Quo vadis SPD-Netzpolitik: Auf den Spuren von Afghanistan...

von Alexander Sempf - 20.02.2010
Komischer Titel, oder? Zugegeben, er ist nicht ganz ernst gemeint. Einen wahren Kern hat er dann allerdings doch noch. Beim Umgang der Parteiführung mit der Basis tun sich bei den Themen "Afghanistan-Einsatz" und "Netzpolitik" nämlich gewisse Parallelen auf. Bei beiden Problemen könnte man - wenn man böswillig wäre - zu dem Schluss kommen, dass der Parteivorstand die Beteiligung der Basis möglichst gering halten will.

Betrachten wir mal beide getrennt: 

AFGHANISTAN: 

Beim Afghanistan-Einsatz hat der Parteivorstand eine Konferenz veranstaltet, bei der zum Thema diskutiert werden konnte. Sehr löblich! Zudem sollte anschließend die Basis diskutieren und Vorschläge einbringen. Sehr löblich! Jetzt kommt der Knackpunkt: Dies nämlich in einem äußerst engen Zeitfenster. Und damit nicht genug. Nicht nur unser Fraktionsvorsitzender Frank-Walter Steinmeier, sondern inzwischen auch unser Parteivorsitzender Sigmar Gabriel stellten schon klar, wie die SPD sich dazu im Bundestag verhalten wird. Interessante Vorgehensweise...  

 

NETZPOLITIK: 

Beim Thema „Netzpolitik“ setzte der Parteivorstand einen an ihn überwiesenen Antrag vom letzten Parteitag um. Sehr löblich! Das war es dann aber auch schon mit dem Positiven. Im Gegensatz zum Antrag beschloss der PV kein rede- und antragberechtigtes Forum, sondern lediglich einen „Gesprächskreis“ ohne diese formalen Rechte. Die Intention des Antrags wird damit völlig verwässert und der Einfluss des „Gesprächskreises“ klein gehalten. Damit möchte ich auch Björn Böhnings Auffassung entgegentreten, dass der „Gesprächskreis“ ein Beschluss des Bundesparteitages ist - er ist lediglich eine fragwürdig interpretierte Umsetzung davon. 

Bei der Besetzung des Gesprächskreises wird der PV kreativ: Neben den Mitgliedern des gescheiterten und (im Zuge der Netzsperren-Gesetzgebung) quasi selbstaufgelösten Online-Beirates darf die Netzgemeinschaft ganze drei Personen aus ihrer Mitte in dieses Gremium wählen. Zuvor müssen die zur Wahl stehenden allerdings noch von der Netzgemeinschaft nominiert werden. Wie bei Afghanistan hat sie dafür natürlich auch ausreichend Zeit: Von Dienstagabend bis Freitag 24:00 Uhr. Immerhin, könnte man sagen...
Danach erfolgt dann die angesprochene Wahl der Nominierten. Und - manch einer ahnt es schon - hier folgt der nächste Haken: Der Parteivorstand behält sich natürlich die letzte Entscheidung über diese Liste vor. Man darf gespannt sein, ob der PV die Wahl so übernehmen wird  - oder man sich das Ganze auch einfach hätte schenken können...

Für mich ist klar: Der Wille hinter dem Parteitagsantrag muss umgesetzt und der Gesprächskreis abgeschafft bzw. sehr stark verändert und geöffnet werden! Aus diesem Grund habe ich einen Antrag vorbereitet, der noch einmal auf die Umsetzung als Forum drängt.

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Aufgaben abstecken...

Bild von Alexander Sempf

Hallo Dennis,

ich bin ja nun auch dafür nominiert worden. Falls ich in den Gesprächskreis gewählt werden sollte, dann wäre es mein erstes und zentrales Anliegen über die künftige Struktur und die Beteiligung einer möglichst breiten "Masse" zu sprechen.

Für mich muss sich der Gesprächskreis als eine Art Lenkungsgruppe betrachten, der die inhaltliche Diskussion mit möglichst vielen Mitgliedern und Interessierten anstoßen und koordinieren muss.
Als Ziel müssen dann mehrheitsfähige Inhalte an den PV herangetragen werden.

Vielleicht wäre es auch ganz günstig, wenn dabei mal die groben Aufgaben des Gesprächskreises abgesteckt werden könnten. Ich denke nicht, dass es per se Sinn macht den Gesprächskreis sowohl als politisch-inhaltliches Gremium und als praktisches Gremium zu implementieren.
Sprich: Die Umsetzung der Internet-Strategie der SPD sollte ein wenig separiert werden (ähnlich den Aufgaben des damaligen Online-Beirates, nur halt in einer anderen Umsetzung).

Feedback

Bild von GIGALinux

Eigentlich hast du Recht. Irgendwie nimmt der PV das Ganze nicht ernst, aber vielleicht sollte man es anderes sehen und zwar empfinde ich diesen Gesprächskreis eher mehr als Verhandlungsteam mit PV für mehr Einfluss von Netzpolitik in der Sozialdemokratie. Ziel sollte und muss es sein, dass am Ende ein sinnvolle Struktur herauskommt, die A. allen Parteimitgliedern die Mitarbeit erlaubt und B. Einfluss (Antragsrecht) auf die Partei hat.

Dem PV ist scheinbar schon bewusst, dass Netzpolitik in der Zukunft wichtig sein wird, aber Netzpolitik ist schon heute sehr wichtig und wird zukünftig vielleicht sogar überlebensnotwendig (an Netzpolitik klebt ja mehr als nur Netzsperren, siehe die geniale Mindmap!). Die Aufgabe des Gesprächskreis ist es den PV davon zu überzeugen und dafür passende Strukturen zu schaffen.

(vorwärts.de erlaubt scheinbar nicht meinem Benutzernamen einen Klarnamen zu verpassen, daher der Hinweis: Ich bin Dennis Morhardt)

Kurzes Feedback

Afghanistan - die SPD hat dazu eine Konferenz gemacht, wo jeder eingeladen war, hier auf vorwaerts.de gab es eine intensive Debatte. Aber irgendwann muss doch die SPD auch mal eine Position dazu finden - und meines Erachtens kann das für die Bundesebene nur Parteivorstand und Bundestagsfraktion. Irgendwann erwartet der Bürger doch auch mal Antworten, wie die SPD zu dem Einsatz der Soldaten in Afghanistan steht, oder?

Netzpolitik - Alexander, ich finde es grundsätzlich eine richtige Kritik von Dir, dass der Gesprächskreis dem Arbeitsauftrag des Parteitags noch nicht voll entspricht, aber ich denke, dass muss sich auch noch entwickeln.

Ich versuch jedenfalls im Rahmen meiner (bescheidenen) Möglichkeiten dazu beizutragen, dass das Nominierungsverfahren möglichst fair und transparent läuft. Wenn Ihr da Kritik habt, dann bitte nur her damit!

Im Prinzip gebe ich dir recht...

Bild von Alexander Sempf

Vorweg zu Afghanistan:

Eigentlich kann ich deinem Teil zu Afghanistan nur zustimmen.
Im Prinzip habe ich ja auch gar nichts gegen das Vorgehen, aber: Zum einen war die Zeit sehr knapp zum diskutieren. Wer die Arbeit und Ortsvereinen kennt (und davon sollte man beim Parteivorstand zumindest ein wenig ausgehen), dem sollte klar sein, dass man sich nicht alle zwei Wochen im großen Kreis trifft und auch Veranstaltungen zum Teil ein wenig mehr Vorlauf brauchen (gerade wenn man wie hier in Berlin mitten in den Parteiwahlen ist).
Sehr widersprüchlich finde ich das ganze dann allerdings, wenn man zum einen sagt, dass die Gliederungen bis 18. Februar ihre Beiträge einreichen können, damit sie in der Parteiratssitzung am 22. Februar berücksichtigt werden können, aber sich gleichzeitig schon vor dem Termin hinstellt und verkündet wie die SPD sich im Bundestag dazu verhalten wird. Tut mir leid, aber da passt was nicht…

Zum Thema Netzpolitik:

Ich möchte meine Kritik jetzt auch nicht so verstanden wissen, dass jetzt alles "blöd" ist und ich jetzt auch nichts mehr machen werde. Ich traue dem Gesprächskreis schon einiges zu.
Ich bin nur sehr enttäuscht, dass hier eine große Chance vertan wurde. Meiner Meinung nach wirft uns das Ganze ein gutes Stück wieder zurück. Wäre die Umsetzung so zustande gekommen wie es angedacht war, hätten wir, glaube ich, mit neuer Kraft auch schneller was erreichen können.
Ich finde es unglücklich, dass man jetzt nur nach und nach und immer nur häppchenweise an der ganzen Sache beteiligt wird.

Einer der ersten Punkte, die der neue Gesprächskreis nach seiner Konstituierung behandeln sollte, wären Überlegungen, wie man den Kreis öffnen und vor allem öffentlicher machen könnte.
Ich hoffe da zum einen auf die Mitglieder selber, als auch auf den Parteivorstand – ohne den es ja nicht geht…

Im Übrigen sollte das Ganze auch keine Kritik an dir sein ;-)

Transparenz und Offenheit

Bild von Jonas Westphal

Als derjenige, der seinerzeit den Antrag zum Forum formuliert und eingebracht hat, teile ich die Bedenken gegenüber der Organisationsform "Gesprächskreis".
In meinem Blog hatte ich das ja auch schon zum Ausdruck gebracht (http://jw.is/Blog/spd-forum-netzpolitik-statt-gespraechskreis).

Fakt ist aber, dass der Zug erst einmal abgefahren ist: Der Gesprächskreis sowie dessen Mitgliederliste ist jetzt nolens volens beschlossene Sache. Der nächste ordentliche Bundesparteitag, der theoretisch daran noch etwas ändern könnte, steht auch nicht in naher Zukunft an.

Stellt sich die Frage: Wie damit umgehen? Gute Frage.

Man kann nur hoffen, dass, ...

(1) jetzt wenigstens Community-Vertreter in einem vernünftigen Verfahren gewählt bzw. "priorisiert" werden. Wählen bzw. nicht wählen wird sie ja letztlich der PV.

(2), zumindest die Landesverbände die Basis besser als der PV in den parteiinternen Meinungsbildungsprozess integrieren und ihrerseits statutengemäße Foren auf Landesebene einrichten werden.

(3), der Gesprächskreis möglichst transparent arbeitet und die Basis so gut, wie es eben seine derzeitige Struktur zulässt, in seine Arbeit integriert.

Ich persönlich stehe deswegen dem Gesprächskreis nicht ablehnend, aber in seiner jetzigen Form durchaus kritisch gegenüber.

Fairerweise sage ich aber auch: Der Kreis soll sich erstmal finden, seine Arbeit beginnen und wir müssen ihm die nötige Zeit dazu geben. Das Schlimmste was passieren könnte wäre, wenn das Gremium von vornherein so tot geredet wird, dass ein netzpolitischer Diskurs auf PV-Ebene gar nicht mehr stattfinden kann.

[Update: Kleinen Fehler korrigiert.]

Ich stimme dir zu mit der

Bild von Alexander Sempf

Ich stimme dir zu mit der Befürchtung, dass der Zug erstmal abgefahren sein wird. Der PV hat sich auf diese fragwürdige Art und Weise festgelegt und wird davon nur schwer weg zu bewegen sein.

Ich stimme dir aber nicht bei der Einschätzung zu, dass wir jetzt erstmal abwarten sollten.
Genau DAS ist das absolut Falsche! Sind die Strukturen erstmal gewachsen und gefestigt, dann besteht für den PV doch gar keinen Grund mehr hier Änderungen vorzunehmen.
Und darauf zu vertrauen, dass der PV in seiner schier unendlichen Weisheit von selber darauf kommt, halte ich für gewagt. Wir sehen es an anderen Sachen (wie z.B. der Afghanistan-Debatte), dass der PV schon viel versprochen, aber scheinbar auch kein oder wenig Interesse an der Einhaltung hat.

Wir dürfen nicht den Fehler machen wieder bei der Situation zu landen, die wir alle vorher abgelehnt habe: Nämlich das nahezu bedingungslose Hinnehmen von Entscheidungen der Parteiführung.

Auch wenn der nächste ordentliche Bundesparteitag erst 2011 sein dürfte (Ach ja: Wer sagt uns eigentlich, dass auf einem Bundesparteitag nicht wieder so herumgetrickst werden würde?) gibt es noch genug Mittel und Wege seinem Willen Ausdruck zu verleihen. Und zwar z.B. über die Landesverbände/Landesparteitage bzw. die Vertreter aus den LVs im Parteivorstand. Diesen Weg sollten wir auch gehen. Alleine schon um unserer Unzufriedenheit und unseren Forderungen nach Veränderung Ausdruck zu verleihen.

Abschließend bleibt mir nur zu hoffen, dass du mit dem Satz unter (2) Recht behalten wirst...

Schöner Artikel! Kann dir

Bild von Benedikt Schmitz

Schöner Artikel! Kann dir da nur zustimmen, der Gesprächskreis ist ein Witz, die Umsetzung total gescheitert. Habe dazu auch einen Blog verfasst, kannst du ja mal lesen, wenn du willst!

Beste Grüße

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