Sommerhitze gab es heute in Norwegen und dazu die letzten Länder im ersten Probendurchlauf für den Eurovision Song Contest:
Niederlande:
Welch Überraschung am vierten Probentag: Uwe Stäglin, bekennender ESC.Fan und Abteilungsvorsitzender der SPD in Berlin-Lankwitz staunte nicht schlecht, als er gegen 10 Uhr zur Probe in die Arena kam und meinte, sein Abteilungsmitglied Franziska Drohsel auf der Bühne „Sha-la-li, Sha-la-la, ick ben verliefd“ singen zu sehen. Sollte diesx das neue Leben unserer Juso-Bundesvorsitzenden sein?

Foto: Martin Schmidtner
Oder sollte es sich bei der 18jährigen Sieneke, die für die Niederlande startet, vielleicht doch um eine entfernte Verwandte von Franziska Drohsel handeln? Als investigative Blogger werden wir natürlich weiter am Ball bleiben – vorwärts-LeserInnen wissen eben mehr!
Genug wurde in den vergangenen Wochen über den holländischen ESC-Beitrag gelästert: komponiert von „Vater Abraham“ handelt es sich bei Ik ben verliefd um einen Schlager, der auch schon vor 40 Jahren vollen Erfolg in jedem Bierzelt oder beim Kölner Karneval hätte feiern können. Für das Jahr 2010 findet es jedoch mancher…sagen wir vorsichtig: ein wenig altbacken.
Frühmorgens um 10 Uhr nach einer kurzen Nacht und einem kargen Frühstück ist es fast schon eine unerträgliche Gute-Laune-Attacke, routiniert und liebevoll mit viel Herz gesungen von der 18jährigen Sieneke. Die Probe verlief perfekt – als Bühnenbild gibt es eine überdimensionierte Drehorgel mit LED-Bildschirm, über den rote Herzchen und der anspruchsvolle Text des Liedes flimmern.

Holländischer Zinnsoldat | Foto: Martin Schmidtner
Und so hatte ich eigentlich schon beschlossen, mich nicht am allgemeinen Bashing des Songs zu beteiligen, doch bei der Pressekonferenz lieferten die Holländer eine etwas erbärmliche Vorstellung. Eine Dame der Delegation verlas eine Pressemitteilung, dass, obwohl die Probe sooooo gut verlaufen sei, Sieneke seit Wochen eine belegte Stimme habe und sie deshalb leider nicht erscheinen könne. Natürlich gäbe es Termine für Einzelinterviews, aber die seien schon alle ausgebucht!
Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass es keine stimmlichen Probleme waren, die die Künstlerin von diesem Termin abgehalten habe. Der niederländische Fernsehsender, der in diesem Jahr zum ersten Mal verantwortlich für den Song Contest ist, soll Kollegen zufolge schon eine unglaubwürdige Akkreditierungspolitik betrieben haben und viele langjährige Akkreditierte diesmal abblitzen haben lassen, wenn sie in den Augen des Senders zu kritisch über den niederländischen Beitrag berichtet hatten.
Der Moderator der Pressekonferenz blieb zum Glück beharrlich und drängte die holländische Delegation, zumindest für ein paar Fotos zur Verfügung zu stehen. Dazu erschien Sieneke dann auch freundlich lächelnd – einen Schal trug sie nicht und das, was sie sprach, klang nicht wirklich erkältet.
Nun ja – böse, wer böses denkt -. Drum besser zu erfreulicheren Auftritten.
Rumänien
Mit kleinen Feuerstößen aus der Hand erschienen Paula Seling & Ovi zur Pressekonferenz. Zuvor schon hatten wir uns die Probe zu ihrem Song über Wettbewerb und Streit eines Paares in der Halle angesehen und entgegen dem bisherigen Jahrestrend setzen die Rumänen auf Effekte. Paula Selings Mann hat einen futuristisches, beleuchteten Doppelflügel für die Bühne entworfen – die Pyrotechnik wird auch noch folgen, durften wir erfahren!
Doch neben diesen Effekten überzeugen die beiden bei der Probe durch hervorragende stimmliche Leistung und bei der Pressekonferenz durch Sympathie.

| Foto: Martin Schmidtner
Für Ovi ist das Ganze natürlich eigentlich ein Heimspiel – er lebt seit 15 Jahren in Norwegen und trat im vergangenen Jahr auch für den norwegischen Vorentscheid an. Sollte er erfolgreich sein, so sei dies auch ein Erfolg Norwegens, betont er.
Paula Seling stellt noch mal ihren gewaltigen Tonumfang unter Beweis – sie geht mit ihren höchsten Tönen ein großes Wagnis ein, denn in ihrem Fall könnte eine belegte Stimme wirklich eine große Katastrophe darstellen. Ihr höchster Ton auf der Bühne bei Playing With Fire ist das dreigestrichene e!
Wieder einmal stellt der Moderator den beiden das altbekannte Norwegen-Quiz, bei dem Ovi aber nicht mitmachen darf. Über die Frage nach einem norwegischen Profi-Fußballer ist Paula nicht erfreut: „Wenn wir nächstes Jahr die Eurovision in Rumänien abhalten, werde ich die Fragen auswählen“, kontert sie!

| Foto: Martin Schmidtner
Slowenien
Mit einem haushohen Sieg gewannen Ansambel Žlindra & Kalamari mit ihren Song Narodnozabavni Rock die slowenische Vorentscheidung. Dennoch kam seitdem in ihrem Heimatland eine für die Formation unerfreuliche Diskussion darüber auf, ob denn die richtige Wahl getroffen wurde.
Sie selbst sehen das gelassen, möchten die Menschen auffordern, einfach Spaß an ihrer rockigen Volksmusik-Variante zu haben. Über ihre schwachen Chancen haben sie ausgiebig reflektiert und erinnern sich gut daran, wie Österreich im Jahr 2005 mit einem ähnlichen Versuch baden ging.

|Foto: Martin Schmidtner
Doch sie hoffen darauf, dass ihre Version von moderner Folklore zumindest in einigen Ländern Anhänger findet – genannt wurden Deutschland, Österreich, die Schweiz und Finnland, wobei neben Österreich, das zu ihrem Bedauern nicht mehr teilnimmt, nur die Schweiz im zweiten Halbfinale abstimmungsberechtigt ist.
Ja, die Chancen auf das Finale stehen nicht gut – auch ein nettes und gut dargebotenes Lied kann bei der Auswahl leider einfach durchfallen!
Irland
Mit Irland hat es trotz Aschewolke eine Eurovisionsgröße nach Oslo geschafft: Niamh Kavanagh gewann im Jahr 1993 mit In Your Eyes den Contest.
„Eine tolle Zeit“ schwärmt Niamh, „so viele gute Feten“! Damit sieht es in Oslo bisher noch eher mäßig aus, aber man merkt ihr an: sie hat ungeheuer Spaß an der ganzen Sache und bietet mit It’s For You eine schöne und sehr nostalgische Ballade, der man gerne zuhört und zusieht – auch ohne große Show auf der Bühne.
Auf die Frage des Moderators, was denn auf der Bühne geschehen werde, antwortet sie: „In erster Linie singe ich!“ und „ich könnte auch in Jeans auftreten, wenn ich aus dem Herzen singe und die Herzen des Publikums erreiche.“ Natürlich wird sie das nicht machen – ihr Kleid sei einfach „hinreißend“, kündigt sie schon mal an.
Natürlich wird sie gebeten, eine Kostprobe ihres Siegersongs zu singen – „meines ersten Siegertitels?“ fragt sie kokett zurück. Sehr sympathisch wirkt sie – wir hoffen, dass ihre Stimme beim Halbfinale dann auch besser bis zum letzten Ton durchhält als heute bei der Probe.
Besuch aus der Lindenstraße von Iffie? Nein - Niamh | Foto: Martin Schmidtner
Bulgarien
Angel Si Ti - auf Englisch
You Are An Angel singt
Miro und lässt seine blauen Augen funkeln. Die Uptempo-Nummer wirkte zunächst trotz eindrucksvollem Video etwas blutarm, doch als Live-Performance, die erste Hälfte auf Bulgarisch, die zweite Hälfte auf Englisch gesungen, hat sie eindeutig gewonnen. Tatsächlich – und das sage ich, obwohl ich die Lieder eigentlich immer am liebsten in den Landessprachen höre – fängt mich die heutige gemischte Variante besser ein.
Er selbst sei eigentlich beides: Engel mit (tatsächlich tätowierten) Flügeln auf dem Rücken, aber auch mit einem Teufelsschwanz, erklärt Miro. Wer denn tatsächlich sein ganz besonderer Engel sei, bohrte Moderator Christian Strand immer wieder nach – doch dies will ihm Miro nur „ganz privat bei einem Glas Bier am Abend“ erklären. Um anschließend hinzuzufügen, dass es wohl doch eher eine Tasse Tee sein müsse, da er sich bei hohen Temperaturen auf Zypern von kaltem Bier einen Husten zugezogen habe. Tatsächlich hüllte Miro bei der Probe auf der Bühne eine starke Trockeneiswolke so ein, dass er nach Hustenattacke erst mal wieder abbrechen musste.
Aber wie ein Kollege auf der Pressekonferenz auch anmerkte, ließ uns das abrupte Ende des Songs etwas verwirrt zurück – mal sehen, ob die Delegation da noch was ändern wird!

Miro | Fotos: Martin Schmidtner
Wales, ähh, Zypern
Da es sich beim dem Eurovision Song Contest ja eigentlich um einen Liedkomponistenwettbewerb handelt, ist es ja eigentlich egal, wer singt, so jedenfalls die Aussage aus Zypern. Das von Zyprioten geschriebene Lied Life Looks Better In Spring wird von Jon Lilygreen & The Islanders, einer Gruppe aus Wales (mit einem Bandmitglied aus Norwegen) vorgetragen. Und das Lied ist einfach und kommt nett rüber. Und es wird offen bekannt, dass man sich zuvor eigentlich überhaupt nicht für Eurovision interessiert hat. Aber jetzt würden doch mal Menschen zuschauen, die niemals zuvor dieses Ereignis verfolgt haben. Der Sänger Jon Lilygreen kommt als typischer Walliser daher und erklärt freimütig, dass er für Freibier vieles bereit ist zu tun. Und nach dem Contest wird er erst einmal einen Monat lang Bier bis zum Abwinken genießen.

Jon Lilygreen | Foto: Marc Schulte
Kroatien
Nach fünf Jahren, wenn auch in neuer Besetzung, wieder dabei ist die Gruppe Feminem, die mit ihrem Titel Lako Je Sve für Kroatien antritt. Eine Gartenbank auf der Bühne, darauf drei Schönheiten drapiert, die Herz öffnend kitschig schön singen, da seufzt man gerne auf und versinkt in eine schöne Ballade. Die Pressekonferenz verläuft wie so viele, und es wird wieder bekundet, dass alle hier so nett sind, alles gut läuft und man Spaß hat und sich einfach nur freut, hier dabei sein zu dürfen. Aber man erfährt, dass es in Australien eine Hörfunkstation gibt, die auch ein kroatisches Programm ausstrahlt. Die Frage des Moderators, wie es sei, feminin zu sein, erzeugt zu Recht bei den Sängerinnen für Irritation. Die Gegenfrage der Sängerinnen „Wie ist es, ein Mann zu sein?“ wird nicht akzeptiert und so kommen quasi erzwungenermaßen Antworten wie: „Als Frau kann man Kinder bekommen“ und „Als Frau darf man weinen.“ So kann man durch Gesprächsführung auch Klischees erzeugen und eine Pressekonferenz künstlich auf vierzig Minuten verlängern.

Feminin und Feminem | Foto: Marc Schulte
Georgien
Und schon wieder gibt es einen norwegischer Bezug: Der Songwriter ist Norweger. Diesmal will man nicht politisch sein, denn es komme auf die Musik an, und man sei nach der Disqualifizierung vom letzten Jahr jetzt eben wieder da und freue sich. Die Sängerin Sofia Nizharadze hat eine wunderbare Stimme mit klassischer Ausbildung und das Lied Shine geht bei uns direkt ins Herz. Die Show ist beeindruckend, die Sängerin singt nicht nur, sie wird von den doch recht ansehnlichen Tänzern über die Bühne getragen, mehrmals gehoben, gedreht und aufgefangen. Da muss man sich schon gut verlassen können und wie vereinbart in die korrekte Richtung fallen lassen. Das glockenhelle Lachen bei fast jeder Antwort ist etwas nervend, aber sonst…

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Sofia und die Herren, die sie auf der Bühne drehen und heben | Fotos: Martin Schmidtner
Türkei
Eins ist sicher, die Türkei kommt auf jeden Fall ins Finale. Die Punkte, auf den ersten zehn Plätzen im Semifinale zu landen, ist durch Grundstimmen in vielen europäischen Ländern gesichert. Und wenn dann noch eine bekannte Gruppe wie maNga antritt, kann nichts mehr passieren - und das zu Recht! We Could Be The Same – mit diesem Titel wird ausgedrückt, dass durch die Liebe alle Grenzen durchbrochen werden können. Die Gruppe freut sich, ihr Land vertreten zu dürfen, und der Eurovision ist mehr als ein Wettbewerb, es ist ein Festival, so lautet das Credo dieser Band, die ihren Stil als alternativ türkischer Rock bezeichnet. Auf dieser letzten Pressekonferenz dann eine Überraschung: Nach den Niederlanden gibt es nunmehr ein zweites Land, das in der Pressekonferenz keine Kostproben ihres Können darbietet, weil sie dafür Instrumente bräuchten.

Leadsänger Ferman Akgül | Foto: Martin Schmidtner
Die 34 . Pressekonferenz nähert sich dem Ende. Typische Fragen aus dem Pressepublikum: „Warum singen Sie in Englisch?“ „Jeder soll uns verstehen.“; „Wer hat Eure Musik beeinflusst?“ „Viele Gruppen“; „Warum habt ihr den Sound geändert und ihn weniger türkisch gemacht?“ „Die neue Version ist einfach besser.“; „Seit wann habt ihr Eurovision geschaut?“ „Seit wir es mit mehreren Familien zusammen auf dem einzigen verfügbaren Schwarzweiß-Fernseher angesehen haben.“
Ab Donnerstag beginnt die zweite Probenrunde mit weniger Zeit für Proben und Konferenz und dann kommen am Samstag die großen Vier Spanien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland und der Gastgeber Norwegen.
Heute ächzten KünstlerInnen und Presse unter norwegischer Hitze - morgen soll es aber schon wieder kühler werden.
Ventilatoren kühlen die Künstlerinnen beim Interviwe | Foto: Martin Schmidtner
Fandesk
Heute durfte ich eine Schicht am OGAE-Fandesk schieben. Und hier werden Informationen ausgetauscht, Fragen beantwortet und abgestimmt, wer ins Finale kommt. Jeder darf einen Stimmzettel abgeben und nach Meinung der bisher abgegebenen Fan-Wertungen kommen nicht ins Finale: aus dem 1. Semifinale: Russland, Estland, Lettland, Bosnien und Herzegowina, Polen, Portugal und Mazedonien und aus dem 2. Semifinale: Litauen, Schweiz, Ukraine, Niederlande, Slowenien, Bulgarien und Zypern. Ob die Fans Recht haben oder nicht, bei uns wird es nachzulesen sein…
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