Wählerinitiativen: Gut gewollt ist nicht gut gekonnt "Politik ist voll behindert, aber ohne Wählen wird noch behinderter"

von Karsten Wenzlaff - 28.07.2009
Für die Demokratie zu begeistern, ist richtig und wichtig. Pauschales Politiker-Bashing kann aber nicht funktionieren. Es ist schade, dass die Initiative www.gehnichthin.de von Küppersbusch, Hofer und Co daher den Eindruck hinterlässt, dass es nicht um authentisches Engagement für die Demokratie und fürs Wählen, sondern nur um Reklame in eigener Sache handelt. Dann hätten sie es auch bleiben lassen können, meint Karsten Wenzlaff.

Eine Woche lang wurde das Video "Geh nicht hin" in den Medien heftig kritisiert. Gestern saßen nun die Macher des Videos, Friedrich Küppersbusch, Jan Lerch und Stefan Gehrke, sowie einige Teilnehmer, u.a. Jan Hofer, MTV-Moderator Patrice und Schauspieler Tyron Ricketts im heißen Sonnenlicht des Berliner Sommers auf einer Terrasse an der Spree, stellten den zweiten Teil des Videos vor und Ihnen fiel zu der Kritik nur ein: "Wir machen das so, wie wir das wollen."

Das ist eigentlich schade, denn an sich ist die Idee ja nicht schlecht. Ein paar Prominente rufen erst zum Nicht-Wählen auf, um sich dann zu revidieren und zu sagen, na ja, ein paar gute Gründe zum Wählen gibt es ja wohl doch. Dass die Amerikaner die Idee zuerst hatten, ist nicht schlimm. Auch das die deutsche Version nicht eine 1:1-Kopie der Initiative um Leonardo DiCaprio und Steven Spielberg ist, ist auch nicht schlimm.

Partei-Bashing und Wählen gehen - wie passt das zusammen?

Aber was einfach nicht passt, ist, dass sich Friedrich Küppersbusch auf der Pressekonferenz hinstellt und sagt: "Die Parteien sind nicht in der Lage, Argumente zum Wählen gehen zu liefern". Wer sowas sagt, trägt zu der beklagten Parteienverdrossenheit bei.

Es ist ja nicht so, dass die Parteien alle pauschal die schlechte Wahlbeteiligung zum Beispiel bei der Europawahl ignoriert haben. Gerade in der SPD gibt es darüber intensive Diskussionen, in- und außerhalb der Partei. Wenn man sich die Parteienlandschaft anguckt, dann kann man auch nicht sagen, dass wir seit 60 Jahren in der Bundesrepublik keine Veränderungen erlebt haben. Die Grünen, die Linkspartei und die Piratenpartei sind Beispiele, wie neue Bewegungen entstehen und die Volksparteien darauf auch programmatisch reagiert haben.

Gespür für Ironie heißt nicht blindes Applaudieren für jede Provokation

Das kann man zur Kenntnis nehmen. Man kann auch dafür Werbung machen, dass das Engagement in der Demokratie beim Wählen anfängt, aber nicht bei der Tagesschau am Wahlsonntag aufhört. Sondern darüber hinaus geht, und manchmal auch langwierig ist und nicht besonders einfach. Zumindest nicht so einfach, wie einen Video-Spot zu drehen, indem man plumpes Politik-Bashing betreibt und sich dann ne Woche später damit retten will, dass man noch ein paar politisch korrekte Sätze zur Mitbestimmung in die Kamera sagt.

Wer wie der MTV-Moderator Patrice auf der Pressekonferenz sagt: "Es ist erstaunlich, wieviele Idioten es gibt, die Ironie nicht verstehen", der zeigt damit eine Verächtlichkeit für die Meinung von Menschen, die fast schon traurig ist. Ich kenne viele SPD-Mitglieder, die ein sehr feines Gespür für Ironie haben und auch darüber lachen können, wenn die SPD durch den Kakao gezogen wird.

Aber Gespür für Ironie ist doch etwas anderes als wenn man jede Provokation toll findet. Wenn sich Küppersbusch und Co auf dem Potsdamer Platz nackt ausgezogen hätten, um dann dazu aufzurufen, die NPD zu wählen, wäre das auch provokant und vielleicht ironisch gewesen, aber darf man das dann nicht als alberne Aktion kritisieren? Klar!

Die feinen Zwischentöne lauter machen

Albern ist es zumindest, wenn jemand wie Buddy Oguen sagt: "Politik ist behindert, aber ohne Wählen wird es noch behinderter". Klar, politisch korrekte Jugendsprache gibt es nicht, aber wahrscheinlich haben sich die Videomacher schon genau überlegt, warum sie Buddy nicht sagen lassen haben: "Politik ist schwul, und man muß wählen gehen, damit sie nicht noch schwuler wird." Das wäre zwar Berliner Strassenslang, aber deswegen noch lange nicht wiederholenswert.

Dabei gibt es ja durchaus auch gute Töne von der Initiative. Wenn Mike Krüger zum Beispiel mit Humor sagt, dass er möchte, dass auch seine Nase weiterhin in Deutschland geduldet wird, dann ist das ein Spiel mit bestimmten Vorurteilen, und das ist wiederum witzig.

Oder wenn Tyron Ricketts auf der Pressekonferenz sagt, dass er etwas gegen die Deutschland- und Demokratieverdrossenheit machen will und deswegen der Meinung ist, dass zum Wählen ein gesundes Selbstvertrauen in unser politisches System gehört, dann kann man ihm nur beipflichten.

Oder auch Jan Hofer, der sagt, dass die Initiative auf ungewöhnliche Weise für die Parteien wirbt, weil in der Parteiendemokratie das Parlament über die Parteienwahl zustandekommt. Ich hätte mir mehr von solchen Statements gewünscht, die Tiefgang zeigen und nicht pauschal Politik-Bashing machen.

Warum steht die Produktionsfirma so im Vordergrund?

Ich glaube, dass es nicht an den Gästen gelegen hat. Wie Produzent Jan Lerch von der Produktionsfirma ProBono sagte, gab es durchaus auch bei den Teilnehmern des Videos einige Bedenken. MTV-Moderator Patrice sagt ja auch im Video, dass er nicht will, dass sich jemand hinstellt und sagt "Patrice geht nicht wählen - dann geh ich auch nicht hin".

Wer weiß, woran es gelegen hat, dass ein komischer Eindruck zurückbleibt. Vielleicht daran, dass anders als beim amerikanischen Vorbild die Produktionsfima sich ziemlich deutlich in den Vordergrund drängelt. Auch Küppersbusch ist ja kein Freund leiser Töne, beantwortet daher auf der Pressekonferenz keine Frage ernsthaft und schlägt sich voll Pathos auf die Brust, dass "die Fackel der Demokratie" von seiner Firma aus den USA übernommen wurde und jetzt durch Deutschland getragen wird.

Das ist das eigentlich Bedauernswerte: durch den Drang zur Selbstdarstellung der Produktionsfirma gerät die eigentlich richtige Initiative ins Hintertreffen. Die professionell gemachten Videos und die echte Begeisterung der Promis für den Zweck der Initative wird von dem wenig authentischen PR-Geklapper übertönt.

Hoffentlich wird das zweite Video dennoch fleißig gesehen, kommentiert und persifliert. Es bleibt zu wünschen, dass die Debatte um das Nichtwählen nicht nur bei den Hauptstadtjournalisten stecken bleibt.

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Dies ist die private Meinung des Autors und stellt nicht die Meinung der vorwärts-Redaktion dar.

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