Laut Statistik der Agentur für Arbeit in Düsseldorf bekamen im Februar rund 500 000 Nordrhein-Westfalen Arbeitslosengeld II (ALG II), im Volksmund Hartz IV genannt. «Wer noch nie in die Rentenkasse eingezahlt hat und Hilfen zum Lebensunterhalt benötigt, fällt in den Regelkreis des Sozialgesetzbuches II (SGB II) und kann bei der ARGE die Grundsicherung beantragen», erklärt Paul Moser von der Bonner Agentur für Arbeit.
Wer hingegen vor der Arbeitslosigkeit innerhalb von zwei Jahren mindestens 360 Tage versicherungspflichtig gearbeitet hat, bekomme Arbeitslosengeld I (ALG I) und damit einen Prozentsatzes seines alten Lohns ausgezahlt. Zuständig dafür ist die Agentur für Arbeit auf Grundlage des Sozialgesetzbuchs III (SGB III). Ich komme direkt von der Uni, habe zwar nebenbei immer gearbeitet, musste aber als Studentin keine Abgaben an die Arbeitslosenversicherung zahlen. Also habe ich nur Anspruch auf Hartz IV. Arbeitslos zu sein, ist zweifellos nicht nur bedrückend sondern auch kompliziert, auch mit Hochschulabschluss.
In NRW waren zu Beginn dieses Jahres 12 489 Akademiker als Hartz-IV-Empfänger gemeldet, das sind 2,5 Prozent. «Wie viele davon direkt von der Hochschule kommen, können die Statistiker nicht nachvollziehen», sagt Elke Schößler von der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. Ich gehöre jedenfalls dazu.
Und ich alleine kenne etwa sieben andere, deren Karriere nach der Uni ebenfalls bei der ARGE beginnt. Der Hartz-IV-Regelsatz beträgt seit Juli 2009 bundesweit 359 Euro. Mietzuschuss bekomme ich nicht, weil ich bei meinem Freund wohne. Dafür bin ich sozialversichert, und das war der Hauptgrund, der mich zur ARGE getrieben hat. Zu Zeiten der Sozialhilfe hätte ich mit 296 Euro auskommen müssen. Kann ich mich also glücklich schätzen?
Ich bin 26 Jahre alt, habe neben Politikwissenschaft Öffentliches Recht und Französisch studiert, spreche neben Englisch und Französisch Italienisch, habe zweieinhalb Jahre meines Studiums im Ausland verbracht und zahlreiche Praktika gemacht. Ursprünglich wollte ich gar nicht über mich selber schreiben. Doch meine Bemühungen, betroffene Hochschulabsolventen dazu zu bringen, ihre Geschichte zu erzählen, blieben erfolglos.
Viele schämen sich, öffentlich über die Arbeitslosigkeit zu reden. «Das kann ich verstehen», sagt ein ehemaliger Kommilitone von mir. «Wenn Du mal überlegst, wie wichtig Arbeit gewertet wird, da will doch keiner der Außenwelt zeigen, ich habs nicht gepackt und musste Stütze beziehen.» Die Arbeitslosigkeit betrifft nicht nur Geisteswissenschaftler. Ich kenne Betriebswirtschaftler, Physiker, Geografen, die alle nach der Uni auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen können.
«Viele melden sich gar nicht bei uns», sagt Moser. Es sei ihnen peinlich staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. «Dabei war der Hintergrund der Zusammenlegung von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe ja eigentlich der, dass die Menschen aus der Anonymität herausgeholt und intensiver betreut werden sollten», so Moser.
«SGB II ist schlichtweg negativ besetzt», sagt Ralf Holtkötter, Geschäftsführer der ARGE Rhein-Sieg. Arbeitslosigkeit habe immer einen gewissen Beigeschmack und das öffentliche Bild der Drückeberger und Unfreiwilligen beherrsche die Köpfe. Arbeitspsychologe Karsten Paul in Erlangen erklärt: «Kommt es zur Arbeitslosigkeit, machen wir in den westlichen Kulturen immer das Individuum für seine Lage verantwortlich, nicht die Gesellschaft oder die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt.» Dabei stelle der Markt häufig einfach keine Arbeitsplätze mehr zur Verfügung, sagt Moser und fügt hinzu: «Ich weiß, wie wichtig das für die Psyche des Menschen ist, dass er eine Beschäftigung hat.»
Holtkötter bezeichnet studierte Arbeitslose als «durchlaufende Posten». «Junge Hochschulabsolventen sind die Ausnahme, nicht die Regel. Sie sind hoch qualifiziert, motiviert und in der Lage sich selbst gut zu vermarkten.» Die Personalchefs vieler Unternehmen scheinen das anders zu sehen.
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