Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner Semifinale 1 – Gewinner und Verlierer

von Martin Schmidtner - 26.05.2010
Die ersten 10 Kandidaten für das Finale des ESC am kommenden Samstag stehen fest. Vieles verlief wie erwartet – es gab nur wenige Überraschungen:

 

Die Show

Die Show, die das norwegische Fernsehen auf die Beine gestellt hat, hatte einen ganz kurzen Patzer, als ein Pausen-Filmchen nicht starten wollte, lief aber ansonsten mehr als rund – was für ein Unterschied zu der stümperhaften Moderation der Moskauer Hosts im vergangenen Jahr – die Moderatorinnen Nadia Hasnaoui und Haddy N'jie sowie Moderator Erik Solbakken machten ihre Sache unaufdringlich und routiniert. Zwar konnten wir sehen, wie nervös sie waren, bevor die Kameras auf sie fuhren, doch im Laufe der Show begannen sie mit dem Publikum zu agieren und bei vielen Liedern mitzuwippen und mitzuswingen. Im Vergleich zu früheren Jahren gab es wenig aufgesetzte „Was sind wir alle gut drauf“-Plattitüden und auch nur spärlich eingesetzte Komik – die blonde Milan-Perücke aus dem Green-Room zum Beispiel war doch eine recht nette Idee!

Mit vorwärts.de in der ersten Reihe | Foro: Anke Jonschker
 
Große Heiterkeit in der Halle löste der Einspielfilm über das Verhalten der Fans hier in Oslo aus – das war schon fast Reality-TV. Vielleicht folgt am Donnerstagabend beim zweiten Semi-Finale die Fortsetzung: Fans auf der Jagd nach den begehrten Promo-Materialen der Delegationen, aber da müsste dann Blut zu sehen sein und das wäre für eine Familiensendung wohl nicht mehr tragbar!

 

 

Erstmals wurde in diesem Jahr der Wertungsmodus 50 % Jury zu 50 % Televoting auch in den Semis eingeführt – bestimmt ein Glücksfall für Portugal, das es überraschend ins Finale schaffte. Bei einigen anderen Ergebnissen schien die Tatsache, dass die nationalen Jurys ihre Wertung nicht nach der eigentlichen Show, sondern bereits nach der Generalprobe abgeben, so manchen Beitrag gerettet zu haben, der stimmlich gestern Abend nicht wirklich überzeugte.
 

Verlierer

Zu Recht verloren haben gestern Lettland (Aisha hörte sich leicht gruselig an – eine Grundschulklasse, die zur Unterstützung der Sängerin vor der Halle den Song zum Besten gab, hat es besser gebracht!) und Mazedonien (belangloser Song mit Rap-Einlage und billigem Erotik-Ballett).
Auch Malta schaffte es nicht ins Finale, auch wenn es einen der beiden Special-Dress-Awards für das Adler-Kostüm des Tänzers gewinnen hätte müssen, dessen Schwingen Thea Garrett nicht ins Finale tragen konnten.
Thea Garrett | Foto: Martin Schmidtner
 
Estland galt bei uns als sicherer Kandidat für hohe Jury-Wertungen und belegte auch in meiner persönlichen Wertung lange den zweiten Platz, aber die überhebliche und lustlose Grundstimmung von Sänger Robin Juhkental übertrug sich wohl auf seinen Auftritt – beim Televoting hatte er von Anfang an kaum eine Chance.
Auch Polen galt von Anfang an als schwere Kost – sein Lied und die dazugehörige Show gehörte zwar zu den intelligenten Beiträgen des Abends, aber ohne die Geschichte dahinter zu kennen war es schwer verdaulich. Und es wirkt live gesehen ganz anders als über TV oder Video – in der Halle überlief es mich heiß und kalt. Alle Achtung, Marcin!
Viele, viel Fans hätten die Slowakei gerne im Finale gesehen, aber trotz starken Tänzern im grünen Baumgewand wirkte Kristína Peláková übernervös und unsicher. In den neunziger Jahren hätte sie mit dem Lied Horehronie vielleicht Erfolg gehabt.
Große Fassungslosigkeit nicht nur bei uns, sondern bei sehr vielen Fans rief das Ausscheiden von Kuunkuiskaajat aus Finnland hervor. Moderne und sympathische Folklore konnte Europa anscheinend nicht überzeugen – erst recht, wenn man manche Glückspilze unter den Gewinnern dagegen stellt:
 

Sieger

Weißrussland rechne ich zu diesen eher unverdienten Finalisten. Der Kader des weißrussischen Diktators Lukaschenko war gestern stimmlich nicht auf der Höhe und schaffte auch nicht jenen runden und perfekten Klang, der zuvor in den Proben das altbackene und langweilige Lied zumindest gut hörbar gemacht hatte. An den Schmetterlingsflügeln schieden sich eh’ die Geister – ein Augenschmaus für Liebhaber des klassischen Grand-Prix-Kostüms, Kopfschütteln bei dessen Spöttern.
Nicht abheben! | Foto: Martin Schmidtner
Albanien ist auch nicht der große Wurf gelungen, aber anscheinend riss der Rhythmus des old-fashioned Disco-Kloppers  genügend Anrufer mit.
Für viele überraschend war das Weiterkommen Vukašin Brajićs aus Bosnien-Herzegowina – doch wir gönnen es dem supernetten Sänger und es war immerhin die einzige rockige Nummer des Abends.
Auch an Moldawien scheiden sich die Geister – grässliche Geschmacksverirrung mit Leuchtfidel und 80er-.Jahre-Styling lässt Köpfe schütteln, aber irgendwie war es dann doch ein spaßiger, gut tanzbarer Auftakt des Abends. Und dass die Kombo nach all den Club- und Feten-Auftritten der zurückliegenden Woche noch bei Stimme war, verdient schon Anerkennung!
 
Sunstroke Project & Olia Tira | Foto: Martin Schmidtner

Was so richtig schlechtes Benehmen gepaart mit Ignoranz bewirken kann, war nach dem Weiterkommen von Peter Nalitch und seinen Freunden vom musikalischen Kollektiv aus Russland zu erleben. Den Song kann man lieben oder nicht, aber einen Grund, ihn kollektiv auszubuhen gab es ganz sicher nicht. Die Jungs sind alle Vollblutmusiker – das haben sie bei einem Konzert vergangene Woche unter Beweis gestellt, Lost and Forgotten war stimmlich perfekt dargeboten und die Russen haben überdeutlich bewiesen, dass sie den ESC ernst nehmen und mit Liebe und Leidenschaft bei der Sache sind. Schön, dass die Ironie des Liedes bei Jurys und Televotern anscheinend eher verstanden wurde als bei manchem so genannten Fan! Für uns ist Peter Nalitch da, wo er hingehört: im Finale!
Peter Nalitch | Foto: Martin Schmidtner
 
Was bei den Finninnen nicht geklappt hat, brachte Serbien ins Finale – die Balkan-Hymne Ovo Je Balkan ist moderne Folklore und eine spaßige Liebeserklärung an die Heimat ohne nationalistisches Pathos – sicher auch dort für das vordere Drittel gut, wenngleich wir die Bühnendekoration bis heute nicht verstanden haben.
Mit einem Pflaster für die wunde Nationalseele ist Griechenland gestern versorgt worden. Opa entwickelt sich zum Mitmach-Schlager des Festivals. Heute Morgen begann in der Kantine des Pressezentrums eine griechische Fangruppe mit den Opa-Rufen, sofort schallte es aus der räumlich, aber nicht akustisch getrennten Personalkantine ebenso zurück. Und während der Performance am gestrigen Abend machte die halbe Halle mit! Die Fragen auf der anschließenden Pressekonferenz nach der Möglichkeit Griechenlands, überhaupt einen Song Contest im nächsten Jahr ausrichten zu können, stieß bei den Griechen nicht auf Gegenliebe, aber der guten Laune tat es keinen Abbruch.

Die griechischen Promo-Tüchlein, die in der Halle verteilt wurden, scheinen schon vor der Finanzkrise in Auftrag gegeben worden zu sein  | Foto: Marc Schulte
 
Portugal war eine große Überraschung. Aber Filipa Azevedo hat sich während der vergangenen Monate mit ihrem Lied und ihrer Performance kontinuierlich gesteigert und einen mitreißenden klassischen Chanson geboten – „auf Portugiesisch“, wie der Delegationsleiter der Pressekonferenz voll Stolz betonte.
 
Hera Björk war die Diva des Abends, der Liebling der Fans! Ihre zwar auch nicht innovative, aber mitreißende Uptempo-Nummer aus Island sollte auch im Finale gute Chancen haben. Panisch saßen viele in ihren Sitzen und warteten, als die Finalisten bekannt gegeben wurden – sie mussten mit Hera bei der zufälligen Reihenfolge der Bekanntgabe bis zum Schluss warten, bis es das Ticket fürs Finale gab. „Kein Problem“ kommentierte Hera Björk anschließen, „das war ich schon vom letzten Jahr als Backgroundsängerin von Yohanna gewöhnt!“
 
Der Sieger des ersten Semi-Finales ist für uns – neben Hera natürlich - Tom Dice und kommt aus Belgien.
  Überglücklich: Tom Dice | Foto: Marc Schulte
 
Er hat Belgien nicht nur zurück ins Finale gebracht, sondern wird auch dort bestimmt bei den vorderen Plätzen mitmischen. Me and my guitar lebt vom bewussten Understatement – passend zum Song sieht man ihn alleine am vordersten Rand der Bühne und wir erinnern uns an den Sieg der Olsen Brothers für Dänemark im Jahre 2000. Der charmante Balgier mit dem schüchternen Habitus zeigte sich anschließend sehr gerührt und stolz: „Keiner kannte mich vor 6 Monaten und ich habe hart gearbeitet während dieser Zeit und empfinde dies nun als wunderbare Belohnung meiner Arbeit“.
 

Jubelnde Finalisten und Finalistinnen  | Foto: Martin Schmidtner
 
Bei der ans Semi-Finale anschließenden Pressekonferenz wurde auch die Startreihenfolge der Finalisten für Samstag gezogen.Nach Lena auf Startplatz 23 gelangte Filipa aus Portugal, der Platz vor Lena ist nich frei!
Die anschließende Fete zum ersten Halbfinale haben wir leider verpasst - die norwegischen Organisatoren waren anscheinend überfordert, genügend Busse zurück in die Stadt zur Verfügung zu stellen - die einzig richtig große Peinlichkeit des Abends!
 
Pressekonfernez nach dem Semi-Finale
 
Die nächsten zehn Finalisten werden kommenden Donnerstag bestimmt – aus Deutschland kann dann nicht mit abgestimmt werden – das Halbfinale ist in Deutschland von 21 – 23 Uhr live über das Internet oder den Digitalsender Einsfestival zu empfangen.
Zeitversetzt wiederholt wird es vom NDR ab 00:55 Uhr.
 
 

Alle bisherigen Beiträge zum ESC finden sich über den Link: ESC-Blogs

 

 

 

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