Die Mitte der Gesellschaft Stimmt doch, oder?

von Harald Martenstein - 30.06.2009
"Ist es nicht legitim, hin und wieder auch an seine eigenen Interessen zu denken?" fragt Harald Martenstein.

Liebe Sozialdemokraten, ihr seid eine der wichtigsten politischen Kräfte in diesem Land. Ich dagegen bin eine der eher unwichtigen politischen Kräfte in diesem Land. Ich will euch sagen, wie es mir geht.

Es geht mir gut. Diesen Satz hört ihr wahrscheinlich selten, ich vermute, dass die Leute meistens klagen und etwas von euch wollen. Ich bin Autor. Einen richtigen Bestseller habe ich noch nicht geschrieben, aber meine Bücher verkaufen sich ganz gut. Ich fahre ein Mittelklasseauto, habe eine kleine Eigentumswohnung und ein Ferienhaus, letzteres gehört allerdings größtenteils der Bank. Ich bin nicht reich, kein Ferrari, keine Villa auf Mallorca, aber ich muss auch nicht auf jeden Euro achten. Mein Lebensstil, glaube ich, ist ziemlich gleich weit entfernt von dem eines Hartz IV-Empfängers und dem eines erfolgreichen Managers. Ich bin sozusagen die Mitte.

Muss ich ein schlechtes Gewissen haben? Ich glaube nicht. Hoffentlich stimmt ihr mir zu. Ich arbeite ziemlich viel, ich bin ziemlich ehrlich. Ich zahle eine Menge Steuern, einerseits ärgere ich mich darüber, weil ich dieses Geld schließlich erarbeitet habe, andererseits sehe ich es auch ein. Dass man in Deutschland gut leben kann, hängt mit der Umverteilung zusammen, mit dem Sozialsystem, mit der Infrastruktur, das muss ich alles bezahlen. Ich! Das stimmt doch, oder? Leute wie ich bezahlen das, Leute, die arbeiten und die dafür bezahlt werden, denn bei den anderen ist nichts zu holen.

Der letzte Friedfisch

Neuerdings ist auch bei denen ganz oben nichts mehr zu holen, im Gegenteil, all diese Großunternehmen und die Banken und die Manager kosten den Staat ein Heidengeld. Versteht ihr? Nur wir sind übrig, wir in der Mitte. Wir kriegen allmählich Angst. Wir kommen uns vor wie der letzte Friedfisch in einem Aquarium voller hungriger Fleischfresser. Wir tun doch keinem was. Wir fahren keinen Konzern mit 10 000 Beschäftigten gegen die Wand, wir verlangen keine Stütze, wir arbeiten und kommen zurecht. Ist das ein Fehler?

Bei dem Satz „Auch die Besserver­dienenden müssen ihren Beitrag leis­ten“ werde ich ärgerlich. Verdammt, wir leisten doch schon seit Jahren unseren Beitrag. Nun wird auch gesagt, dass wir 5 Euro, 20 Euro oder auch 100 Euro im Monat gar nicht spüren, also, man könne ruhig die finanziellen Schrauben ein bisschen weiter anziehen. Mal wird an diesem Schräubchen gedreht, mal an jenem, am Ende kommt dann einiges zusammen. Aber es stimmt: Wenn ich im Monat 200 Euro weniger habe, bin ich immer noch ein ganzes Stück entfernt von einem Hartz-IV-Empfänger. Aber habe ich nicht ein Recht darauf?

Ich stehle mein Geld nicht. Ich spekuliere nicht mal an der Börse. Ich spare fürs Alter, ganz spießig. Wird mir das am Ende womöglich weggesteuert? Wie gesagt, ich habe kein schlechtes Gewissen, es muss doch nicht bestraft werden, wenn man sich Mühe gibt.
Viele Leute, die ich kenne, Leute aus der finanziellen Mitte, sind drauf und dran, FDP zu wählen, obwohl sie in vie­len Punkten eher sozialdemokratisch denken. Sie haben Angst, keine existenzielle Angst natürlich, nur Angst vor den Schrauben, die immer enger gezogen werden. Sie sind Egoisten. Aber ist es nicht legitim, hin und wieder auch an seine eigenen Interessen zu denken? Die Manager und die Empfänger staatlicher Unterstützung tun es doch auch. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Rettet uns

Ihr seid die Partei der sozialen Gerechtigkeit. Wenn einer, der viel arbeitet oder einfach nur tüchtig ist, im Jahr 80 000 Euro verdient, und ein anderer, der weniger arbeitet, oder nicht ganz so gut, nur 50 000 – ist das eine soziale Ungerechtigkeit, gegen die von Staats wegen dringend etwas getan werden muss? Natürlich nicht. Ich weiß, es gibt auch Leute, die sehr gut arbeiten und nur 30 000 verdienen, oder noch weniger. Das weiß ich. Deshalb bin ich für Mindestlöhne. Aber ein Staat, in dem am Ende alle fast das Gleiche verdienen (bis auf die wirklich Reichen, die Milliardäre, an die niemand herankommt), ein solcher Staat wird nicht funktionieren. Da gebt ihr mir sicher Recht.

Ihr Sozialdemokraten seid eigentlich die Partei der Vernunft. Ihr steht in einem schweren Abwehrkampf gegen die Linke, eine Partei, deren Programm sich in dem Satz „Nach uns die Sintflut“ zusammenfassen lässt. Ich bitte euch, vernünftig zu bleiben, nicht nur, weil ihr ohne uns keine Wahlen gewinnen könnt und weil es nichts bringt, einen Linkswähler zu gewinnen, wenn gleichzeitig ein anderer Wähler zur FDP abhaut. Euer Kanzlerkandidat hat in seiner Parteitagsrede gesagt, dass die SPD auch die Partei der Freiberufler und der mutigen mittelständischen Unternehmer bleiben will, eine echte Volkspartei. Sehr gut! Dazu müsst ihr stark sein, ihr müsst der Versuchung widerstehen, uns, die Mittelschicht, als eine Art finanziellen Steinbruch anzusehen, frei zum Abbau, nur, weil bei uns noch etwas zu holen ist und weil wir uns nicht so gut wehren können wie die wirklich Reichen.

 
Es ist auch eine Frage des Prinzips. Eine Gesellschaft, in der es fast nur noch „oben“ und „unten“ gibt, die beide stän­dig nach dem Staat rufen, und nichts mehr dazwischen, nicht mehr die Zone der sicheren, langweiligen Behaglichkeit, des Stolzes darauf, etwas geschafft zu haben, und sei es ein Mittelklasseauto, eine solche Gesellschaft kann nicht euer Ziel sein. Rettet uns.

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Stimmt doch, oder - Martenstein

Bild von Rudolph, Peter

Ich stimme dem Artikel voll zu!
Wir setzen doch auf die neue Mitte. Dies ist der breite Bereich der Leistungsträger in unserer Gesellschaft. Dorthin sind auch viele Sozialdemokraten aufgestiegen. Dafür haben wir Sozialdemokraten gekämpft. Diese Bevölkerungsgruppe ist bereit sich sozial zu engagieren, will aber keine Partei, die sich auf das „Soziale“ verengt, sondern will Modernität, Innovation und letztlich auch in ihrem Leistungswillen anerkannt werden. Die neue Mitte nimmt ihr Leben selbst in die Hand und wünscht sich eine Politik, die Probleme löst - auch die der sozialen Ungerechtigkeiten.

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