es noch gleich, was sich der rot-rote Senat mit Pro Ethik versprochen hatte? Ach ja – er wollte die Segregation der Kinder verhindern und gegenseitiges Verständnis fördern. Das ist, so wird uns die Zukunft wohl leider lehren, gründlich daneben gegangen.
Christian Polke ist Theologe und seit bald 10 Jahren Mitglied der SPD. Er lehrt an der Universität Hamburg und hat über die „Öffentliche Religion in der Demokratie“ promoviert.



Auf beta.vorwaerts.de können Sie sich schon mal die neue Seite von vorwaerts.de anschauen.