Quo vadis SPD-Netzpolitik? Teil 1: Strukturen

von Alexander Sempf - 22.01.2010
Vor kurzem wurde der "Gesprächskreis Netzpolitik" unter der Leitung von Björn Böhning gegründet. Er ist dabei Teil der sogenannten "Medienkommission" der SPD. Vom Prinzip her kann ich es nur unterstützen, dass sich dem Thema endlich gewidmet wird. Auf der anderen Seite bin ich doch enttäuscht.

Der vom Parteivorstand eingesetzte Gesprächskreis ist nicht das was ich erwartet hatte. Ich hatte auf ein offenes Forum gehofft, dass vielleicht sogar Rede und Antragsrechte hätte besitzen können. Wenn ich mich recht erinnere, dann war dies sogar in einem Antrag an den Bundesparteitag in Dresden Ende 2009 so gefordert worden. Die Umsetzung des Antrages sieht nun ganz anders aus...
 
Was bisher dabei herausgekommen ist, kann man als nichts anderes bezeichnen als ein Online-Beirat 2.0 (oder sagen wir lieber 1.1) – ohne Rede- und Antragsrecht. Etwas böswillig könnte man jetzt sagen, dass man zwar die Rufe nach einem „Forum Netzpolitik“ damit befriedigen, den Einfluss aber gleichzeitig so gering wie möglich halten will. Ein Raum also, in dem man lustig miteinander diskutieren kann, ohne dabei jemanden ernsthaft zu schaden... ;-)
Man kann nur hoffen, dass die innerparteiliche Bedeutungslosigkeit des Online-Beirates, der bis zu seiner selbstgewählten Quasi-Auflösung beim Thema „Netzsperren“ im Grunde genommen nie wirklich in Erscheinung getreten ist, nicht auch auf den Gesprächskreis übergeht.

Gespannt bin ich außerdem, wer noch so alles in diesen Gesprächskreis berufen werden wird.
Neben Björn Böhning werden es auf jeden Fall schon einmal die Mitglieder des ehemaligen Online-Beirates sein (...wir erinnern uns? Online-Beirat 1.1...).

Die derzeitige Umsetzung zeugt jedenfalls nicht vom „großen Umdenken“ und einer vermehrten Beteiligung der Basis. Schade, hier wurde meiner Meinung nach eine große Chance vertan...

Neben dem Gesprächskreis gibt es noch verschiedene Gruppen, in denen sich netzpolitisch Interessierte versammelt haben. Diese Bewegung begrüße ich grundsätzlich – eine gute Netzpolitik (dazu übrigens in einem der nächsten Artikel mehr) kann nur entwickelt werden, wenn Parteivorstand, Basis und Außenstehende (also z.B. Medienprofis Marke Sascha Lobo) eng zusammenarbeiten.
Das Problem an diesen Gruppen ist allerdings, dass genau diese Vernetzung nicht – oder nur sehr unzureichend – vorhanden ist. Die Struktur in der Sache fehlt. Genau dieser Rahmen hätte durch den PV mit einem „Forum Netzpolitik“ vorgegeben werden müssen.
So aber haben wir verschiedene Gruppen, die (ich übertreib mal) alleine vor sich hinarbeiten und wo man am Ende sehen muss, dass überhaupt ein Diskussionsergebnis, in die praktische SPD-Politik gelangt.

Ich muss gestehen, dass ich sehr skeptisch bin, was die Zusammenarbeit der einzelnen Gruppen angeht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese in absehbarer Zukunft kontinuierlich und dauerhaft produktiv sein wird. Unter anderem, weil die Interesse und der Hintergrund des Engagement der Einzelnen sehr unterschiedlich sind.

Im ersten Moment belustigend, aber darüber hinaus auch vielsagend, sind für mich im Übrigen solche Namen oder Eigenbezeichnungen wie „DIE SPD Netzbasis“, „DIE SPD-Netzpolitiker“ oder ähnliche. Auch wenn es anders sein mag, für mich wirken sie vom Sprachgebrauch ähnlich elitär, wie ein „Gesprächskreis“ des PV. Vielleicht sollte man hier auch auf die Außenwirkung achten, um sich a) mit solchen Bezeichnung nicht lächerlich zu machen, b) unter Umständen andere Interessierte nicht abzuschrecken und c) auch die Akzeptanz innerhalb der Partei zu verbessern.

Abschließend muss ich allerdings zugeben, dass die SPD derzeit noch wichtigere Themen/Probleme zu lösen als die Frage nach ihrer Netzpolitik.
Schaffen wir dies als Partei nicht, so wird uns auch die beste Netzpolitik nicht helfen...

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Teil 2:

Bild von Alexander Sempf

Hier ist im Übrigen der zweite Teil der Reihe zu finden:

"Quo vadis SPD-Netzpolitik? Teil 2: Netzpolitik und Partei"

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Online-Frühstück

Bild von Alexander

Ich würde ja gerne an dem Online-Frühstück mit Björn teilnehmen, aber leider arbeite ich nunmal um diese Uhrzeit und es kann deswegen nicht. :-(

Unbedingt ausbauen

Bild von Richard Detzer

Netzpolitik ist ein bislang unbekanntes politisches Aufgabenfeld, das niemand genau kennt und entsprechend wenige Bescheid wissen. Eine ganze Partei, die sich ausschließlich mit dem Thema beschäftigt, gibt es inzwischen.
In Fragen von Netzpolitik rate ich von Mainstream Lösungen ab. Initiieren, mobilisieren, florieren sollten dort in der nächsten Zeit begriffliche Standards sein. Das Entstehen von Zentralgewalten, die das Netz lenken, ist kontraproduktiv. Das heißt, viel interessanter als Netzpolitik selbst, oder was wir darunter verstehen wollen, ist der Betrieb von Netzpolitik. Die, die das dort machen, sind die ersten ihrer Art.
Für aktive Betreiber der neuen, fortschrittlichen Politik ist wichtig, und zum Glück angesichts der gegenwärtigen politischen Desaster leicht möglich, über Kommunikation, Datenaustausch, Positionspapiere zum mobilen Gebrauch Handlungskompetenz zu erwerben, um letzthin eine zukunftsfähige Politik aufzubauen.
Wir werden uns leider von alten Vorstellungen trennen müssen. Das zu begreifen, das mitzuteilen, ist das Ziel. Ich verstehe deine Kritik als wohlgemeinte Unzufriedenheit. Mein Rat an Dich. Mach bitte mit, mach Netzpolitik. Und laß Dich nicht einschüchtern vom Zustandsbild und der manchmal uneinsichtigen Arbeitsweise der Partei. Derzeit halten sich Ideologen dort gut in Erinnerung. Das war's dann auch schon mit den Problemen.

Hallo Richard, ich stimme

Bild von Alexander Sempf

Hallo Richard,

ich stimme dir zu, dass wir uns nicht einfach auf den Mainstream verlassen sollten. Da die Erfahrungen in dem Bereich Netzpolitik aber noch sehr gering sind, wird uns nichts anderes übrig bleiben als uns zumindest am Mainstream zu orientieren.

Die von dir angesprochene leichte Möglichkeit Handlungskompetenz zu schaffen, trifft zu, trifft dann aber auch auf die starren Strukturen und Denken in der Politik und in der Partei im Speziellen. Sich von alten Vorstellungen zu trennen fällt halt den meisten nicht gerade leicht. Von daher liegt hier noch viel Arbeit vor uns...

Zu deinem letzten Absatz:
Keine Sorge, ich mache weiter mit. So wie schon in den letzten Jahren.
Ich bin jetzt seit gut 8 ½ Jahren (off- und online aktives) Mitglied der SPD und habe mich die meiste Zeit davon ausführlich mit dem Thema Internet beschäftigt. Ich habe "damals" zu den Online-Durchsuchungen einen Antrag geschrieben – und werde so etwas auch weiter tun (auch wenn es damals am Ende nichts gebracht hat).

Jan, Alexander, bringt diese Kritik doch ein am Montag!

Hier beim Online-Frühstück mit Björn - dort kann man diese Kritik auch direkt mit Björn diskutieren:

http://netzpolitik.vorwaerts.de/blogs/netzpolitik/2010/01/vorwarts-onlin...

Online-Beirat 1.1?

Bild von Jan Schmidt

Alexander, genau wie Du fände ich es problematisch, wenn der Gesprächskreis unbedeutend bzw. einflusslos bleiben würde. Ich glaube aber nicht, dass dies so kommen wird - und das sage ich nicht, weil ich als Mitglied des alten online-Beirats auch in dem neuen Kreis mitarbeiten möchte und werde... ;-).
Zum ersten ist meines Erachtens der Stellenwert, den Netzpolitik hat, inzwischen nicht mehr zu leugnen; das Thema kann nicht mehr wirklich abgetan werden. Dadurch steigt der Druck, in diesem Bereich wie in anderen Feldern funktionierende Gesprächskreise/Foren/Netzwerke aufzubauen.
Zum zweiten aber, und das ist viel wichtiger, steht der Gesprächskreis ja in einer Konstellation mit einer Vielzahl von anderen Inititativen unter wachsender Beobachtung von der Parteibasis und anderen interessierten Personen, sodass wir viel mehr Rechenschaft werden ablegen müssen, transparenter werden diskutieren müssen.

Hallo Jan, ich hoffe, dass

Bild von Alexander Sempf

Hallo Jan,

ich hoffe, dass dein Optimismus in Sachen Gesprächskreis am Ende auch zutreffen wird. Ich habe leider schon zu oft negative Erfahrungen gemacht.

Dass die Netzpolitik inzwischen einen höheren Stellenwert besitzt als noch vor Kurzem mag sein, aber ich glaube nicht, dass die Wichtigkeit auch schon bei allen angekommen ist.
Die Entscheidung des PVs zum Gesprächskreis ist für mich dabei auch ein Indiz dafür.

Zur Parteibasis und Netzpolitik werde ich wahrscheinlich in der nächsten Zeit noch einen kleinen Artikel schreiben. Auch wenn es viele netzpolitisch Interessierte und Aktive gibt, so machen sie doch nur einen sehr kleinen Teil der gesamten Parteibasis aus. Hier ist noch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten. Erst dann ist der Druck auf die Parteiführung groß genug um wirklich was zu bewirken (und auch solche Gesprächskreise ernst zu nehmen).

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