Die SPD benötigt ein Konzept für die digitale Gesellschaft Netzpolitik ist notwendig, aber nicht hinreichend

von Henning Tillmann - 18.01.2010
Immer mehr Netzpolitikerinnen und Netzpolitiker organisieren sich innerhalb der SPD. Doch die Sozialdemokratie benötigt nicht nur gute Netzpolitik, sondern auch einen Gesamtentwurf für die digitale Gesellschaft, meint Henning Tillmann.

Es hört sich wie Romantik aus der Arbeiterbewegung an, es ist aber tatsächlich passiert. Da hat doch damals von zehn Arbeitern einer aufgehört zu arbeiten, damit dieser den anderen etwas vorlesen und ihnen Bildung vermitteln konnte. Dass die übriggebliebenen Neune mehr arbeiten mussten, war für sie ein gern in Kauf genommenes Trade-Off.

Heute sind viele Informationen permanent verfügbar, weil sie von einigen Wenigen ins Internet gestellt werden. Gelebte Solidarität und der Traum vieler Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten könnte man meinen. Aber genau diese nehmen die Entwicklung nicht wahr. Auch die Jusos, die sich häufig als Vorreiter der SPD verstehen, haben hier einfach verschlafen.

Aufgerüttelt durch den Absturz der SPD bei den letzten Wahlen blitzen immer mehr „Netzpolitikerinnen und Netzpolitiker“ in der deutschen Sozialdemokratie hervor. „Da ist 'was in Bewegung“, würde der ehemalige Parteivorsitzende Franz Müntefering wohl sagen. Doch wohin rollt die Bewegung? Dass Zensursula das „Gesetz zur Erschwerung des Zugangs zu kinderpornographischen Inhalten in Kommunikationsnetzen“ völliger Unsinn ist, kann anscheinend als Konsens betrachten werden. Dass das Internet wohl „eine tolle Sache“ ist, belegt der Unterausschuss „Neue Medien“, den es seit einiger Zeit im Deutschen Bundestag gibt. Neue Medien? Genau, klingt irgendwie alt.

Gute Netzpolitik ist notwendig, aber längst nicht ausreichend. Der Begriff der Netzpolitik bezieht sich hauptsächlich, zumindest von den meisten so verstanden, auf den Kampf für mehr Datenschutz im Internet und die Förderung freier Inhalte (vgl. Wikipedia). Was darüber hinausgeht, mag vielleicht in Teilen der Blogosphäre angesprochen werden. Ein breiter gesellschaftlicher Dialog, vor allem unter Menschen, deren die Follower-Anzahl bei Twitter reichlich egal ist oder gar Twitter als englisches Mischwesen betrachten, findet jedoch nicht statt. Dieser ist aber dringend nötig. Keine Partei (auch nicht die Piraten!) haben einen Gesamtentwurf für die Digitale Gesellschaft (kurz: Digicom für digitial community), die teilweise parallel, manchmal jedoch auch supplementär, existiert. Während vor einigen Jahren häufig davon gesprochen wurde, dass Menschen abends am PC in eine „virtuelle Welt abtauchen“, so ist diese virtuelle Welt nun omnipräsent. Ob iPhone, Google Nexus One oder sonstiges Smartphone – permanent online, stets verfügbar. Und dabei muss die Online-Identität erst recht nicht der eigenen Identität entsprechen. Das Paradox: so stark wie die eine Realität über Jahrtausende reglementiert und sich in ihren Bewegungsmustern sozial manifestiert hat, so unbeschränkt und teils anarchisch ist die andere. Dies erzeugt bei dem einen oder anderen Konservativen, auch wenn sich manche selbst so gar nicht bezeichnen würden, einen reflexartigen Drang nach Regulation und Überwachung. Doch die Vernetzung ist gerade erst am Anfang. Nachdem die Bundeskanzlerin letztes Jahr von der Einführung von IPv6 sprach (ein Schelm, der denkt, sie wüsste nicht wovon sie spricht) und man sich die technische Möglichkeit von bald 10^23 (eine Zehn mit 23 Nullen!) vernetzten Computern pro Quadratmeter auf der ganzen Erde (inkl. Meere) vorzustellen versucht, weiß man, wohin die Reise geht. Die Frage ist und bleibt: Ist die Gesellschaft darauf vorbereitet? Ist die Politik darauf vorbereitet? Glaubt die Politik, die Gesellschaft sei nicht darauf vorbereit (oder andersrum)?

Digitale Gesellschaft heißt Bildungspolitik
Unser Schulsystem verfolgt das Ziel, Wissen zu vermitteln. Dies ist und wird auch vermutlich weiterhin die Kernaufgabe bleiben. Doch wie wichtig ist es, das Wissen zu vermitteln, Wissen zu erhalten, sowie dieses qualitativ zu klassifizieren und einzuordnen? Wird überhaupt Medienkompetenz vermittelt? Wir brauchen einen ehrlichen Diskurs darüber, ob die von allen Seiten proklamierte Wissensgesellschaft tatsächlich das Resultat der Entwicklung sein wird – oder ist das Ziel der Reise eine Wissenszugangsgesellschaft?

Digitale Gesellschaft heißt Teilhabe
Ein Zugang zum Internet wird in der Gesellschaft vorausgesetzt. Ob Jobangebote, die Erledigung der Schulaufgaben und auch dem eigenen Drang, doch immer das günstigste Angebot kaufen zu können: ohne Web ist man der Depp. Aber der Breitbandzugang ist keinesfalls flächendeckend gewährleistet, permanenter Zugang zum Internet an jedem Ort („online everywhere“) für viele Menschen momentan noch Utopie. Der Zugang zu Informationen muss ein Grundrecht ohne Wenn und Aber werden.

Digitale Gesellschaft heißt Medienpolitik
Dass MedienvertreterInnen aus der klassischen Printbranche, die momentan eifrig bemüht sind neue Märkte zu erschließen (Stichwort iPhone Apps) über die Entwicklung des Internets nicht gerade erfreut sind, ist bekannt. Aber auch hier sei eine dialektische Betrachtung empfehlenswert: Woher nahmen Verleger das Recht für Informationen (die zusätzlich mit Werbung verziert waren!) Geld zu nehmen? Niemand käme auf die Idee für die werbefinanzierten Privatfernsehsender oder Spiegel Online auch noch Geld zu bezahlen. Antithese: Gäbe es ohne „paid content“ (dazu zählen also auch die öffentlichen-rechtlichen Fernsehsender, sowie die klassische Tageszeitung) überhaupt noch „gute“ Informationen? Ist das Internet-Manifest von Sascha Lobo das Wort Gottes?

Digitale Gesellschaft heißt Schutz des Individuums
Wurde man früher einer Straftat bezichtigt, war der persönliche Ruf in dem eigenen Dorf meist unabhängig vom Ausgang des Prozesses beschädigt. Im schlimmsten Falle half ein Umzug in eine andere Stadt, um einen privaten, aber auch beruflichen Neustart zu versuchen. Heutzutage wäre ein anderer Planet angebrachter. Die Politik bietet auf dieses Problem keine Antwort.

Digitale Gesellschaft heißt Urheberrecht
In der häufig als „Webelite“ betitelten Personengruppe ist das Wort „Urheberrecht“ nicht gern gesehen. Ist es fatal, Menschen das Recht zu verbieten, selbst über die Nutzungsbedingung ihrer geschaffenen Inhalte zu beurteilen? Oder ist es ein herrschaftsstabilisierendes Instrument der (wenigen?) Wertschaffenden, die Gesellschaft dadurch zu kontrollieren? Ist die immer wieder geforderte Kulturflatrate die eierlegende Wollmilchsau?

Digitale Gesellschaft heißt Demokratie
E-Partizipation ist ein kultiges Trendwort, das sich die westliche Gesellschaft leisten kann. Wie die Proteste im Iran beweisen, kann Twitter allerdings auch viel Grundlegenderes leisten: erst einmal die Grundzüge der Demokratie zu erreichen. So stellen sich mehrere Fragen: Was kann die digitale Gesellschaft für die Demokratie tun und wie? Sind bspw. Wahlcomputer oder Onlinewahlen hilfreich für die Demokratie – oder etwa nur für bestimmte?

Digitale Gesellschaft ist die Gesellschaft
Während das 20. Jahrhundert als Jahrhundert der globalen Gesellschaft bezeichnet werden kann, so ist unter Umständen die digitale Gesellschaft der Begriff für die nächsten Jahrzehnte. Die beschriebenen Politikfelder sind nur eine kleine Auswahl, die man um Umweltpolitik, Wirtschaftspolitik, u.v.m. erweitern könnte. Dieser Artikel soll darauf aufmerksam machen, dass ein Aufspringen auf den „Netzpolitik-Zug“ nicht die Lösung sein kann. Wir, die SPD, müssen als erste Partei ein Gesamtkonzept vorlegen, bei dessen Erarbeitung jeder mitmachen muss. Das Desinteresse der Webverdrossenen muss aufhören, ebenso wie die Arroganz der „Webelite“, die auch häufig ohne Sachkenntnisse über technische und fachliche Dinge schwadroniert. Die jetzt aufkommende Euphorie und der existente Netzpolitikenthusiasmus dürfen nicht verpuffen, sondern muss in einen breiten parteiinternen Dialog getragen werden. Auch in einem Ortsverein mit einem Durchschnittsalter jenseits der 60 und wenig netzaffinen Genossinnen und Genossen (die beiden Eigenschaften bedingen sich aber nicht automatisch), soll und muss darüber gesprochen werden, wie wir uns eine digitale Gesellschaft vorstellen. Die Gefahr ist jedoch groß, das Thema als TOP „en vogue“ zu instrumentalisieren oder Flickschusterei durch Kopieren der Positionen anderer zu betreiben. Es wäre daher klug, einen Gesellschaftsentwurf in Form einer „digitalen Gesellschaft“ vorzulegen. Diese Diskussionen werden Zeit brauchen. Zeit, die sich die Partei nehmen muss. Ein Lichtblick gibt es aber bereits: Wir haben in unserer Partei Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft – jetzt auch mehr und mehr aus der digitalen.

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meine 2ct

Bild von E.Bissich

ich möchte einmal meine Statements zu den angeschnittenen Punkten einbringen:
Bildungspolitik:
Hier würde es helfen, den Pädagogen, die die neuen Medien verteufeln, auf die Materialien von www.gmk-net.de und ähnlichen Angeboten hinzuweisen.
Teilhabe:
Volle Zustimmung. Der Ausbau der technischen Infrastuktur für einen flächendeckenden Breitbandzugang ist ein absolutes Muss.
Medienpolitik:
Hier reicht es darauf zu achten, dass dem Jammern um den Erhalt des Qualitätsjournalismus nicht zu Netzmanipulation, Userüberwachung, Abmahnwahn o.ä. führt. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn einige Verlage mit paid content experimentieren. Es wird immer auch freie Alternativen geben. Aktuell sehe ich die Qualität von unabhängigen Medien weit über der Qualität der Medien, die von Parteien beeinfusst werden.
Schutz des Individuums:
Die Antwort ist ganz einfach. Anonymität schützt. Wer also ein wachsames Auge auf den Schutz der Privatsphäre und der Anonymität hat, der schützt damit auch die Individuen.
Urheberrecht:
Ich gestehe jedem Urheber das Recht zu, über die Art der Nutzung seiner Werke selbst zu entscheiden. Wenn ich mir die Ziele der Piraten anschaue sehen die das genau so. Was ich mir verbitte, und auch darin stimme ich mit den Piraten überein, ist, dass die Hilflosigkeit bei der Durchsetzung der Rechte zum Anlass genommen wird, Überwachung oder Freiheitseinschränkungen einzuführen.
Wenn der Urheber über die Nutzung seiner Werke entscheidet, muss er auch darüber nachdenke, ob und wie sein Vermarktungsmodell duchsetzbar ist.
Ein interessanter Punkt ist das Creative Commons Lizenzmodell. Es ist eine gute Möglichkeit, in kürzester Zeit bekannt zu werden. Es gibt aber zwei Punkte die der Urheber beachten sollte:
1. Die Qualität des Werkes muss gut sein. Die Strategie, ein schlechtes Produkt mit einer gewaltigen Marketingkampange hochzuloben, eine kurzfristigen Hype zu erzeugen und dann zuviel einzunehmen, dass die Marketingkosten mit bezahlt werden können, funktioniert mit CC nicht.
2. CC ist ein Lizenzmodell, kein Vermarktungsmodell. Der Urheber muss sich vorher überlegen, wofür er am Ende Geld bekommen möchte.
Dass CC auch als Grundlage für Wirtschaftlichen Erfolg genutzt werden kann, zeigt sehr gut der Autor Cory Doctorow. Von ihm stammt der Satz: "Bei den meisten Leuten, die heute keines meiner Bücher gekauft haben, liegt das daran, dass sie noch nie von mir gehört haben, und nicht daran, dass ihnen irgendjemand eine kostenlose Kopie davon in die Hand gedrückt hat."
Demokratie:
Unsere aktuelle Demokratie ist manipuliert. Durch Retorik, Neurolinguistische Programmierung, dem Schüren von Ängsten und permanente Wiederholung von bestimmten Aussagen, werden massenhaft Menschen manipuliert.
Ein schönes Beispiel dazu: Aus Nacktscannern werden erst Körperscanner, dann Bodyscanner. Selbst wenn wir diese Geräte Anti-Terror Scanner nennen, es bleibt ein Angriff auf die Privatsphäre. Es werden auch von einem passiven Anti-Terror-Flugsicherheits-Passagierschutz-Scanner Intimschmuck, ein künstlicher Darmausgang und ähnliche unangenehme Detail enthüllt. Über Wirksamkeit und Kosten schweige ich jetzt mal.
Gesellschaft:
Die digitale Gesellschaft und die analoge Gesellschaft werden immer eng miteinander verflochten sein. Themen, Informationen und Diskussionen müssen aus dem Netz in die Parlamentssäle getragen werden. Ich habe zu jedem Punkt aus dem Artikel ein Statement abgegeben. Die Ideen sind nicht neu, sie sind so alt wie die Netzpolitik selbst. Was die SPD an einer guten Netzpolitik hindert, sind nicht die Ideen, sondern die Tatsache, dass diese Ideen nicht an der Spitze der SPD ankommen.

??

Bild von Henning Tillmann

Lieber unbekannter Nutzer,

hast du den Text auch mal gelesen?

Herzlichst,
Henning

Ihr habt mal wieder gar

Bild von Anonymous

Ihr habt mal wieder gar nichts verstanden außer dem Netzrauschen. So wird das nichts. Ein paar mal Netzpolitik und Internet sagen, reicht einfach nicht aus, um zu sein wie die Piratenpartei. Denn die hat im Gegensatz zu Euch die Netzbewegung verstanden und diese Änderung in den Köpfen, ist der SPD doch eigentlich zu wider. DESHALB werdet Ihr scheitern, nicht nur weil man Euch Eure ständigen Kurswechsel nicht mehr abnimmt. Netzpolitik bedeutet mehr als die Freiheit der Netze. Und so wie Ihr einst die Arbeiterbewegung repäsentiert habt, die Grünen die 68er, so repräsentiert die Piratenpartei die Netzbürger in der Wissensgesellschaft. Die Einzelbemühung der SPD-Piraten kommen zu spät und sie repräsentieren nicht die SPD der Genossen, die sich ebenfalls längst in die SPD und die Linkspartei Oskars gespalten hat. Ihr liebe SPD, seid die Dinosaurier der neuen politischen Welt. Zu behäbig. Und deshalb werdet Ihr zusehends aussterben. R.I.P. SPD

Wachsen braucht Zeit

Bild von Hans Kolpak

1969 lernte ich Schreibmaschine schreiben.

1984 interessierte mich elektronische Datenverarbeitung.

1987 faßte ich Personal Computer an.

1994 rief ich Internetseiten auf.

1997 programmierte ich Internetseiten.

2004 wurde ich Internet-Versandhändler.

2007 nutzte ich Content Management Systeme.

2010 setze ich Digital Asset Optimization ein: Texte, Bilder, Filme, News, Social Web.

So ein viertel Jahrhundert Wachstum läßt mich heute ganz anders dastehen als eine Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die sich gerade neu erfindet, um glaubwürdig zu wirken.

Ich brauche nur morgens aufstehen.
Ich bin bereits glaubwürdig - seit 1953.

Du hast natürlich Recht...

...manchmal fokussieren wir uns vielleicht zu stark auf die technischen Probleme. Aber Dein Artikel ist schon mal eine gute Vorlage. Hoffentlich nehmen sich die Netzpolitiker in der SPD den mal vor!

gute Arbeit

Bild von Dooorie

Die vielen Fragen zu beantworten wird freilich knifflig. Gerade das Beispiel Urheberrecht zeigt, dass es um einen vernünftigen Ausgleich der Interessen gehen muss. Wenn Unternehmen einerseits ihre Marktmacht gegenüber Kreativen ausnutzen und sich die Rechte an deren Artikeln, Fotos, etc. für geringes Geld pauschal und unbegrenzt übertragen lassen, aber gleichzeitig über Diebstahl von Dritten jammern, seien es Suchmaschinenanbieter oder Tauschbörsen-Kiddies, dann ist an der Debatte etwas schief. Die SPD braucht den Mut, sich auch mit den Meinungsmachern in dieser Republik in einen kritischen Dialog zu begeben. Ohne Konfliktbereitschaft mit mächtigen Lobbygruppen ist eine konsistente Position nicht möglich.

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