Im Vorwärts 07/08-10, S. 26, unter der Rubrik „Das Letzte“, fordert uns Genossen der ZEIT- und SZ-Journalist Christian Nürnberger unter der bezeichnenderweise englischen Überschrift „Think big“ auf, eine echte Vision für die Regierungsübernahme zu entwerfen[1]. Keine tagesaktuellen Problemlösungstaktiken, sondern einen großen Wurf, vergleichbar mit Kennedys Ziel, Menschen auf den Mond und zurück zu bringen, sollen wir, die SPD formulieren. Kurz und gut: Nürnberger schlägt ein Projekt „Helios“ vor: die Bundesrepublik als Sonnenenergiestaat.
Die Abkehr von fossilen Energieträgern mag in der Tat eines der, wenn nicht das ganz große Thema der nächsten Jahre sein oder werden, mit vielen Komponenten und Konsequenzen in organisatorischer, technischer, wirtschaftlicher, Umwelt- und – nicht zuletzt – menschlicher und sozialer Hinsicht. Die Vision einer elektrizitätsgetriebenen Volkswirtschaft ist mit ziemlicher Sicherheit richtig. Ob aber wirklich die rund um den 50. Breitengrad Nord gelegene Bundesrepublik gerade für ein Projekt Helios taugt, wage nicht nur ich als Diplomkaufmann und technisch aufgeklärter Laie doch arg zu bezweifeln, Genosse Scheers Thesen hin oder her. So sehr uns das Energiethema auf den Nägeln brennt, so sehr sich die rohstoffarme BRD damit nicht nur beschäftigen, sondern technische und organisatorische Innovationen auch in die Tat umsetzen und weltweit verkaufen muss, so sollten wir doch ein anderes Thema in den Vordergrund rücken, das unsere Wirtschaft schon in diesem Jahrzehnt erheblich unter Druck setzen wird.
Bildung – oder vielmehr der bisherige Mangel daran
Energie und andere Rohstoffe lassen sich immer besorgen, wie nicht zuletzt unsere eigene Geschichte zeigt. Sie werden aber nur von erfolgreichen – sprich zahlungskräftigen - Volkswirtschaften benötigt. Wenn jedoch der Treibstoff Bildung fehlt, der unseren (Wirtschafts-)Motor - noch - rundlaufen lässt, dann benötigen wir auch keine Sonnenenergie mehr, die bei uns ohnehin nur wesentlich teurer als in südlichen Sphären zu gewinnen wäre. Und wird sie woanders für unseren Gebrauch erzeugt, würde sie doch nur neue Abhängigkeiten von politisch und religiös-gesellschaftlich fragilen Staaten schaffen.[2]
Bildung aber ist der Treibstoff für das Überleben eines Landes namens Deutschland im 21. Jahrhundert. In diesem Land ist die demografische Zeitbombe unter seinen deutschstämmigen Bürgern schon längst kalt explodiert, doch eine Lunte am Pulverfass der nicht nur - laut Helmut Schmidts jüngstem Buch - womöglich nicht endgültig ausgemerzten ethnischen (um nicht zu schreiben rassischen) Ressentiments in der deutschen "Noch"-Mehrheitsgesellschaft schwelt noch. Es ist die bisher weithin unkontrollierte Einwanderung überwiegend schlecht qualifizierter, nicht an unsere Gesellschaft angepasster Menschen
Lassen Sie / lasst uns also eine ganz große Anstrengung unternehmen, Erst- und Weiterbildung in all ihren Facetten in den nächsten 10-15 Jahren entscheidend voran zu treiben. Ich schlage für dieses Projekt den Namen „Päda-Go!“ vor.
Das Thema Bildung nimmt sich einerseits und zunächst vorrangig der bereits unter uns befindlichen, nicht genügend für die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts Qualifizierten an (womit wir auch Einwanderungs-, Integrations- und Frauenförderungsthemen integrieren). Dazu kommen muss – nach Wegfall der Wehrpflicht und damit auch des Zivildienstes - ein Pflichtjahr „Weiterbildung und Soziale Dienste“ für alle jungen Menschen, Frauen wie Männer, von 16 bis 27 Jahren, mit deutscher Staatsangehörigkeit oder ohne, wenn sie permanent hier leben und bleiben wollen. Dieses Jahr beginnt unmittelbar nachdem sie die Schule oder Lehre mit oder ohne Abschluss, insbesondere jedoch für letztere, verlassen haben. Der Bildungs- und Sozialdienst soll neben der jeweiligen sozialen Tätigkeit, die den bewährten Zivildienstgedanken wieder aufgreift, für diejenigen Teilnehmer, die keinen Abschluss haben, die Verpflichtung enthalten, einen solchen zu erwerben.[3] Dafür werden sie gefördert, aber auch – mehr als im bisherigen Ausbildungssystem – gefordert. Dafür kann der Dienst – am besten freiwillig - auf bis zu 3 Jahre ausgeweitet werden. Während dieser Zeit erhalten die Teilnehmer für ihre Arbeit ein monatliches Anerkennungsgeld und sind zu kleiden, zu verpflegen und vorzugsweise heimatfern unterzubringen. Damit sollen sie bewusst aus ihren bisherigen, oft bildungshinderlichen Lebensumständen für eine gewisse Zeit herausgelöst werden.
Andererseits müssen wir parallel dazu unmittelbar nach der Geburt eines jeden Kindes ansetzen, indem wir ausreichend Krippen- und Kindergartenplätze schaffen, die nach einem oder mehreren obligatorischen Sprachtests für alle jungen Einwohner ab drei Jahren und ihrer Eltern mit einer Besuchspflicht (und wenn nötig obligatorischen Sprachkursen für die Eltern) gekoppelt werden. Für Menschen ohne deutschen Pass ist dies entscheidend, wenn sie hier im Land bleiben wollen. Die deutsche Sprache als das überragende Medium der Integration muss ein zentraler Bestandteil jeglicher Bildung von frühesten Kindesbeinen an bis ins Erwachsenendasein sein. Staatliche Transferleistungen sind zu einem gewissen Prozentsatz an die Sprachfähigkeiten und den Weiterbildungswillen der Empfänger, die dafür regelmäßig getestet werden, zu koppeln.
Selbstverständlich müssen auch Schulen und Universitäten wieder als echte Bildungsanstalten ausgerichtet werden. Wichtig ist eine rasche Abkehr von der Kleinstaaterei im deutschen Schulwesen, die immer mehr die Mobilität der Bürger behindert. Der Schulunterricht muss sobald wie möglich bundesweit vereinheitlicht werden. Mathematik und den Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie Englisch kommt neben Deutsch eine Hauptrolle zu. Musik, Kunst und Sport, letzteres gekoppelt mit einer auf die Bekämpfung der "Volksseuche" Übergewichtigkeit ausgerichteten Ernährungsberatung, sind ebenfalls zu verstärken. All diese Fächer sind im vorgeschlagenen Bildungsdienst, neben der Berufsausbildung oder –vorbereitung, aufzugreifen. Die Hochschulbildung muss wieder so ausgerichtet werden, dass sie nicht nur an den kurzfristigen Verwertungszwängen des Arbeitsmarktes oder der Sponsoren ausgerichtet ist.
Auch das große Potenzial an gut ausgebildeten und hoch motivierten Facharbeitern, Akademikern und Lehrern vor allem aus Nord- und Osteuropa, die bereits deutsch sprechen, ist vermehrt zu nutzen. Ihre Bildungsabschlüsse sind – auch nachträglich für bereits eingewanderte - großzügig anzuerkennen. Diese Menschen und ihre Kinder werden, vor allem auch weil integrationsfähig und –willig, nicht nur für eine Übergangszeit benötigt. Wirklich auskömmliche Mindestlöhne sichern dabei den bestehenden Arbeitsmarkt ab.
Das Finden und effiziente Fortbilden in fachlicher, vor allem aber pädagogischer Hinsicht, der für all diese Bildungsdienstleistungen rasch benötigten Menschen, die mit dem herkömmlichen Begriff „Lehrer“ nur unzureichend umschrieben sind und deren Sozialstatus anzuheben ist, stellen – noch vor den für ihre Beschäftigung und die Infrastruktur benötigten Mitteln und den neuen Curricula – die eigentliche Mondlandungs-Herausforderung für die BRD da. Dazu müssen auch viele Fachkräfte aus dem Arbeitsleben oder der Frührente gewonnen bzw. abgestellt werden, für die intelligente Lebensarbeitszeit- und Rentenmodelle zu entwickeln sind.
Die Mittel dazu sind trotz Krise vorhanden – dafür müssen neben Umschichtungen im Haushalt und zügigem Bürokratieabbau insbesondere für den Mittelstand nur Steuerschlupflöcher geschlossen, die bestehenden Steuer- und Wirtschaftsgesetze vereinfacht und konsequenter angewendet und eine Vermögens-, Börsenumsatz- (Tobin-) und Reichensteuer geschaffen werden. Die setzt endlich auch das Thema Gerechtigkeit wieder für alle erkennbar an die Spitze der Tagesordnung der SPD – in wirtschaftlich-finanzieller wie menschlicher Hinsicht.
[1] „Think big“ ist laut Wikipedia übrigens der Slogan für die erfolgreiche Wirtschaftspolitik des Einwandererlandes Neuseeland in den 80er Jahren gewesen
[2] Insofern sollte man für eine Übergangs- oder Brückenzeit von 10-15 Jahren auch von Seiten der SPD endlich das kräftezehrende Tabuthema „Verlängerte Laufzeiten“ unserer im Weltmaßstab sicheren Kernkraftwerke abseits parken und die Uhr dafür mit einer ordentlichen Sondersteuer und einem Endlagerkonzept füttern
[3] Diejenigen, die bereits einen Abschluss haben, können sich weiterbilden und damit „Credits“ für andere Maßnahmen oder Studiengänge erhalten



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