Am Tag nach der Wahl erscheint selbst der Gewinner als Verlierer, kann sich Wulf doch nicht erklären, warum auf einmal die, die im ersten und zweiten Wahlgang gegen ihn waren, sich im dritten Wahlgang für ihn entschieden haben.
Das lässt nur zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder wollten mehr als vierzig Abgesandte der Koalition der Regierung aus Unzufriedenheit einen Schuss vor den Bug verpassen, um dann doch den Kandidaten zu wählen. Dann hätten sie den nicht zu leugnenden Koalitionsstreit auf dem Rücken beider wichtigen Kandidaten ausgetragen. Oder aber sie sind den dringlichen Appellen zur Geschlossenheit gefolgt. Dann hätten sie sich einem Koalitionszwang gefügt und hätten entgegen besseren politischen Gewissens abgestimmt.
In beiden Fällen hätte die Glaubwürdigkeit der Politik deutlich gelitten. Die Regierung aus CDU und FDP hat verloren, weil deutlich wurde, wie schwach die Kanzlerin mit ihrem noch schwächeren Vizekanzler wirklich ist.
Verloren hat auch die Linke, die es verpasst hat, zur rechten Zeit mit ihrer DDR- Vergangenheit abzurechnen. Die Entscheidung, sich nach Frau Jochimsens Verzicht im dritten Wahlgang bis auf drei Stimmen zu enthalten, bringt ihr zurecht zwei Vorwürfe ein: Sie sind zum Steigbügelhalter Christian Wulfs geworden und sie haben durch die breite Verweigerung, Joachim Gauck zu wählen gezeigt, dass sie ihre unrühmliche Vergangenheit gar nicht ablegen wollen.
So betrachtet hat auch NRWs mögliche zukünftige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Recht behalten, wenn sie sagt, die Linke sei auch zwanzig Jahre nach der Widervereinigung nicht regierungs- und verantwortungsfähig.
Letztlich hat natürlich auch der Kandidat Joachim Gauck verloren, der sich gerade nach dem zweiten Wahlgang ohne absolute Mehrheit für Wulf schon Hoffnung auf das höchste Staatsamt machen durfte.
Er aber wird nahezu unbeschadet aus dieser Lehrstunde zum Thema „Wie Politik nicht sein sollte“ heraus kommen. Konnte er sich doch der breiten Sympathie des Volkes sicher sein. Darüber hinaus hat sein „Scheitern“ wahrlich gezeigt, dass mit der Linken auch heute noch etwas nicht stimmt und eine noch detailliertere Aufarbeitung der DDR-Geschichte wahrlich vonnöten ist.



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