Pro Reli: Wenn die Argumente ausgehen Peinliche Polemik im Namen Gottes

von Alexander Sempf - 20.03.2009
Die Abstimmung über ein Wahlpflichtfach Religion in den Berliner Schulen rückt näher. Die ersten Plakate hängen und die Auseinandersetzung wird intensiver. Mit steigender Intensität nimmt allerdings auch die Zahl der Aussetzer zu.

Zweifelhafte polemische Vergleiche – gerne auch mal mit der Nazi-Zeit – stehen im politischen Alltag immer mal wieder auf der Tagesordnung. Leider. Denn solche Verbindungen bringen niemanden weiter. Sie diskreditieren auf unangemessene Weise den (politischen) Gegner und bringen die Auseinandersetzung von der Sachebene ganz weit weg.

Warum werden solche Vergleiche dennoch angewandt? Die Antwort ist einfach: Weil die Argumente fehlen. Es wird versucht von schlechten Begründungen und wackeligen Argumentationen abzulenken und den Gegner in eine anrüchige Ecke zu stellen.

Genau das passiert derzeit wieder einmal in Berlin. Anlass ist dieses Mal keine Auseinandersetzungen unter den politischen Parteien – jedenfalls nicht primär – sondern der  Streit um die Forderung von Pro Reli nach Einführung eines versetzungsrelevanten Wahlpflichtfachs Religion.

Bereits beim Unterschriftensammeln nahm es Pro Reli bei ihrer Argumentation teilweise nicht ganz genau und erweckte gerne den Eindruck, als wenn der rotrote Senat die Religionsfreiheit einschränken wolle bzw. dies schon getan hätte.
Dieser Argumentation bleibt sich Pro Reli auch nach dem erfolgreichen Sammeln nicht nur treu, nein, sie verschärfen sie noch einmal.

Den 26. April, den Tag der Abstimmung, bezeichnen sie gerne als „Tag der Freiheit“. Der Vorsitzende der Initiative Pro Reli e.V., Dr. Christoph Lehmann, schiebt dann auch gleich noch ein paar Vergleiche hinterher (aus der Pressemitteilung):

„Am 24. April feiert Portugal den Tag der Freiheit von einem faschistischen Regime. In der Tschechischen Republik feiert man am 17. November den Tag der Freiheit in Gedenken an die Nazi-Barbarei - und in Südafrika feiert man den 27. April als Tag der Freiheit vom Regime der Apartheid. Es gibt viele weitere Beispiele.“

Abgesehen davon, dass Portugal seinen „Tag der Freiheit“ am 25. April begeht, wie Herr Lehmann einfach mit einem Blick in Wikipedia hätte feststellen können (wie im Blog von zitty.de richtig erkannt wird), ist die Art und Weise wie Pro Reli hier argumentiert doch mehr als nur erschreckend und an Peinlichkeit schon fast nicht mehr zu überbieten.
Pro Reli stellt die Einführung des Ethikunterrichts und den Berliner Senat, sowie die Mitglieder des Bündnisses Pro Ethik in eine Ecke mit der Unterdrückung der Gewalt-Regime der Nazi-Zeit in Deutschland, der Diktatur in Portugal und dem Regime der Rassentrennung in Südafrika.

Selbst wenn ich nicht vom Ethikunterricht überzeugt wäre, auch - oder gerade - als evangelischer Christ kann ich mit dieser Kampagne nicht konform gehen und muss sie strikt ablehnen. Meiner Meinung nach – und da stehe ich zum Glück nicht alleine da – verbieten sich solche Äußerungen. Gerade als Kirche bzw. Initiative der Kirchen sollte man mit solchen waghalsigen Vergleichen äußerst vorsichtig sein.

Moralisch einwandfrei ist das nicht, was Pro Reli da betreibt. Es drängt sich mir der Eindruck auf, dass sie sich selber mal in einen Ethikunterricht setzen und da was dazulernen sollten. Aber genau den wollen sie ja nicht...

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Falsch, Herr Sempf

Werter Herr Sempf,
Sie stellen die Dinge falsch dar. Die nachgeschobenen Vergleiche von Herrn Dr. Lehmann sind Antwort auf die PRO ETHIK Kampagne gegen PRO RELI, denn PRO ETHIK hat zuerst mit "Schmutz" geworfen, indem sie auf den PRO RELI Slogan "Tag der Freiheit" mit Leni Reifenstahls - Film "Tag der Freiheit - Die Wehrmacht" verglichen hat. Beweis? Bitte: http://rbb-online.de/etc/medialib/rbb/rbb/abendschau/abendschau_20090318... (Abendschau vom 18.03.2009).

Kirchenkampf?

Der "Kirchenkampf"(CDU) begann für mich mit der Kampagne "Werte brauchen Gott". Er eskalierte durch Bischof Zollitsch' Vorwurf, der Senat agiere "fast religionsfeindlich".
Laut Oberverwaltungsgericht BB (OVG 8 S 78.06):
"..die Annahme...das neue Unterrichtsfach Ethik sei "kirchen- und religionsfeindlich" entbehrt einer tragfähigen Grundlage und jeden Belegs..."

Warum fällt es vielen Christen so schwer , nach 6 Jahren Bekenntnisunterricht ihre dann 12jährigen Kinder in den Ethikunterricht zu schicken? Dort können sie dann etwas über die geistesgeschichtliche Entwicklung in der Welt erfahren, sowie verschiedene Wertevorstellungen und Glaubenshintergründe gemeinsam diskutieren. Horizonterweiterung hat noch nie geschadet.
Vielfalt satt Einfalt!

Solange sich jede Religionsgemeinschaft als die einzig Wahre darstellt, solange Homosexialität, Onanie, Gebrauch von Kondomen u.a. bei den mosaischen Religionen als Sünde verteufelt wird, darf Religion nicht der alleinige Wertevermittler an deutschen Schulen sein (auch nicht an vom Staat bezahlten privaten Schulen, wie der erschreckende Fall von Schöpfungslehre im Bio-Unterricht in Hessen)

Zum Schluß einige Fragen:
Wieviel Schüler nahmen vor der Einführung von Ethik am Religionsunterricht der Klassen 7.-10. teil?
Wieviel islamische Schüler gibt es zur Zeit in den KLassen 7.-10., die würden dann keinen Ethikunterricht mehr bekommen?
Will Pro-Reli auch an kirchlichen Schulen die Wahlpflichtfächer Religion und Ethik?
Soll nach Pro-Reli das Wahlpflichtfach Religion benotet werden?

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