Berlins SPD mangelt es an Verständnis von Religion Um Himmels willen!

von Christian Polke - 28.04.2009
Die mitunter hämischen Kommentare zum Ausgang des Berliner Volksentscheids über den Religionsunterricht verheißen nichts Gutes. Zu offenkundig ist die mangelnde Bereitschaft eines Großteils der Stadtverantwortlichen anzuerkennen, wie sehr sich die vormalige „Hauptstadt der Atheisten“ mittlerweile zu einer „Hauptstadt der Religionen“ (wohlgemerkt im Plural!) gewandelt hat.

 Die mitunter hämischen Kommentare zum Ausgang des Berliner Volksentscheids über den Religionsunterricht verheißen nichts Gutes. Zu offenkundig ist die mangelnde Bereitschaft eines Großteils der Stadtverantwortlichen anzuerkennen, wie sehr sich die vormalige „Hauptstadt der Atheisten“ mittlerweile zu einer „Hauptstadt der Religionen“ (wohlgemerkt im Plural!) gewandelt hat. Damit wird erneut ein gewichtiger Fehler in Sachen Schulpolitik begangen, an denen es bekanntlich schon in der Vergangenheit nicht mangelte. Doch von vorne: 

Berlins öffentliches Schulwesen ist an vielen Stellen miserabel. Die Zustände der Schulgebäude lassen schon von außen erahnen, was drinnen leider viel zu oft den Alltag bestimmt. (Ähnliches gilt übrigens für das Justizwesen.) Das liegt gewiss zu aller letzt an den bemühten Lehrkräften und ihren engagierten Schülerinnen und Schülern. Die Ursachen sind vielmehr im mangelnden Interesse der verantwortlich Regierenden zu suchen, und das seit Jahrzehnten. Wenig hat sich daran selbst unter dem sozialdemokratisch geführten Senat geändert, obwohl dessen Chef eigentlich am besten wissen müsste, wie sehr die Nachkriegsarbeiterbewegung auch eine Bildungsbewegung war. Sein Slogan „arm, aber sexy“ ist jedenfalls mit Blick auf Berlins Schul- und Hochschullandschaft ein Affront. Statt den Augenmerk auf die Bildungspolitik zu lenken, ergießt sich der Senat, wenn er nicht richtigerweise fiskalpolitisch spart, im glamourösen Kulturmanagement einer Möchtegernmetropole. 

An alledem hätte ein positiver Entscheid gewiss nichts geändert. Doch kommt zu der erbärmlichen Bildungspolitik nun noch ein integrationspolitischer Blindflug in die Vergangenheit hinzu, der ausgerechnet die vielleicht einzige multikulturelle Stadt Deutschlands vor Probleme stellen wird, deren Ausmaße noch gar nicht abzuschätzen sind. Mit Slogans aus dem 19. Jahrhundert („Religion ist Privatsache“) wird für eine Kulturpolitik geworben, die an die Tage der alten preußischen Monarchie erinnern lässt, freilich jetzt mit laizistischer Färbung. Suggeriert wird dabei, staatlich verordneter Wertekundeunterricht könnte vor Ghettobildung und gar vor Ehrenmorden bewahren. Damit wir uns recht verstehen: es braucht den Ethikunterricht als notwendige Alternative zum Religionsunterricht. Niemand hat die diesbezüglichen Versäumnisse in Berlin vor 2006 stärker kritisiert als die beiden Kirchen. Auch ist Bernhard Schlink zuzustimmen in der Sorge, die Legitimation für den Religionsunterricht könnte sich in Maßnahmen zum Erhalt des sozialen Kitts in unserer Gesellschaft erschöpfen. Nicht das Anliegen gemeinsamer Werteorientierung ist falsch, sondern der Weg dahin. 

Man kann sich das am Beispiel der Toleranz klarmachen: Toleranz (wörtlich: ertragen, erdulden) wird doch erst da zum Ernstfall, wo sie sich genötigt sieht, die eigene Position vor der abgelehnten Position eines Anderen verantworten zu müssen. Dafür aber braucht es zunächst einmal einen eigenen, selbst gewählten Standpunkt. Nur erlernt man den nicht in der Vogelflugperspektive. Aus pädagogischer Sicht spricht genau dies für einen konfessionellen Religions-, bzw.: einen von säkularen Verbänden getragenen Weltanschauungsunterricht. Im staatlichen, d.h. verfassungskonformen Rahmen werden so Angebote zur Wertevermittlung geschaffen, in denen nicht im luftleeren Raum doziert wird, sondern Lehrkräfte mit ihrer eigenen Überzeugung einstehen, Kritik seitens der Schüler eingeschlossen. Hinzu kommt, dass es vielerorts gute Praxis darstellt, im Religions- und Ethikunterricht dann professionelle Kompetenz von „außen“ zu importieren, wenn die eigenen Kenntnisse nicht genügen. Das trifft zum Beispiel auch für den Islam zu, den viele unserer Mitbürger, selbst Religions- und Ethiklehrkräfte, immer noch viel zu wenig kennen.

Mit welcher Begründung, so würde ich Berliner Politiker gerne fragen, nehmen sich diese eigentlich das Recht heraus, den Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften diejenige Kompetenz abzusprechen, die Christen, Juden und Muslime gemeinsam im interreligiösen Dialog über Jahrzehnte erworben haben? Gerne hätten sie diese der Gesamtgesellschaft zur Verfügung gestellt. Mit weltanschaulicher Neutralität hat die Werteanmaßungskompetenz des Berliner Senates jedenfalls wenig zu tun.

Die hier vorgetragene Kritik entstammt nicht dem akademischen Elfenbeinturm. Man muss sich nur einmal, was ebenfalls im Vorfeld der Debatte viel zu wenig geschehen ist, die Rahmenrichtlinien des Berliner Ethikunterrichts zu Gemüte führen. Schon die Begrenzung des Berliner Modells auf die Klassen 7 bis 10, also die Mittelstufe, entbehrt jeder fachwissenschaftlichen Begründung. Wenn Werteerziehung wirklich so ein wichtiges Anliegen ist, wie die Befürworter von Pro Ethik stets betont haben, dann muss man sich fragen, warum die ersten sechs Schuljahre außen vor bleiben. Dabei weiß jeder, der sich ein wenig mit der Entwicklungspsychologie und der Kultivierung moralischer Urteilsfähigkeit beschäftigt hat, wie wichtig hierfür diese entscheidenden Jahre der Kindheit sind. Zudem zeugen die Rahmenlehrpläne von einer thematischen Allgemeinheit, die eigentlich Beliebigkeit zu nennen verdient hätte. Was schließlich den Respekt vor Religionen anbelangt, so hält sich dieser in engen Grenzen. Oder wie soll man sonst man die Tatsache  werten, dass sich Weltreligionen auf einer Stufe mit Astrologie und Esoterik wieder finden. Das zeugt nicht mehr nur von einer Arroganz, die Agnostizismus zum Dogma erhoben hat, sondern mehr noch von Dummheit, die selbst um elementare Kulturleistungen der Religionen nicht mehr weiß.

Europas Angst vor der Religion, so lautet der Titel eines jüngst erschienenen Buches des vielleicht bedeutendsten Religionssoziologen unserer Gegenwart, José Casanova. Der Titel bringt die Berliner Entscheidung auf den Punkt: Berlin hat Angst vor der Religion. Dabei hätte man doch die Integrationskraft der Religionen gerade jetzt, in Zeiten der Krise, wo Zukunftsängste das Leben von vielen jungen Menschen bedrohen, so gut gebrauchen können. Denn was bewahrt mehr vor Resignation und Lethargie, als ein Urvertrauen in die Freundlichkeit der Welt und die Hoffnung auf einen guten Ausgang für sich und andere.

Nicht nur deswegen sind die eigentlichen Verlierer vom Sonntag die Kinder und Jugendlichen. Viel zu leicht wird übersehen, dass in Berlin langsam aber sicher mit der Bildungslandschaft auch die sozialen Schichten auseinanderdriften. Ich kenne viele Eltern, die alles daran setzen und auf vieles verzichten, nur um ihre Kinder auf kirchliche Schulen schicken zu können. Dabei müssen sie nicht mal besonders religiös sein. Der Ruf dieser Schulen ist nirgends so gut wie in Berlin. Und man es kann den verantwortlichen Entscheidungsträgern nicht verübeln, wenn sie jetzt ihr Engagement im privaten Bildungsbereich noch mehr intensivieren wollen. Was war es noch gleich, was sich der rot-rote Senat mit Pro Ethik versprochen hatte? Ach ja – er wollte die Segregation der Kinder verhindern und gegenseitiges Verständnis fördern. Das ist, so wird uns die Zukunft wohl leider lehren, gründlich daneben gegangen.

Christian Polke ist Theologe und seit bald 10 Jahren Mitglied der SPD. Er lehrt an der Universität Hamburg und hat über die „Öffentliche Religion in der Demokratie“ promoviert.

 

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Pro oder anti Reli

Bild von Christine

Ich hatte als Schülerin das Vergnügen, Religionsunterricht zu bekommen, evangelischen.
Lag es an den Lehrern oder an uns, daß wir meistens Blödsinn gemacht haben, nicht zum Unterricht erschienen sind oder nicht gelernt haben?
Ich fand es nie richtig, daß es für den Religionsunterricht auch noch Noten gab. Glauben kann man doch nicht mit Noten zwischen 1 und 6 abschätzen.
Religionsunterricht und auch der Konfirmandenunterricht haben mich letztendlich bewogen, aus der Kirche auszutreten.
Inzwischen bin ich der Meinung, daß alle Götter - die es je gegeben hat und noch "gibt" - vom menschen erfunden worden sind, um damit Macht gegenüber anderen auszuüben.
Wer glauben möchte oder will, bitte schön, bitte gern. Er wird seine Gründe dafür haben.
Ich habe mit Nein gestimmt, weil ich meine, wer glauben will, wird zusätzlichen Unterricht gern auf sich nehmen.
Wer nicht glauben will, soll aber die Möglichkeit haben, etwas über Ethik zu erfahren, das nicht irgendwie eingefärbt ist.
Diese Entscheidung nimmt niemandem die Freiheit, an den Gott zu glauben, an den er glauben will.
Ich nehme mir die Freiheit, an keine - wie auch immer gearteten - Götter oder Religionen glauben zu müssen. Das ist mein Recht.
Atheistin bin ich nicht, denn dieser Begriff bedeutet "Gottesleugner". Niemand aber kann etwas leugnen, das es nicht gibt.

Das Volk hat entschieden: "Pro Reli" sollte das respektieren

Bild von Lars Haferkamp

Der Berliner Senat, das Abgeordnetenhaus, das Bundesverfassungsgericht und jetzt das Berliner Volk per Referendum, sie alle haben klar entschieden: gegen "Pro Reli".

Da einfach zu sagen 'interessiert uns nicht, wir haben trotzdem gewonnen, der Kampf geht weiter', zeigt auch dem Gutgläubigsten, was für "Demokraten" viele religiösen Eiferer in Wirklichkeit sind.

Zu den Missionaren gehört offensichtlich auch der Theologe Christian Polke. Er unterstellt den Gegnern von "Pro Reli" in seinem Beitrag auf vorwaerts.de wahlweise "mangelndes Verständnis von Religion", "Angst vor der Religion" oder gleich "Dummheit". Was sagt das über sein Demokratieverständnis? Was sagt das über seinen Respekt vor Andersgläubigen, vor Atheisten oder vor Menschen, für die eine Trennung von Staat und Religion ein Gebot der Demokratie ist?

Die trotzigen und wütenden Reaktionen vieler "Pro Reli"-Aktivisten auf ihre klare Niederlage zeigen einmal mehr: Religiöser Fundamentalismus und Demokratie sind leider nur schwer miteinander zu vereinbaren.

Und es zeigt, was die Mehrheit der Berliner ganz richtig vermutet hat: Vielen religiösen Aktivisten geht es nicht um Freiheit und Toleranz, wie tausendfach von ihnen plakatiert. Ihnen geht es um vor allem Missionierung und Indoktrinierung im Sinne ihrer eigenen Religion.

Wie wenig sie von Freiheit und Toleranz verstehen, sieht man allein schon daran, wie die beiden christlichen Kirchen miteinander umgehen. Nicht nur, dass sie sich auf einen gemeinsamen Religionsunterricht nicht einigen können, weil Katholiken und Protestanten lieber jeder für sich den Kindern sagen wollen, welcher Glaube falsch und welcher richtig ist. Nein, die katholische Kirche erkennt die Protestanten nicht einmal als richtige Kirche an, sondern diskriminiert sie als nur "kirchliche Gemeinschaft".

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen: Das gemeinsam gefeierte Abendmahl von Geistlichen endet mit dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis. Die Scheidung einer Ehe oder gar das Eingehen einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft führt zur fristlosen Kündigung durch den christlichen Arbeitgeber. Was für eine Freiheit! Was für eine Toleranz!

Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man lachen. Aber dazu ist unsere Freiheit zu kostbar und unsere Demokratie zu gefährdet.

Mein lieber Herr Haferkamp. Zur Richtigstellung einiger Thesen

Bild von Christian Polke

Mein lieber Herr Haferkamp,

einem Theologen Mission zu unterstellen, ist gar nicht schlimm. Wie soll es denn anders sein, wenn man von der Richtigkeit der eigenen Position überzeugt ist? Und ich kämpfe ja auch nur mit Worten. Einem gestandenen Sozialdemokraten sollte das nicht beunruhigen. Widerspruch anmelden muss ich freilich an anderer Stelle. Weder ist meinen Zeilen religiöser Fundamentalismus zu entnehmen, noch ergeh ich mich in antidemokratischer Opposition.
Dass ich im übrigen den Protagonisten staatlicher Werterziehung „Dummheit“ vorgeworfen habe, betrifft lediglich ihren wenig sorgsamen Umgang mit kultursoziologischen Fakten: Es lässt sich schlicht historisch belegen, wie wichtig für die Entwicklung der Menschheit das Aufkommen von Religionen war, die durch eine klare Scheidung der überweltlich-göttlichen Sphäre von der irdischen Welt des Menschen letzteren zur Autonomie seines Handelns überhaupt erst befreit haben. Karl Jaspers lokalisierte diese Vorgänge in der sog. Achsenzeit, also zwischen 400 und 700 v. Chr. und verwies auf die merkwürdige Koinzidenz analoger Vorgänge in völlig unabhängigen Kulturen in China, Indien, Vorderasien und Griechenland. Der israelische Soziologe Shmuel Eisenstadt wiederum hat in seinen Forschungen auf das Revolutionäre dieser Entwicklungen für die Genese unserer westlichen Moderne hingewiesen. Wie sehr allerdings diese Unterscheidung nicht ein für alle mal von statten gegangen ist, belegen etwa neuheidnische Religionsansätze, die sich mit Vorliebe im Umkreis der großen Diktaturen des 20.Jahrhunderts aufhielten. Und auch die selbstverliebten Praktiken von Esoterik und Astrologie tragen wohl kaum zu einer Kultur der Mitmenschlichkeit bei, wie sie das jüdisch-christliche Mitleidsethos seit Jahrtausenden als Ideal vorgibt. Mehr wollte ich hierzu nicht sagen, aber weniger eben auch nicht. Nur dass dies alles eben relevant ist auch für einen staatlichen Ethikunterricht.
Gleichwohl bin ich mit meiner Replik leider noch nicht zu Ende. Denn einige weitere Punkte Ihrer Darstellung sind korrekturbedürftig. Zunächst: an keiner Stelle meines Beitrages habe ich die Niederlage von „Pro Reli“ nicht eingestanden, und Bischof Huber und Kardinal Sterzinsky ebenfalls nicht. Zudem hat das Bundesverfassungsgericht keineswegs irgendeine Stellungnahme zum Berliner Volksentscheid abgegeben. Es gibt weder ein Urteil noch eine andere gerichtliche Äußerung. Mit Blick auf die Situation in Brandenburg liegen die juristischen Dinge völlig anders, ebenso wie die schulische Praxis. Schließlich darf ich doch zumindest Verwunderung anmelden, wie wenig meine Kritiker auf die Kernpunkte meiner Argumentation eingegangen sind:
- Weder haben Sie das These zu entkräftigen versucht, wonach die Kompetenzen der Religionen im interreligiösen Dialog für eine offene und ehrliche Kultur der Toleranz besser geeignet sind, als dass der Staat seine Wertneutralität aufgibt (erste Nebenbemerkung: ihre Beispiele aus dem kirchlichen Arbeitsrecht sind mit Verlaub doch einem ganz anderen Gebiet entnommen und bedürften einer eigenständigen Auseinandersetzung, zu der ich gerne bereit bin und an der ich glaube, dass unsere Positionen gar nicht so weit auseinander liegen);
- noch goutierten die Kirchenkritiker letzteren wenigstens, dass diese die ersten waren, die überhaupt auf die Notwendigkeit von Werteerziehung in der Schule gedrängt haben (inkl. des Ethikunterrichts als Wahlpflichtfach). (Zweite Nebenbemerkung: Gerade das von Ihnen angeführte Beispiel der innerökumenischen Differenzen um den Kirchenbegriff zwischen Katholiken und Protestanten zeigt übrigens, wie man im Dialog bleiben und zu gemeinsamer gesellschaftlicher Verantwortung stehen kann, ohne die eigene Wahrheitsposition aufgeben zu müssen.)
- Schließlich: Wie wenig sich Sozialdemokraten allerdings mit der sozialen Schieflage beschäftigen, auf die ich immerhin am Ende kurz eingegangen bin, überrascht dann doch. Hier sehe ich durchaus das größte Hindernis: wir stehen vor der Gefahr neuer Klassenbildungen, die sozial und religiös gleichermaßen Arm und Reich auseinanderdividiert. SPD und vor allem Evangelische Kirche haben diesen Kampf schon einmal geführt, im 19. Jahrhundert, und beide verloren.
So sei am Ende meinen Kritikern darin recht gegebenen, dass das Klima rundum den Volksentscheid auf beiden Seiten zunehmend giftiger geworden ist. Das sollte uns allen eine Lehre sein. Und falls einige Passagen meines Kommentars dieses falsche Klima noch einmal reaktiviert hat, dann bitte ich dafür um Entschuldigung. In der Sache aber bleibe ich hart und gestehe offen: wir stehen hier erst am Anfang einer längeren gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die Frage nach der Religion in der pluralistischen Öffentlichkeit. Egal, wie diese Sache ausgehen mag, wenn am Ende die offene Demokratie und damit die Bürgerinnen und Bürger gewonnen haben, dann lohnt sich der Streit allemal.
Es grüßt Sie herzlichst aus Hamburg
Ihr Christian Polke

Kirche gegen Freiheit und Toleranz - gestern wie heute

Bild von Lars Haferkamp

Dass Sie ihren Vorwurf der "Dummheit" an die Religionskritiker nicht zurücknehmen sondern rechtfertigem, spricht Bände über Ihr Verständnis von Freiheit und Toleranz, Herr Missionar. Danke also für diese Demaskierung!

Auch sind Ihre Thesen, die Religion habe die Menschen "befreit", gerade zu abenteuerlich. Sie haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun.

Wann hätte je eine Kirche für Freiheit gekämpft, außer für die eigene? Schauen wir uns doch die Weltgeschichte und die Weltreligionen an: Wenn eine Religion in der Minderheit war (zum Beispiel das Christentum in der röm. Antike bis zum 3. Jahrhundert), warb sie um Toleranz. Hatte sie eine "kritische Masse" erreicht (4. Jahrhundert: Kaiser Konstantin erkennt das Christentum an) drehte die nun aufgestiegene Religion den Spieß um: Sie unterdrückte alle anderen Religionen, die dann als Ungläubige, Ketzer, Blasphemiker, Gottlose etc. etc. diffamiert und verfolgt wurden. Diese Beispiele ließen sich über die Jahrhunderte endlos fortsetzen, bis in die heutige Zeit.

Im übrigen, zum Thema Kirche und Toleranz: Wer hat denn die Bücherverbrennung erfunden, wer den Antisemitismus? Das waren nicht die Nazis, das waren die christlichen Kirchen, lieber Herr Polke.

Es gibt ja sogar Theologen, die wollen uns einreden, die Erklärung der Menschenrechte sei ein Ergebnis christlicher Religion und Theologie. Das stellt die historische Wahrheit auf den Kopf: Die Kirchen haben die französische Revolution und mit ihr die Erklärung der Menschenrechte und die Demokratie bekämpft - einige bis in die heutige Zeit hinein. Viele Evangelikale bei den Protestanten und die Traditionalisten (Pius-Brüder) bei den Katholiken lehnen bis heute die Demokratie ab und verunglimpfen sie als "Diktatur der atheistischen Mehrheit" über die gläubige Minderheit. Genau so sagen es ja auch einige Eiferer von "Pro Reli" nach dem verlorenen Volksentscheid.

Diese Leute sind, ein führender deutscher Politikwissenschaftler hat es vor einigen Wochen in einem "Welt"-Interview treffend formuliert, "ein Fall für den Verfassungsschutz", aber kein Beispiel für Freiheit und Toleranz.

Der Kampf der Religionen gegen die Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen ist leider nicht nur die Geschichte des Mittelalters oder der letzten hundert Jahre - nein, er ist die Gegenwart. Schauen wir uns doch die so genannten "Gottesstaaten" an: Zu Iran, Afghanistan oder Saudi-Arabien brauche ich nicht wirklich Ausführungen zu machen, jeder kennt die Bilder von tief verschleierten Frauen, patroullierenden Religionspolizisten (ja, genau so heißen die!) sowie ausgepeitschten oder gesteinigten Menschen.

Jetzt werden Sie sagen: Ja, das ist der Islam, wir sind doch ganz anders. Sind sie das? Der einzige christliche Gottesstaat, der Vatikan, ist keine Demokratie, er kennt keine Gewaltenteilung oder -kontrolle, er ist eine absolute Monarchie, die einzige in Europa. Würde der Vatikan Mitglied der EU oder NATO werden wollen, beide Organisationen würden seinen Antrag zurückweisen, weil er keine Demokratie ist.

In der katholischen Kirche werden Theologen, die eine von der offiziellen Lehrmeinung abweichende Auffassung vertreten zu einem "Bußschweigen" verurteilt und verlieren ihre Lehrerlaubnis. So etwas kann sich ein normal denkender Mensch kaum vorstellen: Das wäre so, als würde ein Parteivorsitzender einem Abgeordneten bei einer abweichenden Meinung das Bundestagsmandat entziehen und ihm jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit verbieten. Die Grundrechte würden damit außer Kraft gesetzt, ein Aufschrei ginge durch die demokratische Gesellschaft. Und eine Organisation, wie die katholische Kirche, die solch undemokratische Praktiken bis heute durchführt, ausgerechnet die soll "für Freiheit und Toleranz" stehen? Wer soll das glauben?

Nun werden Sie sagen, ja die Katholiken sind so, aber die Protestanten sind ja ganz anders. Sind sie das? Die Art und Weise, wie Berlins evangelischer Landesbischof Wolfgang Huber die Kritiker von "Pro Reli", etwa die Initiative "Christen pro Ethik", unterdrückt und kujoniert, hat wohl auch dem letzten Zweifler klar gemacht, welchen Wert Freiheit und Toleranz für die Kirche wirklich hat.

Die Kirche befreit die Menschen? Das ist ein Märchen, dass Ihnen heute zum Glück niemand mehr glaubt! Die Berliner haben es beim Volksentscheid auch nicht getan, sondern diese Behauptung als Anmaßung und Volksverdummung zurückgewiesen - mit Recht.

Sie schreiben, dass wir "erst am Anfang einer längeren gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung um die Frage nach der Religion stehen". Das hätten Sie gerne. Die religiöse Missionierung der "gottlosen, westlichen Gesellschaft", die Sie und andere Eiferer anstreben, können Sie nicht herbei schreiben. Das haben Ihre Kollgen ja schon nach der Wahl Ratzingers zum Papst versucht. Sie hatte keinen Einfluss auf unsere Gesellschaft, die Kirche verliert weiter Mitglieder und Bedeutung, das Kirchensterben geht weiter.

Ich bin sehr dafür, dass Sie und ihre Freunde offen über Ihre Religion und ihre Missionsabsicht sprechen: Je mehr die Leute nämlich über die Kirchen, ihr Personal und ihre Praktiken erfahren - denken wir nur an die Pius-Bruderschaft oder die unselige Kampagne von "Pro Reli" in Berlin - umso mehr wenden sie sich angewidert ab. Die Menschen wollen nicht zurück ins Mittelalter sondern ihre Freiheit verteidigen. Darauf kann unsere Demokratie stolz sein.

Täuschen Sie sich nicht: Die liberale Gesellschaft hat die Kampfansage der Klerikalen verstanden und beim Volksentscheid in Berlin eindeutig beantwortet. Sie wird sich auch zukünftig gegen religiöse Fundamentalisten und Gotteskrieger egal welcher Couleur zu wehren wissen.

In diesem Sinne herzliche Grüße aus dem - ich möchte sagen, Gott sei Dank! - "gottlosen" freien Berlin!

Esoterik

Bild von kbojens

Sie schreiben: "Was schließlich den Respekt vor Religionen anbelangt, so hält sich dieser in engen Grenzen. Oder wie soll man sonst man die Tatsache werten, dass sich Weltreligionen auf einer Stufe mit Astrologie und Esoterik wieder finden."

Mit Verlaub - aber genau das sind die Religionen: Astrologie und Esoterik. Entweder man glaubt dran oder man lässt es sein. Genauso wie jeder nachts um zwei Uhr bei einem Fernsehsender anrufen und sich die Karten legen lassen kann, steht es ihm auch frei, am Sonntag um 10 Uhr in die Kirche zu gehen. Qualitativ ist da kein Unterschied. Jeder Mensch soll für sich entscheiden, woran er glauben möchte und wessen religiösen Regeln nun die "wirklich Richtigen"™ sind, um nach dem Tod das von den Religionsbeamten Versprochene denn auch zu erhalten. Das ist Teil der persönlichen Freiheit, die wir mit Sicherheit am allerwenigsten den Kirchen zu verdanken haben, die vielmehr über Jahrhunderte Teil der absolutistischen Machtstruktur waren. Genau genommen war die Aufklärung auch eine Emanzipationsbewegung gegenüber der Vormachtstellung der Kirche und ihrem Anspruch, die Regeln des Zusammenlebens zu bestimmen.

Der Staat hat die Aufgabe, über die verschiedenen Religionen in der Schule aufzuklären, da dies selbstredend Teil der Bildung sein muss. Nicht zuletzt weil viele weltliche Konflikte (Nordirland z.B.) ihren Ursprung auch im religiösem Wahn haben. Darüber hinaus gibt es keine Pflicht des Staates zum Unterrichten der verschiedenen Religionskulte und -riten. Das bleibt den jeweiligen Kirchen überlassen und ist zu Recht Privatsache!

Und zu Ihrer bei Kritikern der Religionen festgestellten "Dummheit, die selbst um elementare Kulturleistungen der Religionen nicht mehr weiß" - Ich hoffe ernsthaft, dass die Menschheit eines Tages Religionen insgesamt hinter sich lassen kann. Wer Menschen, die Religionen ablehnen, pauschal "Dummheit" unterstellt, zeigt nur wes Geistes Kind die Kirchen und Religionen sind.

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