Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner Tag 3 beim Eurovision Song Contest in Oslo - Auftakt zum zweiten Semifinale

von Martin Schmidtner - 18.05.2010
Heute begann der erste Probendurchlauf zum zweiten Semifinale und bescherte uns neben einem 20minütigen Stromausfall im Pressezentrum wechselhafte Darbietungen. Und endlich gab es auch mal wieder Sonnenstrahlen statt Dauerregen:

“It's a very big stage” - das war das erste, was in der noch dunklen Halle heute Morgen von InCulto aus Litauen zu hören war. Aber die fünf Jungs zeigten sich nicht lange beeindruckt, sondern mischten die Bühne schnell auf.


InCulto bei der Live-Performance zur Pressekonferenz | Foto: Martin Schmidtner

Die Choreographie ist einfach und genial und sie wurde nach der Probe den Fans und Journalisten gleich mal beigebracht.

Come on and dance to the Eastern European kinda funk  | Foto: Martin Schmidtner

Es ist einfach beeindruckend, wie in zwanzig Textzeilen Europas Vergangenheit (We survived the reds and 2 world wars) und aktuelle politische Probleme (No Sir we're not equal no, though we are both from the EU) thematisiert werden. Tatsächlich fand im März innerhalb der EBU (European Broadcasting Union) eine Prüfung des Titels statt, ob er durch explizite politische Stellungnahme die Statuten des Contests verletzen würde. „Nein, keine Beanstandung“ berichtet Sänger und Bandgründer Jurgis Didžiulis – alles andere wäre ja auch vollends lächerlich gewesen!
Nicht dass InCulto unpolitisch wären – erst vor zwei Wochen solidarisierten sie sich ausdrücklich mit der in Vilnius zunächst verbotenen Gay-Pride-Parade. Doch die Essenz ihres Liedes sei trotz allem in erster Linie: „Being positive“.
Wir haben kein Geld, aber wir haben engagierte Musiker, berichten InCulto – gerade mal 700 Euro hat ihr mitreißendes Video gekostet – was für eine Wohltat im Gegensatz zu einer Materialschlacht, wie sie zum Beispiel Aserbaidschan betreibt!
Für den MTV European Music Award waren sie nominiert, doch für den ESC haben sie in den vergangenen Monaten halb Europa bereist und ihre Botschaft vom funkigen Spaß verbreitet. Und auch auf der Pressekonferenz verbreiten sie allerbeste Laune.
Für hart gesottene Grand-Prix-Fans mag ihr Funk mit den Kazoos befremdlich wirken, aber der Rhythmus reißt einfach mit. Und wenn der Vorhang aus LED-Lichtern Strichmännchen in Keith-Haring-Stil synchron zu InCulto mittanzen lässt, ist die Show nahezu perfekt. In einer Variante der vierzigminütigen Probe fielen dann am Schluss sogar noch die Hosen – für diesen „Kleiderwechsel“ bekamen die Jungs von einem weiblichen schottischen Fan anschließend schottische Unterhöschen überreicht!
 
Schottisches  Modell gegen Paillettenhöschen  | Foto: Martin Schmidtner

 

Einen überdimensionierten Aprikosenstein auf der Bühne, das gab es bisher noch nicht beim ESC – das Land der Aprikosen, Armenien, stellt dieses Ungetüm auf die Bühne. Es ist jedes Mal unglaublich zu sehen, mit welchem Aufwand einige Länder ihre drei Minuten füllen, um in Erinnerung zu bleiben. Dabei reicht eigentlich schon die Haarlänge von Eva Rivas, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Doch auch ihr Lied hat alles, was ein guter Ohrwurm braucht und klingt auch auf der Bühne gut.
Apricot stone / Hidden in my hand / Given back to me/ From the motherland. / Apricot stone / I will drop it down / In the frozen ground / I’ll just let it make its round 

Das Lied ist eine pathetische Hymne ans Mutterland und ob mit der gefrorenen Erde die gemeint ist, die nicht zum Mutterland gehört? Aber dann wäre es ein politischer Song und würde die EBU-Statuten verletzen. Also doch einfach nur ein Lied über Aprikosenbäume? - Eva Rivas hat während ihrer Promotion-Tour an jedem Ort einen Aprikosenbaum gepflanzt - mal sehen, wie Aserbaidschan diesmal auf dieses Lied reagieren wird!

Ein Lied für's Mutterland: Eva Rivas   | Foto: Martin Schmidtner

 

Israel gehörte in diesem Jahr nicht zu unseren persönlichen Favoriten. „Ein schöner klassischer Chanson, aber nicht wirklich einprägsam“ war unser Urteil.
Doch als die Kamera zu Beginn auf Harel Skaats Gesicht fährt, nehmen einen die Augen gefangen. Mit unglaublicher Inbrunst singt der jemenitische Israeli sein Lied. „Wenn Du in einer Sprache singst, die die meisten Menschen nicht verstehen, muss Dein Gesicht die Geschichte erzählen“, erklärt er später. Es sei ein Lied über Trennung und er sang es beim israelischen Vorentscheid für seinen vier Tage zuvor verstorbenen Großvater, der ihm mit dem Singen der Thora der Musik nahe gebracht hat.
Auch in der Pressekonferenz nimmt uns die Stimme gefangen – und wir betonen: die Stimme, denn, wie Harel Skaat uns wissen ließ: „Es geht nur um Musik – gutes Aussehen oder Sex-Appeal ist auf der Bühne unwichtig.“

Nicht dass das Aussehen von Bedeutung wäre.....    | Foto: Martin Schmidtner

 

Chanée & N'evergreen aus Dänemark werden seit Wochen in den Kreisen der OGAE-Fanclubs hoch bewertet. Doch ihr Titel In A Moment Like This ist ein im schwedischen Grand-Prix-Stil wieder aufgewärmter eingängiger, aber langweiliger Schlager. Und auch live macht Sänger Thomas Christiansen alias N'evergreen auf uns den Eindruck eines in die Jahre gekommenen Schlagersängers, wie sie sich in deutschen Gute-Laune-Schlager-Volksmusik-Sendungen gerne tummeln.
Die Bühnenperformance startet mit „technischen Problemen“, berichten die beiden der Pressekonferenz – doch das eigentliche Problem war das fehlende Zusammenspiel des dänischen Paares. Den Text nimmt man ihnen nicht wirklich ab – der „moment like this“ scheint für die beiden kein schöner zu sein – bei uns ist es durchgefallen!

Nein - nicht Andrea Berg und Bernhard Brink    | Foto: Martin Schmidtner

 

Michael von der Heide aus der Schweiz erfüllt sich mit seiner ESC-Teilnahme auch einen lang gehegten Traum. Einen Traum in Gold - Il Pleut de L'Or – es regnet Gold. Der Liedtitel beziehe sich nicht auf eine sexuelle Präferenz, klärt er die Presse gleich zu Beginn auf. Und in diesem Stil geht es weiter: Pressekonferenz-Moderator Christian Strand kann mit der Schweizer Ironie nicht wirklich viel anfangen und so hat von der Heide genügend Gelegenheit, uns vortrefflich zu unterhalten. Noch hat er keinen ESC gewonnen, aber zicken kann er wie eine ganz große Diva.
Ein Bonmot nach dem anderen: Ob der ESC für einen Schweizer gut für die Karriere sei, wird er gefragt - „to finish a career it is very good“, seine Antwort. Welche anderen Titel ihm gefallen würden? - „Ich bin Schweizer und muss diplomatisch sein“ Dabei soll aber nicht untergehen, dass sein Chanson eingängig ist und auch mitreißend präsentiert wurde, Wir wünschen der Schweiz in diesem Jahr eine Finalteilnahme – leider dürfen wir in Deutschland nicht im zweiten Semifinale anrufen.
 
Diva mit viel Charme und Esprit: Michael von der Heide   | Fotos: Martin Schmidtner

 

Schweden: Die 18jährige Anna Bergendahl fiel neben einem netten Liedchen bisher vor allem durch ihre roten Schuhe auf. Inzwischen scheint sie bei Converse unter Vertrag zu stehen, denn mehrmals betont sie, dass sie die Marke trägt, seit sie 12 ist und sich nur in ihr wohl fühlt – diesmal war es übrigens die schwarze Variante! Und um auch mal die modebewussten Vorwärts-Leserinnen und Leser zu bedienen, verraten wir, dass sie zum Finale natürlich ein neues Designerkleid tragen wird – allerdings ein dem ersten vom schwedischen Melodifestvalen sehr ähnliches. Im Publikum sollen auch wieder Leuchtstäbe zur stimmungsvollen Unterstützung verteilt werden – da kann doch eigentlich nichts mehr schief gehen
Inzwischen wissen wir auch, warum sie beim Vorentscheid so schnell ihre Gitarre abgab – sie könne eigentlich gar nicht richtig spielen, gesteht sie.
Eine sichere Finalteilnehmerin!
 
Anna Bergendahl    |  Fotos: Martin Schmidtner

 

Safura aus Aserbaidschan ist die bereits von den englischen Buchmachern zur Siegerin gekürte Antwort auf Russlands Dima Bilan im Jahr 2008. Wie damals Russland ein eher schwaches Lied mit viel Geld und ausländischen Know-How und einer enormen Werbemaschinerie zum Sieg pushte, so will Baku im nächsten Jahr unbedingt Gastgeberstadt des ESC sein.
In Fall von Safuras Drip Drop soll dies mithilfe eines schwedischen Liedchens, eines ukrainischen Tänzers (Denis Hrzstuk) und mit der Choreographie JaQuel Knights, der auch Beyonce trainierte, gelingen.
Knight jagt Safura von einem Ende der Bühne zum nächsten – alles in 12 cm hohen High-Heels (in der Presseerkärung Aserbaidschans war viel passender von "High Hills" die Rede!), die die Künstlerin dann auch während der Probe ausziehen muss, um weitermachen zu können. Aber wir sind sicher – bis nächsten Donnerstag wird sie in ihnen laufen können.
Es macht anfangs natürlich Spaß, das Liedchen mitzuträllern, aber die Show wirkt uninspiriert, überladen und noch etwas chaotisch...aber war dies bei Dima Bilan nicht anders.
Aus den südlichen und vermutlich auch östlichen Ländern wird es Punkte regnen für Safura. Dort kommt sie an, aber eine Siegerin sieht für uns anders aus.
 
Safura mit Choreograph JaQuel Knights   |  Fotos: Martin Schmidtner

 

Über die chaotischen Zustände, die zur Nominierung Alyoshas für die Ukraine führten, haben wir berichtet. Das Ergebnis heute war entsprechend: eine einzige Peinlichkeit! Eine Sängerin, die ihr Herz für die Umwelt und den Globus entdeckt hat, wird uns präsentiert. Ihr Video wurde in Tschernobyl gedreht – das nennen wir Einsatz! Und am 23. Mai soll ein Fußballspiel zur Rettung des Planeten stattfinden. Dazu erscheint das ukrainische Team zur Pressekonferenz in kurzen Pyjamas, die wohl Fußballtrikots darstellen sollten.
Die Nummer ist klar und berechnend – im letzten Jahr musste sich Svetlana Loboda für geschlagene Frauen engagieren – was sie aber wenigstens mit Inbrunst und Überzeugung getan hat – diesmal eben die Umwelt. Dass dies nicht von einem langweiligen und schlechten Lied ablenken kann, soll nur noch der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Mission Impossible: Alyosha  |  Foto: Martin Schmidtner

 

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